Christine Beilharz (r.) und Ingrid Wagner berichten von großen Problemen. Foto: Krämer

Berufsgruppen, die eine Kommune zum Funktionieren braucht, können sich das Leben auf der Filderebene kaum mehr leisten. Arbeitgeber versuchen es deshalb neuerdings mit Lockmitteln.

Filder - Viele Firmen in der Region klagen darüber, keine Fachkräfte mehr zu finden. Und es ist sicherlich misslich für Unternehmen und Handwerksbetriebe, wenn die Produktion zu stocken droht oder Reparaturen nicht ausgeführt werden, weil die Mitarbeiter fehlen – unter anderem deshalb, weil sie keinen bezahlbaren Wohnraum finden. Unter dieser Not leiden aber auch Arbeitgeber im sozialen Bereich. So suchen Kommunen und Kirchen beispielsweise händeringend nach Erziehern und Pflegedienste nach Pflegepersonal. Alles Berufe, in denen die Gehälter nicht als üppig zu bezeichnen sind. Aber eben auch Berufe, ohne die eine Stadt nicht funktioniert.

Sobald sich Interessenten zu Mieten informieren, war’s das

„Wenn es so weitergeht, werden wir irgendwann die flächendeckende Versorgung nicht mehr aufrechterhalten können“, sagt Ingrid Wagner. Rund 300 Mitarbeiter seien für die Diakoniestation Filder in Leinfelden-Echterdingen, Filderstadt und Ostfildern unterwegs, sagt die Pflegedienstleiterin. „Und es könnten mehr sein, wir haben unbesetzte Stellen“, ergänzt sie. Dass diese nach wie vor vakant seien, liege zu einem großen Teil an der Wohnungsnot und den hohen Mieten in der Region. „Wir bekommen Bewerbungen aus ganz Deutschland“, sagt Wagner, „doch wenn sich Interessenten über die Mieten informieren, sagen sie ab“, hat die Pflegedienstleiterin feststellen müssen.

Auch wenn bei der Diakonie alles versucht werde, um die Nachfrage für ambulante Pflege zu erfüllen, habe man teils schon Touren zu Patienten absagen müssen – als Folge des Personalmangels. „Wir nutzen unsere Kontakte, die wir bei unserer Arbeit knüpfen, um an bezahlbare Wohnungen zu kommen“, ergänzt Christine Beilharz, die Geschäftsführerin der Diakoniestation Filder. Ab und an klappe das. „Viele sind froh, wenn eine gut ausgebildete Schwester im Haus wohnt.“ Doch von Erfolg ist diese Strategie offenbar nicht gekrönt.

Die Filderklinik geht einen anderen Weg

Einen anderen Weg geht die Filderklinik schon seit Jahrzehnten. „Wir haben für die Mitarbeiter, Auszubildende und Praktikanten in unseren Wohnanlagen rund 200 Wohneinheiten zu Verfügung“, sagt Djurdjica Gavrilovic. Trotzdem: Der Bedarf sei weit größer. Sie ist die Geschäftsführerin des gemeinnützigen Vereins Filderklinik, dem die Wohnheime gehören und über den die Vermietung erfolgt. „Leerstand kennen wir nicht“, berichtet sie über die Wohnungen, die über ein bis fünf Zimmer verfügen und die zum Teil möbliert sind. Viele, die eigentlich nur vorübergehend in den Wohnanlagen des Vereins bleiben wollten, würden zu Dauermietern, wenn sie die hohen Preise auf dem freien Markt sehen, hat Gavrilovic festgestellt. „Die Wohnanlage ist für uns ein sehr wichtiger Standortfaktor, um an Personal zu kommen“, bestätigt Gabriele Weinmann, die an der Filderklinik für die Öffentlichkeitsarbeit zuständig ist. „Ich kann beginnen, wenn Sie eine Wohnung haben“ – diesen Satz würde man von den Bewerbern sehr oft hören. Mittlerweile gehe es auch nicht mehr nur um günstigen Wohnraum, sondern überhaupt da-rum, ein Zimmer oder eine Wohnung zu bekommen.

Mitarbeiter-Wohnungen werden zum Lockmittel

Wohnungen als Lockmittel für Personal hat man nun auch bei der Stadt Leinfelden-Echterdingen entdeckt. In der geplanten Kindertagesstätte am Stangenkreisel in Echterdingen sollen aktuellen Plänen zufolge in einem sechsstöckigen Gebäude vier Wohnungen entstehen. Um dem akuten Wohnraummangel auch bei den Erziehern zu begegnen, werde die Kombination der Kindertagesstätte mit Wohnungen in den oberen Geschossen angestrebt, heißt es in der Vorlage für den Gemeinderat. „Ein neuer planerischer Ansatz“, wie Benjamin Irschik vom städtischen Planungsamt kürzlich sagte.

Und auch in Filderstadt werde in den Gremien derzeit darüber diskutiert, beim Bau von Kinderbetreuungseinrichtungen gleichzeitig Wohnungen mit einzuplanen, sagt Christoph Traub. „Wohnraum ist gerade bei der Suche nach Erziehern ein wichtiger Konkurrenzfaktor und spielt in den Vorstellungsgesprächen eine Rolle“, sagt der Filderstädter Oberbürgermeister, er führt jedoch auch den Gleichbehandlungsgrundsatz an, da man in Filderstadt der größte Arbeitgeber sei.

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