Gerne mal Alarm schlagen: „Bild“-Schlagzeile vom 7. Februar 2018 Foto: Bild

Erst war Julian Reichelt Oberaufseher aller „Bild“-Produkte. Dann hat er 2018 als Chefredakteur die tägliche Produktion des Boulevardblatts direkt in die Hand genommen und „Bild“ noch krawalliger gemacht. Welche Strategie steckt dahinter?

Hamburg - Der Hamburger Medienforscher Sascha Hölig hat im Rahmen einer Studie gerade etwas Interessantes herausgefunden: Wer den Kurznachrichtendienst Twitter in Deutschland relativ stark nutze, weise „höhere Werte in der Tendenz zum Narzissmus“ auf. Besonders aktive Twitterer hätten „weniger Sinn für Empathie, Konsens und Gemeinschaftsgefühl“, schreibt Hölig in der aktuellen Ausgabe der Fachzeitschrift „Medien & Kommunikationswissenschaft“.

Allzu weit lehnt man sich nicht aus dem Fenster, wenn man konstatiert, dass diese Zuschreibungen auch für Julian Reichelt gelten, den namhaftesten Power-Twitterer unter den deutschen Journalisten. In den vergangenen Wochen hat der 38-Jährige, seit Februar dieses Jahres Chefredakteur der gedruckten „Bild“-Zeitung, dort einige bemerkenswert hysterische Attacken geritten. Mitte August beispielsweise traf es Patrick Bahners, den Verantwortlichen für das Ressort Geisteswissenschaften bei der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ (FAZ). „Unter dem Deckmantel der Satire propagiert @faznet ‚Kollege‘ @PBahners den Massenmord an Journalisten.“

Tatsächlich hatte Bahners, den Reichelt hier durch Anführungsstriche zu einem Kollegen zweiter Klasse herabwürdigt, ohne jeden Kommentar ein Gedicht retweetet, in dem sich der „Titanic“-Redakteur Moritz Hürtgen an den unrechtmäßig abgeschobenen Tunesier Sami A. wendet: „Willst du statt zur Einzelhaft nicht ins Springerhochhaus fliegen?“

Gedichte sind kein Terror

Am vergangenen Wochenende ging es dann schon wieder um das Gedicht – und ums selbe Verlagshaus. Dieses Mal traf Reichelts Furor die „Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung“ (FAS). „Die FAS würdigt heute die Freiheit von Gefährdern, davon zu träumen, ‚Verlagshäuser in die Luft zu sprengen‘. Ich glaube nicht, dass terroristische Planspiele von Gefährdern vom Rechtsstaat geschützt sind.“

Auch an diesem Tweet stimmte eher wenig. Ein künstlerisches Werk ist kein „terroristisches Planspiel“, und in der FAS war davon auch gar nicht die Rede gewesen. Tatsächlich hatte die Zeitung geschrieben, dass der Rechtsstaat es niemandem verbiete, „davon zu träumen, Busse, Bahnen oder Verlagshäuser in die Luft zu sprengen“.

Der Bildblog kommentierte Reichelts Ausflug aufs juristische Parkett, dass Träume von Gefährdern selbstverständlich „vom deutschen Rechtsstaat geschützt“ seien – „wie Träume jeder anderen Person vom deutschen Rechtsstaat geschützt sind“.

Radikalisiert konservativ

Die „Bild“-Zeitung und die FAZ unterscheiden sich bekanntlich zwar sehr in in Machart, dennoch machte man lange nichts falsch, wenn man sie grob demselben politischen Spektrum zuordnete. Beide stehen, jeweils auf ihre Art, für eine konservative Weltanschauung. Reichelts Schüsse Richtung Frankfurt sind nun ein Symptom für eine Radikalisierung der „Bild“-Zeitung.

Die Angriffe auf die FAZ begannen vor rund einem Monat. Damals hatte Patrick Bahners die „Bild“-Kampagne gegen den Fußballer Mesut Özil getadelt.„Bild“, so Bahners, habe „zwei Monate lang an der Ausbürgerung von Mesut Özil gearbeitet“. Reichelts Konter: „Journalisten wie @PBahners“ hätten „aus Social-Media-Gefallsucht“ und motiviert von ihrem „Hass“ auf die Bild-Zeitung „der AKP die Propaganda-Tür geöffnet“.

Plumper und verbohrter

Steckt hinter Reichelts Attacken eine Strategie? Oder muss er bloß tun, was er tun muss? Der Medienjournalist Stefan Niggemeierschreibt beim Portal „Übermedien“ unter Bezug auf Kai Diekmann, einen der Vorgänger Reichelts: In der Spätphase Diekmanns „wollte ‚Bild‘ von den Eliten, den Intellektuellen, den Kollegen gemocht werden“. Reichelts „Bild“ dagegenhabe „kein Interesse daran, von den Kollegen gemocht zu werden. Sie ist wieder plumper geworden, verbohrter, dümmer, rechter.“

Möglicherweise glaubt Reichelt, mit seinem forcierten Rechtskurs den Bedeutungsverlust der „Bild“ eindämmen zu können. Im zweiten Quartal 2018 lag die verkaufte Auflage bei 1  643 510 Exemplaren - inclusive E-Paper, B.Z. und „Fußball Bild“. Vor 20 Jahren verkaufte die „Bild“-Zeitung noch 4,7 Millionen Exemplare. Seitdem fällt die Print-Auflage fast kontinuierlich.

Endlich weniger Einbußen

In einem Interview hat Springers Vorstandsvorsitzender Mathias Döpfner kürzlich seine Freude darüber zum Ausdruck gebracht, dass der Rückgang der Verkäufe zuletzt „etwas verlangsamt worden“ sei. „Der Kurs von Julian Reicheltwird von vielen Lesern begrüßt“, so der Manager weiter. Worauf sich Döpfner bezieht: Im Vergleich zwischen dem ersten Quartal dieses Jahres und dem des Vorjahres büßte die „Bild“-Zeitung im Einzelverkauf und bei den Abos fast 200 000 Exemplare ein. Vergleicht man dagegen das zweite Quartal 2018 mit dem des vorigen Jahres, steht „nur“ ein Rückgang von 170 000 zu Buche.

Möglich natürlich, dass ein Verlag, der „vier von fünf Euro“ (Döpfner) im digitalen Geschäft verdient, es relativ gelassen sehen kann, wenn die Menschen weniger bedrucktes Papier kaufen. Bei der Präsentation der letzten Quartalszahlen gab Springer bekannt, das Online-Bezahlangebot „Bild Plus“ hätten derzeit 400 000 Menschen abonniert. Die Freunde des digitalen Boulevards zahlen dafür zwischen 4 und 13 Euro monatlich. Vielleicht begrüßen sie ja tatsächlich den „Kurs von Julian Reichelt“.

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