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Eheleute sollen als falsche Planer dutzende Bauherren betrogen und an den Rand des Ruins getrieben haben.

Leonberg - Ein 45-Jähriger und seine gleichaltrige Frau müssen sich vor dem Amts­gericht wegen Insolvenzverschleppung verantworten. Eigentlich ein Prozess wie viele andere – wären da nicht die vor Wut kochenden Menschen auf den ­Zuschauerbänken des Leonberger Gerichtssaals. Nach deren Angaben ist ­dieses Verfahren nur die Spitze eines Eisbergs – das Paar soll 25 Bauherren im Stuttgarter Stadtteil Zazenhausen insgesamt um einen sechsstelligen Betrag betrogen haben.

Doch der Reihe nach: Bis zum Sommer 2007 war die Angeklagte offiziell ­Geschäftsführerin einer Leonberger Baufirma. Ihr Mann war als Prokurist ­angestellt – ­inoffiziell leitete er jedoch die Geschäfte. Nach Angaben der Staatsanwaltschaft ­hatte die Ehefrau weder Verantwortung noch einen eigenen Arbeitsplatz im Betrieb. Ihr Gehalt soll lediglich 400 Euro monatlich betragen haben.

Das Unternehmen häufte im Lauf der Jahre Schulden an. Kurzum: die Firma ging den Bach hinunter, der Insolvenz­antrag wurde zu spät gestellt, die Bilanzen wurden nicht fristgerecht erstellt. Im Februar 2007 ­belief sich der Fehlbetrag in den Büchern auf mehr als 1,3 Millionen Euro.

Die Angeklagten äußern sich vor Gericht nicht zu den Vorwürfen. Die ihnen zur Last gelegten Taten lassen sie durch ihre Anwälte einräumen. Das Leonberger Amtsgericht stellt das Verfahren gegen die 45-Jährige wegen Insolvenzverschleppung gegen 3000 Euro ein. Der Ehemann wird zu acht Monaten auf Bewährung verurteilt. „Bei Ihnen wiegt schwer, dass Sie einschlägig vorbestraft sind“, sagt der Richter Armin Blattner. Im Jahr 2003 hat das Amtsgericht in Nürtingen den 45-Jährigen bereits wegen Betrugs und Insolvenzverschleppung zu einer Bewährungsstrafe verurteilt.

Keine schöne Geschichte, aber nicht der Grund, weshalb die Zazenhausener Häuslebauer im Publikum ihre Wut auf die beiden An­geklagten nur schwer ver­bergen können. Sie kennen die gelernte Krankenschwester als erfolgreiche Maklerin und den gelernten Einzelhandelskaufmann als erfahrenen Architekten. „An den Kauf unseres Grundstücks war von Seiten der Stadt die Bedingung geknüpft, dass wir die Firma des Ehepaars als ­Planer beauftragen“, be­richtet einer der Anwesenden. „Das war das Nachfolgeunternehmen der insolventen Leonberger Firma.“

25 Bauplätze wurden in Zazenhausen ­­an den Mann gebracht. „Wir haben 25 700 Euro an die Angeklagten bezahlt“, ­berichtet der Prozessbeobachter, „die anderen Familien haben ähnliche Summen überwiesen.“ Aber man habe nie eine adäquate Leistung erhalten. Der Geschädigte behauptet: „Wir sind Hochstaplern auf­gesessen.“

Anfang des vergangenen Jahres war von der Planungs­firma des Ehepaars die ­Nachricht gekommen: Die Baugenehmigung sei erteilt. Der frisch gebackene Grundbesitzer begann im Juli mit den Bauarbeiten. Am 25. September dann der Schock: „Die Stadt Stuttgart hat einen Baustopp verhängt.“

Das Haus des Mannes ist 11,80 Meter lang. „Das entspricht den Plänen, die wir mit dem angeblichen Architekten ­abgestimmt hatten“, sagt er, „doch der hat beim Baurechtsamt anscheinend andere Pläne genehmigen lassen.“ Erst jetzt habe er erfahren, dass auf seinem Bauplatz lediglich eine Seitenlänge von elf Metern genehmigt wurde. Kein ­Einzelfall: „Bei vielen Nachbarn sind die Häuser zu hoch“, erzählt er. Was dem Zazenhausener jetzt bevor steht, klingt wie ein böser Traum: „Wir sollen unser Haus um 80 Zentimeter ­kürzen – inklusive Fundament.“

Der Angeklagte erklärte die Vorfälle in Zazenhausen gegenüber Journalisten bisher mit „einer Verkettung unglücklicher Umstände.“ Es habe firmeninterne Probleme gegeben.

Dass die beiden Angeklagten in Wahrheit weder Maklerin noch Architekt sind, war dem Mann aus Zazenhausen neu. „Wir wussten auch bis vor Kurzem nicht, dass die beiden Angeklagten verheiratet sind“, sagt der Prozessbeobachter und fügt hinzu: „Als sie sich uns vorgestellten, haben sie sich mit ,Sie’ angesprochen.“ Das Ehepaar hat sich mit dieser Masche offenbar gegenseitig als ­Maklerin und Architekt gegen ­Honorar lukrative Aufträge zugeschanzt.

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