Foto: Faltin

Ein Verein versucht am früheren KZ Kislau bei Bruchsal ein neuartiges Konzept. Es geht nicht nur um Geschichtsvermittlung, sondern um die Diskussion von Werten. Bisher fehlt aber das Geld für den Bau des „Lernorts“.

Bad Schönborn - Das Schloss Kislau (Kreis Karlsruhe) könnte ein idyllischer Ort sein: Die barocken Gebäude bilden ein herrliches Ensemble, ein Bächlein fließt an einer Pferdekoppel vorbei, Himbeeren wachsen auf den Feldern. Doch die heutigen Bewohner sind nicht freiwillig dort, das Anwesen gehört zur Justizvollzugsanstalt Bruchsal, Stacheldraht überall. Und das Schloss hat eine dunkle Vergangenheit: Von 1933 bis 1939 hat das NS-Regime dort versucht, jene zu brechen, die sich nicht beugen wollten: Sozialdemokraten, Zeugen Jehovas, Pfarrer. Nur eine unscheinbare Säule am Haupttor erinnert daran.

Ein kleiner Verein im 35 Kilometer entfernten Karlsruhe will Kislau, den kleinen Teilort der Gemeinde Bad Schönborn, nun aber zu einem neuartigen Lernort machen. Es geht dem Verein „Lernort Zivilcourage & Widerstand“ mit 70 Mitgliedern nicht darum, allein an das NS-Unrecht zu erinnern, wie manche andere Gedenkstätte es tut – vielmehr sollen Schüler dort lernen, wie schnell die Demokratie in ihren Grundfesten bedroht sein kann, und sie sollen darüber nachdenken, wie viel Willkür sie selbst ertragen oder wie sie in einer schwierigen Zeit Haltung bewahren könnten.

Das zentrale Thema im geplanten Lernort nahe dem Schloss ist deshalb die Gegenwart, aber sie wird geprüft vor dem Hintergrund der Weimarer Republik, als die Nazis immer mehr Macht gewannen. Das Motto der Stätte kommt von Erich Kästner: „Man darf nicht warten, bis aus dem Schneeball eine Lawine geworden ist. Man muss den rollenden Schneeball zertreten, die Lawine hält keiner mehr auf.“ Gut 70 Jahre nach dem Krieg, da die meisten Zeitzeugen tot sind und Jugendliche die NS-Zeit als rein historisch empfinden, ist dies ein Versuch, Erinnerungskultur und politische Bildung auf neue Weise zu vereinen.

Das Geld für den Neubau ist bisher nicht vorhanden

Fünf Jahre sind seit der Gründung des Vereins vergangen, heute ist er an einem kritischen Punkt angekommen. Andrea Hoffend, Lusia Lehnen und Andreas Schulz haben als hauptamtliches Team ein Konzept erarbeitet und einen Architekturwettbewerb durchgeführt – weil das Schloss als Haftanstalt nicht infrage kommt, wäre nur ein Neubau als Lernort möglich. Alle Pläne sind fertig. Doch wer übernimmt die drei Millionen Euro Baukosten und den Etat für den späteren Betrieb?

Spenden könnte man vermutlich nur für die Einrichtung einwerben, nicht für den Bau, sagt Hoffend. Also setzt man auf das Land und die umliegenden Landkreise und Städte. Eine ähnliche Entwicklung hat das Hotel Silber in Stuttgart hinter sich; in das zunächst rein bürgerschaftliche Projekt stiegen zuletzt Land und Stadt ein. Derzeit wird es für drei Millionen Euro umgebaut.

Immerhin hat das Land bereits zum dritten Mal 200 000 Euro jährlich bewilligt, damit das Kislauer Projekt vorangetrieben werden kann. Und es würde auch das Grundstück stellen. Denn Kislau ist nicht nur wegen des neuen Ansatzes von landesweiter Bedeutung – in Baden gibt es bisher keine Gedenkstätte, die mit dem Oberen Kuhberg in Ulm oder dem Hotel Silber vergleichbar wäre. Doch die politische Willensbildung ist, was den Neubau betrifft, noch nicht auf der offiziellen Regierungsebene angekommen. Zwar gibt es Gespräche mit Akteuren, aber weder Staats- noch Finanzministerium fühlen sich zuständig, ebenso wenig der Landtag.

Schüler sollen nachdenken über die Demokratie

In den anderen Gedenkstätten in Baden-Württemberg honoriert man die Bemühungen des Kislauer Vereins sehr und lobt die politische Dimension des Konzepts. Aber ein wenig Gegrummel gibt es schon. Das Land hat in den vergangenen Jahren die Zuschüsse für alle Gedenkstätten stark erhöht – dennoch erhalten das Dokumentationszentrum Oberer Kuhberg und die Gedenkstätte Grafeneck heute jährlich 120 000 Euro, Kislau dagegen wurde fast auf Anhieb mit 200 000 Euro bedacht. Darüber wundern sich manche ein wenig. Und alle betonen zu Recht, dass auch sie innovative Ansätze entwickelt hätten. In Ulm etwa läuft derzeit das Projekt „Man wird ja wohl noch sagen dürfen . . .“, bei dem Jugendliche zu einem kritischen Umgang mit menschenverachtender und diskriminierender Sprache ermutigt werden sollen.

Die Kislauer Projektleiterin Hoffend, die übrigens mit dem Karlsruher OB Frank Mentrup (SPD) verheiratet ist, sieht sich aber nicht als Konkurrenz, sondern als Ergänzung. Sie glaubt an den Neubau. Die Schüler würden in einer Lobby von Betreuern in ihrer eigenen Lebenswelt abgeholt und angeregt, sich Gedanken über die Werte zu machen, die ihnen wichtig seien. Dann gehe es durch eine Schleuse in die Vergangenheit, auf einen Geschichtsparcours, wo Kinder einzelnen Personen nachspürten. „Wir wollen den vergessenen frühen Gegnern des Nationalsozialismus ein Gesicht geben“, sagt Hoffend. Oft gebe es von ihnen nur Fotos von NS-Behörden, auf denen sie als Opfer zu sehen seien – in Kislau solle ihnen ihre Würde als kämpferische, weitsichtige Menschen zurückgegeben werden. Am Ende würden die Schüler in einem Forum über ihre Erkenntnisse und ihre Haltung zur Demokratie sprechen. Bis dahin ist es aber ein weiter Weg.

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