Frei Otto mochte Transparenz und besondere Formen. Foto: dpa/Archiv

Mit vielen Geschichten nehmen die Weggefährten Frei Ottos Abschied von einem besonderen Menschen.

Leonberg - Das ist wahre Liebe: Ihrem Mann zu Gefallen verspeist Ingrid Otto während einer Japan-Reise ein Stück rohen Fisch. Obwohl sie den überhaupt nicht mag. Aber wenn man einen international renommierten Architekten zum Gemahl hat, passieren Dinge, die in einem normalen Leben eher selten geschehen.

Die Anekdote vom rohen Fisch ist nur eine von vielen Szenen, mit denen am Dienstag an den außergewöhnlichen Architekten Frei Otto erinnert wird. Wie berichtet, ist er am 9. März verstorben. Gut zwei Monate vor seinem 90. Geburtstag.

Freiheit als Lebensmaxime

Welch hohen Stellenwert der Architekt und Künstler in der Fachwelt genießt, das ist an der großen Resonanz bei der Trauerfeier zu sehen. Zahlreiche Wegbegleiter Ottos sind von weit her gekommen. Viele aus Berlin, wo er lange gelehrt hat. Einige aus dem Ausland. Die kleine Aussegnungshalle des Warmbronner Friedhofs ist überfüllt. Der Pfarrer Martin Trugenberger lässt Stühle im Freien aufbauen.

Der ungewöhnliche Vorname Frei zieht sich wie ein roter Faden durch die Nachrufe. „Für ihn war die Freiheit Lebensmaxime“, sagt Trugenberger. Aber die Freiheit habe für Otto auch Grenzen gehabt. Immer dann, wenn die Belange der Menschen und der Schöpfung tangiert waren. „Für ihn war Bauen ein Akt der Nächstenliebe. So entdeckte Otto auch in der Poesie Christian Wagners eine zeitlose Aktualität: in der Achtsamkeit und der Achtung des Lebens.“ Der Pfarrer würdigt besonders, dass Frei Otto trotz seines internationalen Renommees in seiner Wahlheimat Leonberg, dort insbesondere in Warmbronn, und in seiner Familie stark verwurzelt war.

Auch der Oberbürgermeister unterstreicht den starken Bezug des Architekten zur Stadt, in der er immerhin die Hälfte seines Lebens verbracht hat. Bernhard Schuler ist dem Gemeinderat heute noch dankbar, dass die Stadträte im Jahr 2000 einstimmig seinem Vorschlag gefolgt sind, Frei Otto zum Ehrenbürger zu ernennen. War es doch bis dato üblich gewesen, dass sich die Geehrten „herausragende Verdienste um die Stadt“ erworben haben mussten. Andererseits war der OB sich damals gar nicht sicher, ob der eigenwillige Architekt diese höchste Auszeichnung der Stadt überhaupt annehmen würde. „Waren doch frühere künstlerische und architektonische Ideen des Verstorbenen vom Gemeinderat nicht aufgegriffen worden.“

Otto nahm die besondere Ehrung gerne an und dokumentierte damit seine Verbundenheit zu Leonberg. Wie auch mit „der von ihm geplanten filigranen Baumskulptur, die er 1995 zum Gedenken an seinen Bruder im Geiste, dem Dichter Christian Wagner, in Warmbronn geschaffen hat. Ohne dafür ein Honorar zu verlangen.“

Auf Höhe mit Kepler und Schelling

Für den Oberbürgermeister ist es keine Frage: Otto ist in einem Atemzug mit zwei anderen historischen Persönlichkeiten zu nennen: Johannes Kepler, der in Leonberg zur Schule ging, und dem Philosophen Friedrich Wilhelm Joseph Schelling, der hier geboren wurde. Schuler: „In Dankbarkeit verneigen wir uns vor einem Genie.“

Dass die transparente Architektur Ottos im am Ende der Sechziger noch sehr ländlich geprägten Warmbronn für ungläubiges Staunen gesorgt hat, daran erinnert seine Tochter Christine: „Manche haben unser Glashaus belächelt. Da könne man ja nicht wohnen.“ Die vergangenen Jahrzehnte hat die Familie Otto dort sehr gut gelebt.

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