Vier, die sich nicht nur musikalisch glänzend verstehen: Patrick Bebelaar, Günther Lenz, Herbert Joos und Foto: factum/Bach

Der Jazztrompeter und Flügelhornist sorgt mit seiner Birthday Band für jede Menge Groove und Lacher im Spitalhof-Theater. Und obwohl drei Musiker die 70 überschritten haben, kommt ihr Sound unheimlich frisch und vital daher.

Leonberg - Dass die vier Herren auf der Bühne im Spitalhof zum ersten Mal in dieser Formation miteinander spielen und auch die Stücke maximal eine Viertelstunde lang vor dem Konzert angesehenen haben – das ist schier nicht zu glauben. Aber echte Jazzer sind so. Und die die vier, die sich zum Konzert von Herbert Joos und seiner Birthday Band im am Dienstagabend im Theater im Spitalhof eingefunden haben, sind im allerbesten Sinne alte Hasen.

Der in Stuttgart lebende Trompeter und Flügelhornist Herbert Joos hat in diesem Frühjahr seinen 75. Geburtstag gefeiert, Bassist Günter Lenz und Günter „Baby“ Sommer an den Drums haben ebenfalls die Schwelle mit der sieben vorne dran überschritten. Was sich beim Konzert überhaupt nicht bemerkbar macht: Die Nummern kommen mit großer Virtuosität, Power, Frische – und jeder Menge Humor.

Der vierte Mann ist Patrick Bebelaar, der zum Lehrerkollegium der Jugendmusikschule Leonberg gehört und mit den drei anderen in unterschiedlichen Formationen bereits seit vielen Jahren spielt. Alle vier zusammen hat’s, wie schon erwähnt, aber noch niemals zuvor zusammen gegeben. Fast alle Stücke an diesem Abend stammen aus der Feder von Bebelaar und Joos. Und das Quartett macht sie sich spontan auf ganz entspannte Weise zu eigen. „Dusch Maja“ zum Beispiel, das auf Russisch so viel bedeutet wie „Meine Seele“. Bebelaar, der es geschrieben hat, funktioniert den Flügel kurzerhand zum Percussion-Instrument um, Joos setzt mit einem gestopften Flügelhorn weiche Akzente. Die Instrumentalstimmen fügen sich locker zu einem farbigen Klanggemälde aus frei platzierten akustischen Linien und Punkten.

Irgendwann erklingen ostinate Klavier-Arpeggien, der Bass gesellt sich dazu, das Flügelhorn ist nun nicht mehr gestopft und alle finden sich zusammen in einem dichten erregten, energiegeladenen Gesamtgefüge, das vor rasanten Läufen und virtuosen Glissandi vibriert. Dass beim zweiten Stück „Raga“ (Bebelaar) die frei kolorierten Klangflächen orientalisch und ein bisschen geheimnisvoll klingen, verwundert nicht – wie es der Titel nahelegt, ist die Nummer eine kleine Reminiszenz an Indien.

Dass die Ballade „Song for Thelonious“ keineswegs langsam oder melancholisch ist, erklärt Herbert Joos später verschmitzt damit, dass er nun ja schon 75 sei und nicht mehr so viel Zeit habe – deswegen habe man es halt ein wenig schneller spielen müssen. Der Pianist Thelonious Monk, dem das Stück gewidmet ist, gilt als Mitbegründer des Bebop. Kein Wunder also, dass der Walking Bass von Günter Lenz pausenlos voran prescht und alle in diesem akustischen Strudel mitreißt. Wann holt Herbert Joos eigentlich Luft? Die Frage stellt sich bei diesem Stück immer wieder. Ein bisschen anarchistisch klingt das Ganze – aber herrlich vital und frei. Und so ganz nebenbei beweist Bläser Joos, dass er auch Scat-Gesang kann.

„My reflection in your Eyes“ von Bebelaar ist dann wieder eher eine Ballade, wie man sie sich gemeinhin vorstellt: mit verträumtem Piano-Intro, Jazzbesen und einer melancholischen Melodie, weich intoniert von der gestopften Trompete. Loungig und sinnlich ist später der „Love Song“ von Joos. Das Publikum im gut besuchten Theater applaudiert (und lacht) an diesem Abend viel, und fordert nach dem letzten Stück natürlich eine Zugabe, die es auch bekommt: eine Nummer von Günter „Baby“ Sommer. Sein „Hymnus“ lässt den Abend mit einem Hauch von Versöhnlichkeit ausklingen.

Ein Stücken Jazz-Welt bleibt im Spitalhof übrigens noch bis zum 30. Oktober erhalten. Herbert Joos ist nämlich nicht nur Musiker, sondern auch Maler. Großformatige „Jazzporträts“, die er von bekannten Jazzmusikern gemacht hat, sind im Foyer des Theaters ausgestellt und können montags bis freitags von 9 bis 17 Uhr angeschaut werden. Viele Bleistiftzeichnungen, etliche auch in Mischtechnik. Allen gemeinsam ist, dass Joos stets das ausdrucksvolle Gesicht des Künstlers in den Mittelpunkt stellt und mit einem Teil seines Instruments in Verbindung bringt. Die Werke wirken wie Apercus, die starken Eindruck hinterlassen. Das erste Bild (von Miles Davis) wurde übrigens noch am Konzertabend verkauft. Die Einführung zur Ausstellungseröffnung hatte Oberbürgermeister Bernhard Schuler übernommen.

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