Cari Dongus Foto: factum/Granville

Cari Dongus hat sich mit 14 Jahren getraut – und ist für ein Austauschjahr nach Kanada gegangen. 400 Kilometer östlich von Vancouver lernte sie nicht nur, besser Englisch zu sprechen. Sie fand eine neue Familie, neue Freunde und wertvolle Erfahrungen.

Leonberg/Gerlingen - Wer mit neun Monaten anfängt zu laufen und mit zwei Jahren auf Skiern steht, ist vielleicht sowieso ein bisschen anders als andere. Auf jeden Fall ist Cari Dongus, die auf der Schillerhöhe wohnt, neugierig. Dabei hatten ihre Eltern sich vor fast zwei Jahren des älteren Bruders Len wegen auf den Weg zu einem Infoabend über Auslandsschuljahre in Leonberg gemacht. Der, so erzählt Caris Mutter, habe aber keinerlei Neigung verspürt, Familie und Freunde für ein Jahr zu verlassen. Während er sich lieber den Freuden des Buffets hingab, fing die kleine Schwester unbemerkt Feuer: Schon auf der Rückfahrt nach Hause schrieb sie eine erste Nachricht an eine der Austausch-Vermittlerinnen.

Das Feuer ließ sich nicht mehr löschen, obwohl Vater und Großmutter größte Vorbehalte wegen des Alters hatten. Die Vorbehalte sind längst ausgeräumt, denn vor kurzem ist Cari, die im Mai 15 Jahre alt geworden ist, gesund und glücklich aus Kanada zurückgekehrt – genauer aus Winfield bei Kelowna, rund 400 Kilometer östlich von Vancouver. Ihre Familie ist verständlicherweise ungeheuer stolz auf die Tochter, die ihr Vorhaben eisern durchgezogen hat – und dabei nicht nur weniger gelitten hat als die zurückbleibende Restfamilie, sondern auch noch zu den besten 20 Absolventen ihres Jahrgangs gehört.

Während die meisten Schüler sich heute angesichts von G 8 nur noch auf ein halbes Jahr im Ausland einlassen oder ein Schuljahr nach der neunten oder zehnten Klasse einschieben und dann ein Jahr Schule draufsetzen, um nicht ihre Abiturnoten zu gefährden, hat Cari Dongus sich ungewöhnlich früh ins Ausland aufgemacht. Wir haben sie nach ihren Gründen befragt, nach ihren Erfahrungen mit dem Leben und Lernen in Kanada – und Antworten bekommen, in die sich nur manchmal ein englisches Wort geschlichen hat.

Cari, warum hast Du dich entschlossen, so früh ein Jahr im Ausland einzuschieben – und haben sich Deine Erwartungen erfüllt?
Cari Dongus: Ich wollte auf keinen Fall wegen des Auslandsjahrs eine Klasse wiederholen. Deswegen wollte ich so früh wie möglich gehen. Das Jahr hat sich auf jeden Fall voll gelohnt. Ich fand es schön, schon als Jugendliche eine andere Kultur so gut kennenzulernen und ein Part davon zu werden.
Hattest Du denn in dem Jahr nie Heimweh?
Als ich Ende August losgeflogen bin, habe ich erst so richtig realisiert, dass ich ein Jahr weg sein werde. Der Abschied am Flughafen war dann natürlich ziemlich schrecklich. In Kanada war ich von allem erst mal nur begeistert, bis nach einer Woche das Heimweh anfing und ich dachte, dass ich wohl doch zu jung bin und es nicht schaffe. Aber nach drei, vier Wochen war alles gut. Erst als eine deutsche Freundin und Nachbarin nach einem halben Jahr nach Hause flog, kam das Heimweh wieder. Es hat ein bisschen gedauert, aber im zweiten Halbjahr habe ich mich dann umso mehr mit Kanadiern angefreundet.
Wie hast du dich mit deiner Gastfamilie verstanden?
Ich fand alle sofort unheimlich nett und wir haben uns bis zum Schluss super verstanden. Mit meinem Gastvater, Bryan, habe ich abends manchmal „Sons of Anarchy“ angeschaut, mit Twyla, meiner Gastmutter, „The Bachelor“. Auch mit Lilly, die neun, und Owen, der elf Jahre alt ist, habe ich mich gut verstanden und oft hat die ganze Familie bei Owens Rugby- oder Eishockeyspielen zugeschaut. Aber natürlich konnten die beiden auch mal nerven, so wie alle Geschwister.
Gab es außer dir noch viele andere ausländische Schüler in Winfield?
Die Schule ist für kanadische Verhältnisse eher klein. Es gibt etwa 850 Schüler. Wir waren zu acht aus Deutschland, außerdem gab es drei Brasilianer und ein paar Schweizer. Aber alle anderen Schüler waren älter und so war ich die einzige in der neunten Klasse.
Welche Fächer hattest du und wie ist der Unterricht im Vergleich zu hier?
Im ersten Semester hatte ich Französisch, Kunst, Tanzen und Social Studies, das sich so etwa aus Geschichte und Erdkunde und ein bisschen Politik zusammensetzt. In dem Halbjahr hatte ich auch kaum Hausaufgaben. Das hat sich im zweiten Halbjahr mit den anderen Fächern aber ziemlich geändert: Da hatte ich Englisch, Mathe, Wissenschaft und Recreation Leadership, wo es um das Leiten, Organisieren und Managen von Freizeitaktivitäten und Festen geht. Da musste ich auch zuhause noch eine Menge tun.
Kanada gehört in den Pisa-Studien ja immer zu den Ländern, die am besten abschneiden. War das Niveau in deinen Fächern hoch?
Ehrlich gesagt, war für mich alles eher eine Wiederholung, weil wir praktisch alles schon in der Schule hatten. Leider konnte ich nur in Mathe in die zehnte Klasse wechseln. In Französisch waren beispielsweise die ersten Vergangenheitsformen Thema und in Englisch war ich sogar eine der besten Schülerinnen mit 92 von 100 Prozentpunkten. Hätte ich das vorher gewusst, hätte ich mich gleich ganz für die zehnte Klasse beworben.
Was ist sonst noch anders im kanadischen Schulsystem?
Der Unterricht hat um 9 Uhr angefangen und war um 15.15 Uhr zu Ende. Man hatte an jedem Tag zwei andere aus den vier gewählten Fächern und zwar zwei Mal 80 Minuten am Vormittag. Dann gab es eine Lunchpause und am Nachmittag noch mal ebenso lang Unterricht. Wer wollte, konnte danach noch zwei Mal pro Woche in einem der Sportteams mittrainieren. Ich war im Basketballteam und hatte da auch immer einmal in der Woche ein Spiel gegen andere Schulen. Einmal waren wir sogar ein ganzes Wochenende auf einem Turnier und haben im Hotel übernachtet. Der Sport hat in Kanada einen ganz anderen Stellenwert als bei uns.
Und wie sind die Lehrer?
Die sind nicht so streng wie bei uns und trotzdem sind die Schüler viel braver. Das Verhältnis ist irgendwie freundschaftlicher, offener und alles ist gechillter. Trotzdem respektieren die Schüler die Lehrer total. Man darf im Unterricht sogar essen und trinken und bei Stillarbeiten kann man mit seinem Kopfhörer auch Musik hören.
Ist also deiner Meinung nach alles im kanadischen Schulsystem besser als bei uns?
Die Aufteilung in Semester mit unterschiedlichen Fächern fand ich nicht so gut, denn alles, was ich in Französisch im ersten Halbjahr gelernt habe, habe ich im zweiten Halbjahr vergessen, weil ich ja kein Französisch mehr hatte. Nicht so gut finde ich auch, dass viel weniger Arbeiten geschrieben werden, dass man dafür aber am Ende des Halbjahrs über den kompletten Stoff in einem Examen Bescheid wissen muss.
Was hast du in deiner Freizeit gemacht und was von Kanada gesehen?
Die Schule hat für die „Internationals“ einen Fünf-Tages-Ausflug nach Vancouver organisiert und wir waren auch in Banff, Jasper und Edmonton. Während wir jetzt im Sommer oft am Woodlake oder am Okanagan Lake zum Baden, Wakeboarden (Art Snowboard auf dem Wasser) oder Tubing (hier lässt man sich in einem Reifen übers Wasser ziehen) waren, bin ich im Winter fast jedes Wochenende in Big White Ski gefahren.
Und wie steht es nach dem Jahr um dein Englisch?
Am Ende haben mir alle gesagt, dass ich gar keinen Akzent mehr hätte. Geträumt habe ich schon nach einem halben Jahr in Englisch. Dafür muss ich jetzt hier erst mal ein Jahr Italienisch nachholen, damit ich den Anschluss an meine Klassenkameraden nicht ganz verliere.
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