Der Redaktionsleiter Michael Schmidt kommentiert die Leonberger Kostenrisiken Foto: LKZ/moeller

Die Leonberger Bürgerschaft will die Sanierung des Sportzentrums. Den Rückhalt wird das Projekt brauchen können, denn die Sanierungsbedingungen sind schwierig – die Kosten könnten immens steigen. Der Wochenleitartikel des Redaktionsleiters.

Leonberg - Kleine Zeitreise gefällig? Wir schreiben den Spätsommer 1998, immer noch quälen sich Tag für Tag Abertausende von schweren Lastwagen und stinkenden Diesel-Pkws die steilen Rampen zum Engelberg hinauf, zerschneiden die Stadt, unmittelbar hinter dem Stadtpark. Die finale Entscheidung zum Systemwechsel nahte, „Schröder/Fischer kontra Kohl“ lautete das letzte Gefecht.

Der Polit-Doyen aus der Pfalz hatte ein entscheidendes Wahlgeschenk für die Region Stuttgart in der Hinterhand: Wenige Tage vor der Bundestagswahl floss der Verkehr durch die neue Röhre des Engelberg-Basistunnels, eben vom Strohgäu ans Glemsufer. Der Stau, den es wegen der kleinen Eröffnungszeremonie für das Großprojekt gegeben hat, war zwar nicht der letzte hier, aber immerhin soll Helmut Kohls Konvoi hin zu einem anderen Wahlkampf-Termin in Stuttgart darin noch stecken geblieben sein.

Nun, auch der Tunnel vermochte nicht die Bundestagswahl zu Gunsten der CDU zu entscheiden. Dass am Ende die Bau­kosten von geplanten 604 Millionen Mark auf 850 Millionen Mark kletterten, ­interessierte weniger als Kohls’ schwarze Koffer, die anno 1999 ans Tageslicht ­kamen. Der Aufschlag regte rund um ­Leonberg sowieso niemanden, aber auch im Land keinen auf. Denn keiner blickte mehr auf die Baustelle, sondern auf das Bauwerk, welches eine geschundene ­Autobahnstadt wieder lebensfreundlicher machte, welches das übelste Staunadelöhr im Land gelöst hatte. Es ist vielleicht das Problem der Stuttgart 21s dieser Welt: Dass man eben das große Ziel in den Mühen des Gebirges schnell vergisst.

Gemessen an diesen großen Infrastrukturprojekten scheint es bescheiden, was Leonberg bis ins Jahr 2013 für Kinder, Jugendliche und junge Familien investiert. Doch 20 Millionen Euro sind viel Geld für eine Stadt, die für jeden Cent an Investitionen Kredite aufnehmen muss. Und da treffen Baukosten-Steigerungen die Kommune umso härter, weil sie die städtische Verschuldung noch weiter treiben.

Die Rathausspitze scheut derzeit das Wörtlein Baukostensteigerungen wie der Teufel das Weihwasser. Und doch werden höhere Kosten wohl oder übel so sicher wie das Amen in der Kirche sein. Alle ­Rahmenbedingungen weisen darauf hin, dass das Preise für Roh-, und Werkstoffe steigen, ebenso dass die Kapazitäten ­entsprechender Bauunternehmen ­ausgelastet sind. Der Rechtsanspruch auf Kleinkindbetreuung entpuppt sich als ­gigantisches Konjunkturprogramm der Bundesregierung.

Es gibt natürlich die Möglichkeit, insbesondere bei der Sanierung des Sportzentrums, das eine nicht zu tun und das andere zu lassen. Solch ein kurzsichtiges Handeln kann aber keiner wollen. Es wäre fatal, wenn sich kurz nach dem Sanierungsabschluss neue Löcher in der Substanz auftun. Die Leonberger Bürgerschaft hat im Fall des Sportzentrum mit der Sanierung auch die höhere Unwägbarkeit der Kosten gewählt. Die neuen Formen der Kinderbetreuung hingegen, bergen noch anderen finanzpolitischen Sprengstoff: Nicht vorwiegend an den Investitionen, sondern an den laufenden Kosten werden alle Kommunen schwer zu knabbern haben.

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