Beurteilungen statt Zeugnisse soll es in der Gemeinschaftsschule geben. Foto: dpa

100 Interessierte kommen zum Informationsabend an der August-Lämmle-Schule. Statt trockener Theorie stellen die Schüler ganz praktisch einzelne Elemente der neuen Schulform vor, die bereits jetzt im Unterricht eingesetzt werden.

Leonberg - Dass Tim erst in der siebten Klasse ist, merkt man ihm höchstens an der Körpergröße an. Eloquent bittet er Eltern, die den Informationsabend an der August-Lämmle-Schule (ALS) besuchen, an den Tisch, auf dem sein Lernkompass liegt. Ein weißer Aktenordner, der alles enthält, was sich in Tims Schulleben abspielt. Ganz klassisch: sein Stundenplan, Informationen über ihn, Klassenarbeiten. Doch den weitaus größten Teil des Ordners füllt das, was zum Markenzeichen der neuen Schulform Gemeinschaftsschule geworden ist: Das sind Klassenziele, die die Schüler mit ihrer Klassenlehrerin vereinbart haben. Ein paar Seiten weiter stehen die persönlichen Ziele das Siebtklässlers. In den mathematisch-naturwissenschaftlichen Fächern etwa will Tim besser werden.

Und dann folgen die fachlichen und persönlichen Ziele für diese Woche, die jeweils von Schüler und Lehrer am Ende abgehakt werden – oder auch nicht. „Wenn ich mir die Ziele selber setze, dann bin ich auch mehr dabei“, sagt Tim und verweist auf die Lernjobs. Das sind Aufgaben, die die Lehrer den Schülern stellen. Dabei gibt es Wahl- und Pflichtaufgaben. Die Kinder und Jugendlichen bestimmen dann selbst, welche Wahlaufgaben sie bearbeiten und vor allem auch wann und in welcher Reihenfolge sie die Lernjobs angehen. Die Zeit dazu haben sie in speziellen Lernstunden, die im Stundenplan ausgewiesen sind. „Da muss man schon selbstständig sein“, erklärt der Siebtklässler sehr wortgewandt und erwachsen den interessierten Eltern.

Seit vergangener Woche ist bekannt, dass die August-Lämmle-Schule zum neuen Schuljahr mit der Gemeinschaftsschule starten kann. Das Kultusministerium hatte offiziell grünes Licht gegeben für die neue Schulform von der ersten bis zur zehnten Klasse. Die ALS gehört damit zur dritten Tranche von Bildungseinrichtungen, seit die Gemeinschaftsschule zum Schuljahr 2012/13 eingeführt wurde. Sie ist damit die erste in Leonberg und nach Weissach die zweite im Altkreis. Deshalb ist der Informationsbedarf bei den Eltern vor allem von Viertklässlern besonders hoch. Immerhin sollen die Kinder und Jugendlichen nebeneinander auf dem Niveau von Haupt-, Real- und Werkrealschule lernen. Viele Eltern fragen sich, wie genau das gehen soll.

Das erklärt Samir an einem weiteren Tisch. Dort liegt, was viele Schüler ungern machen: Matheaufgaben, genauer gesagt solche in Geometrie. „Zuerst machen wir einen Einstufungstest. Je nachdem, wie er ausfällt, bekommen wir dann entsprechende Aufgaben im Unterricht“, sagt der hochgewachsene Schüler. Also angepasst, an das jeweilige Lernniveau. Die Aufgaben stehen auf Arbeitsblättern. Am Ende kontrolliert der Lehrer die Lösungen und die Schüler schreiben einen Abschlusstest, für den es eine Note gibt.

Die Gemeinschaftsschule basiere auf den beiden Säulen Ganztagsunterricht und besonderes pädagogisches Konzept, erklärt der Konrektor Karl Heinz Wetterauer. An der ALS kommen zusätzlich die beiden Säulen Sozialcurriculum und Berufsorientierung dazu. Gearbeitet wird nach den Bildungsplänen für Realschule, Hauptschule und Gymnasium. „Das Ziel ist der bestmögliche Abschluss für jedes Kind“, sagt Wetterauer. Der Unterricht gliedere sich in drei Bereiche: einen strukturierten Fachunterricht, einen Wahlbereich etwa mit AGs und einen offenen Bereich mit Lernstunden. „Die Menschen verbinden mit der Gemeinschaftsschule fälschlicherweise nur den offenen Bereich“, meint der Konrektor. Dieser werde aber erst nach und nach ausgebaut, den Kindern müsse das selbstständige Arbeiten erst beigebracht werden. Dafür gibt es dann aber auch keine Hausaufgaben mehr.

„Ich habe schon einige Fragen gehabt und die meisten wurden mir auch beantwortet“, sagt Margherita Intemperante, die eine weiterführende Schule für ihren Sohn sucht. „Eine individuelle Förderung ist gut, aber eben nicht so, dass man sieht, welcher Schüler die leichten und welcher die schweren Aufgaben bekommt“, sagt die Mutter, die ihre Zweifel dahin gehend nun zerstreut sieht. Zudem begeistert sie, dass Französisch als zweite Fremdsprache schon ab Klasse sechs unterrichtet wird. Eine andere Mutter, deren Kind bereits die Grundschule an der ALS besucht, ist ebenfalls von der neuen Schulform beeindruckt. „Ich bin gespannt, wie mein Sohn das dann umsetzt. Ich habe aber ein wenig Bedenken, ob das auch klappt mit den Lehrern“, sagt sie.

„Das Konzept wird sich entwickeln. Wir können einfach noch nicht auf einen Erfahrungsschatz von 15 Jahren zurückblicken“, sagt Birgit Berger, die Grund- und Werkrealschullehrerin ist. Dass die Gemeinschaftsschule funktionieren wird, davon ist sie überzeugt. „Wir sind ein sehr enthusiastisches Kollegium“, sagt Berger. Auch die Eltern seien sehr offen, sie habe interessante Gespräche geführt mit einigen der etwa 100 Leute, die zum Informationsabend gekommen sind. Am 26. und 27. März müssen sie ihre Kinder dann endgültig anmelden für die neue Gemeinschaftsschule.

Hat Ihnen der Artikel gefallen? Jetzt teilen: