Hier haben Wildschweine ihre deutlichen Spuren hinterlassen. Foto: factum/Archiv

Mit einer Ausgleichskasse will die Stadt den Waidmännern unter die Arme greifen. Gerade im Jagdbezirk Eltingen nehmen die Zerstörungen zu. Doch mehr Abschussmöglichkeiten gibt es nicht. Wildschweine verstecken sich an der Autobahn.

Leonberg - Landwirte, Jäger oder Besitzer von Gartenhäusern können ein Lied davon singen: Die Schäden durch Wild werden von Jahr zu Jahr größer. Insbesondere Wildschweine pflügen gerne des nachts ganze Äcker oder Wiesen um.

Bisher haben die Jagdpächter die Kosten für die Schäden übernommen. So sehen es die Verträge vor, die die Stadt Leonberg mit den insgesamt 15 Pächtern einer Jagd abgeschlossen hat. Doch insbesondere im Jagdbezirk Eltingen sind Wildschäden in den vergangenen Jahren sprunghaft nach oben gegangen. Lagen sie in der Saison 2009/2010 noch bei 1800 Euro, so stiegen sie in den Folgejahren kontinuierlich an. In der aktuellen Jagdsaison 2013/2014 sind die durch Wild verursachten Schäden auf nahezu 8000 Euro hochgeschnellt.

Für die Jäger zu viel des Schlechten. Sie haben sich an die Stadt gewandt: Leonberg möge sich am Regulieren der Schäden beteiligen. Doch einfach die kompletten Kosten übernehmen, kam angesichts der angespannten Haushaltslage für die Stadt nicht in Frage. Die Lösung wurde nach längeren internen Beratungen mit Jägern, Landwirten und Verwaltungsfachleuten in einer sogenannten Wildschadensausgleichkasse gefunden, die der Gemeinderat jetzt einstimmig beschlossen hat.

Das Prinzip: um einen finanziellen Grundstock zu haben, wird die Hälfte der Pachtgebühren, die die Jäger bezahlen, in die neue Kasse einbezahlt. In der aktuellen Saison haben alle Jäger zusammen knapp 23 000 Euro Pachtgebühren überwiesen. Aus dieser Ausgleichskasse sollen die jeweiligen Schäden anteilig bezahlt werden.

Maximal 30 000 Euro dürfen sich in der Kasse ansammeln. Wird das Geld in einer Saison nicht komplett benötigt, kann es in die vorbeugende Verhütung von Wildschäden investiert werden.

Dabei wird es zusehends schwieriger, dem buchstäblichen Wildwuchs Herr zu werden. Nicht nur, dass sich gerade Wildschweine immer stärker vermehren. Auch die Jagdbedingungen haben sich erschwert. Nachtsichtgeräte und Schalldämpfer sind verboten. Jogger, Spaziergänger, Mountainbiker oder Geocacher sind mittlerweile nicht nur am Tag unterwegs, sondern auch in der Dunkelheit. Die Jäger müssen also selbst abends und in der Nacht aufpassen, nicht irrtümlich einen Menschen zu treffen.

Und Schwarzwild kann nicht so einfach gestellt werden. Die Tiere wandern bis  zu 20 Kilometer in einer Nacht.

Die Autobahn, die die Kernstadt von den Feldern und Wäldern trennt, ist ein weiteres Problem. Aus Sicherheitsgründen sind Treibjagden hier nicht möglich. Und die Wildschweine haben die Autobahnböschungen zwischenzeitlich als hervorragende Rückzugsorte erkannt. „Das sind schlaue Tiere“, weiß der Stadtförster Ulrich Greß. „Die nehmen tagsüber lieber den Lärm durch den Autoverkehr in Kauf, wissen aber, dass sie ansonsten dort unbehelligt bleiben.“ Im Schutze der Nacht geht’s dann auf die Felder.

In der Politik stößt die Ausgleichskasse auf große Zustimmung. Wäre die Stadt den Jägern nicht entgegengekommen, so die einhellige Meinung, hätten viele womöglich ihre Pacht gekündigt und sich anderswo niedergelassen. „Das ist ein guter Schritt, um die ortsansässigen Jäger hier zu halten“, erklärte der Fraktionschef der Freien Wähler, Axel Röckle jetzt im Gemeinderat. „Denn die Jäger jagen nicht nur, sie helfen auch.“

Allein der Grünen-Fraktionschef Bernd Murschel zeigte sich angesäuert, dass in der Beschlussvorlage zur Ausgleichskasse das neue Landesjagdgesetz für weitere „Beschneidungen des praxisgerechten Jagens“ verantwortlich gemacht wird. „Es ist schon sehr befremdlich, dass in einer offiziellen Vorlage eine solche Wertung vorgenommen wird“, kritisierte der hauptberufliche Landtagsabgeordnete, der an der Novelle des Jagdgesetzes mitgearbeitet hat.

„War das also alles Quatsch, womit ich mich in den vergangenen Wochen beschäftigt habe?“, stichelte der Grüne. „Sie beschließen ja nicht den Text der Vorlage, sondern die Ausgleichskasse“, startete der Oberbürgermeister einen Vermittlungsversuch. Dennoch bestand Murschel darauf, dass seine Kritik zu Protokoll genommen wird. „Sie halten die Passage über das neue Landesjagdgesetz also für falsch?“, fragte Bernhard Schuler. „So kann man es sagen, ja“, erklärte der Grüne, bevor er dann doch die Hand hob, um die Ausgleichskasse mit auf den Weg zu bringen.

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