In Selbstverteidigungskursen lernen die Teilnehmer, sich bei Angriffen zur Wehr zu setzen. Foto: dpa

Wie kann man sich wehren, wenn man angegriffen oder belästigt wird? Sei es in den eigenen vier Wänden oder in einem dunklen Park? Das wollen immer mehr Menschen im Südwesten lernen. Anlass ist offenbar ein wachsendes Unsicherheitsgefühl.

Stuttgart - Manche Teilnehmer von Selbstverteidigungskursen haben selbst schon Gewalt erlebt, andere beschleicht nach Berichten über Gewalttaten die Angst - immer mehr Menschen in Baden-Württemberg wollen lernen, wie sie sich wehren können. Selbstverteidigungskurse boomen. Das berichteten mehrere Volkshochschulen (Vhs) auf Anfrage der Deutschen Presse-Agentur. Im Vergleich zum Vorjahr haben sie ihr Angebot in den Bereichen Selbstbehauptung, Selbstverteidigung und Deeskalation ausgebaut - in Mannheim verdreifacht, in Stuttgart verdoppelt. Der Polizist und Ausbilder von Selbstbehauptungstrainern, Werner Dietrich, warnt indes vor unseriösen Anbietern, die mit der Angst spielten.

„Die Übergriffe in Köln in der Silvesternacht, die Morde an zwei Frauen im Raum Freiburg - nach solchen Vorfällen wollen die Menschen ihr Sicherheitsgefühl stärken“, sagte Dietrich, der das Projekt „Wehr dich, aber richtig“ im Auftrag der Karlsruher Polizei leitet. Auch die steigende Zahl an Flüchtlingen im Land habe manche Menschen verunsichert. Zur Aufgabe eines Selbstbehauptungstrainers gehöre, ungerechtfertigte Ängste abzubauen. Er warnt vor unseriösen Anbietern. „Was wir nicht mögen: Wenn Leuten Angst gemacht wird, um einen Markt zu erzeugen.“

Wo Gefahren lauern

Der Boom wird aber bei der Vhs Stuttgart ebenfalls auf die sexuellen Übergriffe auf Frauen in der Silvesternacht in Köln zurückgeführt, weil sich daraufhin mehr Stuttgarter für Selbstverteidigungskurse interessierten. Für die Vhs Freiburg sagte die Fachbereichsleiterin Gesundheit, Katja Uhrig: „Insbesondere bei den Kursen für Mädchen ist die Nachfrage seit circa einem Jahr deutlich erhöht, so dass wir Wartelisten führen.“

„Kann ich abends und bei Dunkelheit durch die Stadt gehen? Wo lauern Gefahren?“ - die Fragen beschäftigten Teilnehmer, sagte die Leiterin des Fachbereichs Gesundheitsbildung an der Reutlinger Volkshochschule, Petra Starke. In den reinen Frauenkursen sei außerdem fast in jedem Kurs eine Teilnehmerin mit Gewalterfahrung. In Reutlingen werden dieses Jahr zwölf Selbstverteidigungskurse angeboten, im Vorjahr waren es noch sieben.

Gewalt gegen Frauen als traurige Realität

Die Opferschutzorganisation Weißer Ring begrüßt, dass immer mehr Frauen solche Kurse machen. „Frauen, die selbstbewusst auftreten, werden seltener Opfer von Gewalt als solche, die eine Aura der Angst umgibt“, sagte der Landesvorsitzende Erwin Hetger. Er könne aber die Verunsicherung nachvollziehen, die durch Gewalttaten wie aktuell in Freiburg und Endingen entsteht, und empfiehlt Frauen, nachts nicht allein unterwegs zu sein, sich nicht auf Gespräche mit Unbekannten einzulassen und bei Gefahr möglichst laut um Hilfe zu rufen.

„Leider ist Gewalt gegen Frauen keine Randerscheinung, sondern traurige Realität“, sagte die Vorsitzende des Landesfrauenrates Baden-Württemberg, Manuela Rukavina, anlässlich des internationalen Tages gegen Gewalt an Frauen (25. November). Sie zitiert eine vom Bundesfamilienministerium in Auftrag gegebenen Studie, wonach fast 40 Prozent aller Frauen in Deutschland mindestens einmal in ihrem Leben Opfer körperlicher oder sexueller Gewalt geworden sind.

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