Wie kann der Bahnhof fahrgastfreundlicher werden? Claudia Böhm, Jutta Schuster-Krautschneider und Timo-Daniel Voß (von links) wünschen sich beispielsweise einen zweiten Durchbruch am Südkopf. Foto: factum/Simon Granville

Anläufe zu Verbesserungen hat es schon einige gegeben, Umfragen und Workshops auch. Geändert hat sich wenig. Dass das nicht so bleibt, dafür will der neu belebte Fahrgastbeirat sorgen. Ein Rundgang über den Ludwigsburger Bahnhof.

Ludwigsburg - Eigentlich, findet Timo-Daniel Voß, sei es gar nicht so schwer, den Ludwigsburger Bahnhof einigermaßen auf Vordermann zu bringen. Voß ist Pendler, er wohnt in Ludwigsburg, arbeitet aber in Mannheim. Deshalb kennt er jede Menge Bahnhöfe. Und der Ludwigsburger gehört definitiv zu den weniger einladenden. Nur müsste endlich mal jemand anfangen damit, den Bahnhof aufzuhübschen, meint der 29-Jährige.

Nun ist es nicht so, dass in der Vergangenheit zu wenig über den Bahnhof diskutiert wurde. Nein, seit Jahren ist er Thema im Gemeinderat, der Ex-Oberbürgermeister Werner Spec hatte die Vision vom „Wohlfühlbahnhof“, einem Ort, an dem sich die Menschen gerne aufhalten. Und erntete – als sich nichts besserte – viel Häme. Auch sein Nachfolger Matthias Knecht äußerte Anfang des Jahres die Hoffnung, dass aus dem Schandfleck ein schönes Einfallstor zur Innenstadt, „eine Visitenkarte“ für Ludwigsburg, wie Knecht es ausdrückte, wird. Geändert hat sich aber auch unter Knecht noch nichts.

Und dann ist da noch der Bahnhofsmanager Axel Müller, der aus der jetzigen Situation das Beste machen muss. Und das macht er, so gut es die Umstände eben zulassen. Dabei setzt Müller auch auf diejenigen, die den Bahnhof nutzen. Pendler, Anwohner, Mitarbeiter der ansässigen Geschäfte. Ende vorigen Jahres hat Müller deshalb den Fahrgastbeirat wiederbelebt, der erst arg vor sich hin dümpelte und zuletzt faktisch nicht mehr existierte. Dabei gibt es offenbar genug Menschen, denen das Wohl des Bahnhofs und der Fahrgäste ein Anliegen ist. Zu ihnen gehört auch Timo-Daniel Voß.

Der Bahnhof ist viel zu klein für die Menge an Pendlern

Gemeinsam mit 14 anderen, die zum neuen „Bahnhofsrat“ gehören, will er darauf hinwirken, den Bahnhof barrierefrei, sauberer und fahrgastfreundlicher zu machen. Dass das alles fehlt, zeigt sich auf einem Rundgang durch den Bahnhof mit Voß und zwei seiner Mitstreiterinnen.

„Beim Aussteigen aus der Bahn ist es immer so eng“, sagt Claudia Böhm. „Auf den Bus zu rennen, wenn man spät dran ist, kann man eigentlich vergessen.“ Die 55-Jährige wohnt in Neckarweihingen und pendelt zur Arbeit nach Stuttgart. Als sie das erzählt, fährt eine S-Bahn in den Bahnhof ein. Schnell ballen sich die Fahrgäste an den Treppenabgängen. Eine Mutter hält ihr Kind an der Schulter fest, damit es nicht im Pulk verschwindet. „Dabei sind gerade Ferien, und es ist nicht einmal Feierabendverkehr“, sagt Claudia Böhm.

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Und es dürfte noch wesentlich schlimmer werden – nach den Ferien und auch auf längere Sicht. Die Bahn will bis zum Jahr 2030 die Zahl ihrer Fahrgäste verdoppeln, und 2028 wird Ludwigsburg zum IC-Halt. Im vorigen Jahr wurden täglich fast 50 000 Fahrgäste gezählt. Diejenigen, die die Bahnhofsunterführung nutzen, um von der Stadtmitte in die Weststadt zu kommen, gar nicht mit eingerechnet.

Jutta Schuster-Krautschneider steht vor einem der Aufzüge im Bahnhof und drückt den Knopf. Der Aufzug kommt. „Ausnahmsweise“, sagt die 64-Jährige. Auch sie ist jahrelang über den Bahnhof nach Stuttgart zur Arbeit gefahren. Die gebürtige Ludwigsburgerin ist aber auch aus einem anderen Grund Mitglied im Bahnhofsrat geworden. Sie betreut ehrenamtlich Senioren. „Und für die ist es wirklich schwer, sich im und um den Bahnhof zu bewegen.“ Die Probleme sind vielfältig: zu wenige Geländer an den Treppen, kaputte Aufzüge, keine Kofferbänder, die Enge im Bahnhof – und auch auf den Gleisen.

Ist Sicherheit nur ein untergeordnetes Problem?

An Gleis 1 rauscht eine Lok vorbei. Der Fahrer hupt, obwohl die drei Bahnhofsrat-Mitglieder hinter der weißen Abstandslinie stehen. Aber neben den Treppen ist so wenig Platz, dass man kaum aneinander vorbeigehen kann, ohne in den eigentlich verbotenen Bereich zu kommen. „Der Länge nach hinfallen sollte man da lieber nicht“, sagt Timo-Daniel Voß. Dass es selten zu Unfällen kommt, sei eigentlich verwunderlich. Denn Güter- und Schnellzüge, die durch den Ludwigsburger Bahnhof brettern, werden den wartenden Fahrgästen gar nicht angekündigt.

Und die Probleme ziehen sich weiter – ins Bahnhofsgebäude hinein. Was die Sauberkeit angehe, sei es rund um den Bahnhof schon wesentlich besser geworden, findet Claudia Böhm. Sie sagt das, obwohl immer noch unzählige Kaugummis überall auf dem Boden kleben, die Rückseite des kleinen Kiosks auf dem S-Bahnsteig ist vollgeschmiert. Kann man sich an einem solchen Ort wohlfühlen?

Angst, sich am Bahnhof aufzuhalten hätten sie nicht – auch nicht bei Nacht –, sagen Claudia Böhm und Jutta Schuster-Krautschneider. „Da gibt es viele Bushaltestellen, an denen ich wesentlich ungerner warte“, sagt die 64-Jährige. Zwar werde der Bahnhof oft als unsicher beschrieben, „aber das ist eher ein subjektives Gefühl“, glaubt Voß. Belegen lasse sich das beispielsweise mit den relativ spärlichen Polizeiberichten zu Vorfällen im Bahnhof.

Ratsmitglieder haben konkrete Verbesserungsvorschläge

Voß, Böhm und Schuster-Krautschneider stehen vor dem beklebten Eingangsbereich des ehemaligen Saturn-Markts im Bahnhof. Zuletzt war hier die Spielwarenkette ­Toys’R’Us beheimatet. Die größte Verkaufsfläche steht aber schon seit einer gefühlten Ewigkeit leer. „Natürlich könnte man einen Wartebereich einrichten“, sagt Schuster-Krautschneider. „Aber der Leerstand ist für die Immobilienfirma billiger“, ergänzt Voß. Der Bahnhofsrat kennt die schwierige Situation mit den verschiedenen Parteien, die allesamt ein Wörtchen mitzureden haben, wenn es um den Bahnhof geht. Für die Gleise, Steige, die Unterführung und die Aufzüge ist die Bahn zuständig; für das Reisezentrum samt seinen Geschäften die Münchner Immobiliengesellschaft Dibag – und am Busbahnhof hat die Stadt das Sagen. Sie will den ZOB eigentlich umbauen, die Arbeiten werden wohl aber nicht vor 2024 beginnen.

Der Bahnhofsrat hofft, dass sich dann auch an anderer Stelle etwas tut. Große Hoffnung setzen die Mitglieder beispielsweise in einen zweiten Durchbruch am Südkopf des Bahnhofs, der die Besucherströme etwas entzerren könnte. Die Bahnhofsräte sind guter Hoffnung, dass die Bahn, der Immobilienentwickler Dibag und auch die Stadt mitmachen. Selbsterklärtes Ziel des Rats ist es, irgendwann überflüssig zu sein. Wie lang das dauern könnte? „Vielleicht fünf, sechs Jahre“, sagt Jutta Schuster-Krautschneider. Timo-Daniel Voß ist da weniger optimistisch. „Ich glaube, den Bahnhof werden wir noch begleiten, wenn wir alt und grau sind.“

Wie viel Geld ist nach der Krise für den Bahnhof da?

Auch Bahnhofsmanager Axel Müller will erst abwarten, inwieweit nach der Corona-Krise die Bereitschaft vorhanden ist, Geld in die Hand zu nehmen. „Ich glaube aber, dass inzwischen alle verstanden haben, dass der Bahnhof – so wie er ist – nicht zukunftsfähig ist“, sagt Müller. Und aus seiner Sicht hat der neu gegründete Bahnhofsrat auch schon etwas erreicht: „Er macht meine Arbeit leichter, weil er meinen Bemühungen, etwas zu verbessern, Glaubwürdigkeit verleiht.“

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