Eines ist sicher: Gefeiert wird heute auf den Neuköllner Platz in jedem Fall. Foto: AP

Heute trifft Deutschland im Viertelfinale der Fußball-EM auf die Griechen. Für tausende Hellenen in der Stadt der Höhepunkt des Turniers. Die Freude auf das Spiel wird durch die Eurokrise nicht getrübt, auch wenn das manche Politiker anders sehen

Leonberg - Eigentlich geht es „nur“ um den Einzug ins Halbfinale der Fußball-Europameisterschaft. Doch im Angesicht von Euro-Schulden-Krise und drohender Griechenlandpleite wird die Stimmung aufgeheizt. Es wird versucht mehr aus dem Aufeinandertreffen der beiden Nationen zu machen – Schuldensünder Griechenland trifft auf Musterknabe Deutschland.

Die Fußballfans sollen nicht der deutschen sondern der griechischen Mannschaft die Daumen drücken, erklärte der Linken-Politiker Kristian Stemmler in dieser Woche. Für ihn wäre es eine sportliche Wiedergutmachung, wenn das „geknechtete griechische Volk“ den Sieg seiner Mannschaft bejubeln könne. Eine Einstellung, die Fußballfans unbegreiflich erscheint.

„Diese Diskussion ist doch absurd“, sagt Alexander Krapf, Trainer des griechischen Fußballvereins Enosis Leonberg. „Ich trainiere die Mannschaft insgesamt seit über elf Jahren“, sagt Krapf. Für den Trainer und seine griechischen Spieler geht es im heutigen Spiel aber ebenfalls um mehr als nur um Fußball. „Alle sind gespannt auf das Spiel, mit Politik hat das alles aber nichts zu tun. Es geht ums Halbfinale, nicht um den Euro“, sagt Krapf, „Einen Zorn der Griechen auf Deutschland, der durch die politische Debatte geschürt wurde, habe ich nicht erlebt.“

In Leonberg leben mehr als 4000 ­Griechen, es die größte Gruppe an Migranten in der Stadt. Kaum einer kennt die ­Hellenen besser als der Enosis-Trainer. „Es ist ein sehr stolzes Volk mit einer starken Verbindung zu ihrer Heimat“, sagt Krapf, „auch wenn sie in Deutschland geboren und aufgewachsen sind, drücken die Griechen ihrer ­Mannschaft die Daumen.“ Das Team von Alexander Krapf fiebert dem Anpfiff in Danzig um 20.45 Uhr seit Tagen entgegen. „Es ist fast das einzige Thema unter meinen Spielern“, sagt er.

Die Spiele der deutschen Elf verfolgt Krapf traditionell zu Hause mit zwei guten Freunden. „Der eine ist Abteilungsleiter der Sportvereinigung Mönsheim, der andere Talentscout für die TSG Hoffenheim“, sagt Krapf. Die Spiele der Griechen hat der Enosis-Trainer bislang immer zusammen mit seiner Mannschaft verfolgt. Für das Viertelfinale musste also eine Entscheidung her. „Ich werde wieder mit meinen beiden Experten im Wohnzimmer sitzen“, sagt Krapf lachend und fügt hinzu: „Wir werden aber griechisch grillen.“

Der Fußball-Trainer glaubt den Grund zu kennen, warum er bei der hellenischen Gemeinde und bei seinen Spielern niemals Anfeindungen in Bezug auf die Griechenland-Krise erlebt hat. „Ich denke, die Griechen in Deutschland haben einen anderen Blick auf die ganze Situation als die Menschen in Athen oder Thessaloniki“, sagt er, „die Folgen der Krise sind bei uns im Vergleich zu Griechenland kaum zu spüren.“

Aus Sicht von Alexander Krapf, können die Griechen mit der EM zufrieden sein, auch wenn das Turnier heute für sie zu Ende sein sollte: „Kaum einer hätte gedacht, dass sie das Viertelfinale erreichen.“ Seine Erwartung für die kommende Nacht ist klar. „Egal wer gewinnt, das gibt ein großes Fest in der Stadt. Griechen und Deutsche werden beide feiern.“

Für das Halbfinale am kommenden Donnerstag hat sich Krapf wieder mit seinen beiden Experten im heimischen Wohnzimmer verabredet. „Mein Tipp lautet zwei zu null für Deutschland.“ Sollten sich doch die Griechen durchsetzen, wird der Enosis-Trainer die restlichen EM-Spiele mit seiner Mannschaft verfolgen. „Andersrum weiß ich aber, dass meine Spieler der deutschen Elf im Halbfinale und im Endspiel die Daumen drücken werden, wenn sie ausgeschieden sind.“

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