Keine Warteschlange mehr: Die Gäste der Vesperkirche werden nun am Tisch bedient. Foto: Lichtgut/Julian Rettig

Um lange Warteschlangen zu vermeiden, servieren ab diesem Jahr die Ehrenamtlichen in der Vesperkirche den Gästen das Essen. Ab dem 19. Januar hat das Zuhause auf Zeit für Bedürftige und Obdachlose wieder für sieben Wochen in der Leonhardskirche geöffnet.

Stuttgart - Die Schlange an der Essensausgabe hat in der Vesperkirche immer etwas für Unruhe gesorgt, oft kam es gar zu Streiterein. Die Speisung der Bedürftigen und Obdachlosen wird deshalb nach 25 Jahren neu organisiert. „Zum ersten Mal bringen wir unseren Gästen das Essen an die Tische“, sagt Diakoniepfarrerin Gabriele Ehrmann. Das passe auch gut zum aktuellen Motto: Dient einander. „Das klingt fremd, kommt aus einer anderen Zeit“, ergänzt Ehrmann, die zum dritten Mal zum Leitungsteam der Aktion für Stuttgarter Bedürftige und Obdachlose gehört. Aber man wolle in diesem Jahr einen besonderen Akzent auf die Gastfreundschaft setzen und die Menschen, die in die Vesperkirche kommen, noch mehr wie Gäste behandeln. Niemand muss also mehr anstehen für ein warmes Mittagessen.

Sieben Wochen geöffnet

Am 19. Januar öffnet die Vesperkirche wieder für sieben Wochen ihre Türen in der Leonhardskirche in der Stuttgarter Innenstadt. „Weil sie sich immer noch nicht erübrigt hat“, sagt Ehrmann. Noch immer gebe es in einer reichen Stadt wie Stuttgart zu viele Arme. Rund 60 000 Menschen seien Bezieher der Bonuscard. Ein Angebot der Stadt Stuttgart, mit dem Menschen trotz finanzieller Einschränkungen die Möglichkeit haben, vergünstigt am sozialen, kulturellen und sportlichen Leben der Landeshauptstadt teilhaben zu können. Teilhabe, auch das ist in diesem Jahr wieder ein wichtiger Aspekt der Vesperkirche. „Wir sind nicht nur eine Suppenküche, auch wenn das Essen wichtig ist“, betont Ehrmann.

Neben medizinischer Beratung, Gottesdiensten und Andachten bieten die Veranstalter mithilfe zahlreicher Mitwirkenden auch wieder ein umfangreiches Kulturprogramm an. Der Höhepunkt, der Auftritt der Vesperkirchenband Rahmenlos und frei, darf dabei natürlich nicht fehlen. Neu ist im Jahr 2020 eine Kunstaktion mit dem Künstler Harald Birck. Er wird an zwei Tagen Besucher modellieren. „Er dient unseren Gästen, indem er sie in Ton abbildet“, sagt Ehrmann. Für viele Gäste ist das ein ganz neues Gefühl: „Einen Tag lang beschäftigt sich ein Mensch ausgiebig mit ihnen.“

Neuerungen im Leitungsteam

Auch im Leitungsteam hat sich etwas verändert: Elke Dangelmaier-Vinçon ist als neue Dekanin in der Vesperkirche aktiv. Seit September 2019 ist sie in der Evangelischen Kirche Stuttgart für den Bereich Diakonie zuständig. Ihr werde nachgesagt, sie habe „die Lizenz zum Umtreiben“, erzählt sie schmunzelnd.

Auch in der Leonhardskirche will sie nun mit umtreiben. Das neue Motto Dient einander begrüßt sie ausdrücklich: „Es geht quer zu dem, wie derzeit unsere Gesellschaft tickt.“ Es gehe viel zu sehr um die Verbesserung und Darstellung des eigenen Ich. Mit dem gewählten Motto hingegen werde der Andere in den Blick genommen.

„Wie geht es meinem Gegenüber? Was braucht er?“ Darum soll es laut Dangelmaier-Vinçon in der Vesperkirche nun noch mehr gehen. Schließlich sei es eine Schande, dass es die Vesperkirche in Stuttgart immer noch brauche, in einer reichen Stadt, in einem reichen Land – da ist sie einer Meinung mit Ehrmann. „Trotzdem ist es ein Segen, dass es die Vesperkirche gibt, die Menschen in Not ein Gesicht gibt, einen Ort und Würde.“

800 ehrenamtliche Helfer

In den vergangenen 26 Jahren hat die Evangelische Kirche das Angebot der Vesperkirche stetig erweitert. So gibt es längst einige Dienstleistungen, die die Gäste in Anspruch nehmen können. Wer möchte, kann: sich in der Vesperkirche zum Beispiel von einem Friseur die Haare schneiden oder sich medizinisch beraten lassen.

Gäste mit Hunden erhalten zweimal pro Woche eine Futterration für den Vierbeiner. Sonntags wird ab 16 Uhr ein Kulturprogramm mit Konzerten und Kabarett geboten – in der Saison 2020 startet das Kulturprogramm schon eine Woche vor Beginn der Vesperkirche. Die Stuttgarter Philharmoniker laden aus diesem Anlass am 12. Januar 2020 zu einem Sonderkonzert ins Gustav-Siegle-Haus ein.

Seit 2017 gehört auch das politische Format „Politiker hören zu“ zur Vesperkirche. Langzeitarbeitslose sprechen bei diesem Format vor Vertretern verschiedener Parteien und schildern ihnen ihre Situation. Die Politiker selbst kommen bei diesem Format bewusst nicht zu Wort, sie sollen zuhören.

Möglich gemacht werden die Angebote der Vesperkirche von über 800 ehrenamtlichen Helfern. 112 von ihnen sind Schüler, die in ihrer Freizeit Brote schmieren, Essen auf die Teller portionieren, Getränke ausgeben, die Gäste am Tisch bedienen oder das Geschirr spülen.

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