Foto: Daniel Moritz

Ein Gespräch mit Stuttgarts Kunstmuseums-Direktorin Ulrike Groos über Rudolf Steiner.

Stuttgart - Stuttgart war für Rudolf Steiner eine der wichtigsten Wirkungsstätten. 1904 kam er erstmals hierher, um einen Vortrag zu halten, 1919 wurde auf der Uhlandshöhe die erste Waldorfschule gegründet. Anlässlich von Steiners 150. Geburtstag bereitet das Kunstmuseum Stuttgart die Schau "Kosmos Rudolf Steiner" vor.

Frau Groos, das Kunstmuseum hat die Ausstellung mit dem Vitra Design Museum und dem Kunstmuseum Wolfsburg konzipiert. In Wolfsburg war sie bereits zu sehen. Was wird sich in der Stuttgarter Schau verändern?

In Wolfsburg waren die kulturhistorische Präsentation des Vitra Design Museum und der Kunstteil, den wir mit dem Kunstmuseum Wolfsburg zusammengestellt haben, getrennt in zwei Ausstellungen zu sehen. Hier haben wir den kulturhistorischen Teil mit dem Kunstteil verschmolzen. So zeigen wir etwa Werke von Joseph Beuys im Kontext von Steiners Gesellschaftslehre sowie Arbeiten von Penone und Olafur Eliasson im Dialog mit Steiners Wandtafeln.

Wie ist die Ausstellung aufgebaut?

Im kulturhistorischen Teil geht es uns um eine Basislegung: Wir möchten Steiners universelle Ideenwelt aufarbeiten und die Bandbreite seines Ansatzes darstellen. Zunächst stellen wir Steiner in den Kontext seiner Zeit, denn die Jahre um 1900 waren eine Zeit gesellschaftlicher und weltanschaulicher Umbrüche. Dann verfolgen wir seinen zentralen Gedanken der Metamorphose, unter anderem anhand seiner Monumentalbauten, um schließlich die vielfältige Praxis in den Bereichen Landwirtschaft, Eurythmie, Pädagogik bis hin zur Medizin darzustellen. Immer wieder stellen wir zudem Querverbindungen zur zeitgenössischen Kunst her.

Rudolf Steiners Gesamtwerk ist sehr umfangreich. Wie wollen Sie die ganze Bandbreite seines Schaffens darstellen?

Sein Wirken ist tatsächlich schier unerschöpflich: Er hat über 5000 Vorträge gehalten und mehr als 300 Bücher publiziert. Zur Vertiefung bietet die Stuttgarter Ausstellung ein reiches Begleitprogramm an, in dem wir die verschiedenen Themen zur Diskussion stellen.

Diese Diskussionen dürften sich recht kontrovers entwickeln.

Steiner hat viele Gegner, etwa unter Naturwissenschaftlern und Medizinern, da seine Theorien schwer überprüfbar sind. Aber dennoch war Steiner gerade auch aufgrund seiner breiten Bildung und seiner Äußerungen zu allen wichtigen Lebensbereichen eine der einflussreichsten Persönlichkeiten des 20. Jahrhunderts und muss besprochen werden. Unser Anliegen ist es, eine neutrale Plattform zu bieten, die Gespräche möglich macht.

Welchen Beitrag kann die Kunst zu einer Vermittlung leisten?

Die Kunst bietet die Möglichkeit, mit einem ästhetischen, spielerischen und sinnlich-assoziativen Zugang die Lager aufzubrechen. Gerade die zeitgenössische Kunst, wie sich an ausgestellten Arbeiten von Helmut Federle, Tony Cragg, Katharina Grosse oder Manuel Graf ablesen lässt, ermöglicht einen offenen Blick auf die aktuellen Bezüge von Steiners Gedanken.

Inwiefern knüpft die Ausstellung an aktuelle gesellschaftliche Kontroversen an?

Steiners ganzheitlicher Ansatz erweist sich als höchst aktuell, wenn man an die Brisanz ökologischer Fragestellungen oder an die globale Finanzkrise denkt. Jedem von uns stellen sich Fragen nach gesunder Ernährung, dem nachhaltigen Umgang mit der Natur oder dem richtigen Bildungsweg für unsere Kinder.

Welche Beziehung zu Steiners Gedanken haben die ausgestellten Künstler? Sind Anthroposophen darunter?

Der Reiz der Ausstellung besteht darin, dass wir Künstler eingeladen haben, die auf den ersten Blick nicht mit der Anthroposophie in Verbindung gebracht werden. Es sind keine anthroposophischen Künstler, aber sie alle haben einen jeweils eigenen Zugang zu Steiner.

Womit setzen sich diese Künstler denn auseinander?

Sie interessieren sich zum Beispiel für Steiners Farbenlehre, für seine Verbindung von naturwissenschaftlichem und künstlerischem Denken und für den Stellenwert des Geistigen in unserer materiellen Welt. Das Konzept der Metamorphose spielt dabei eine zentrale Rolle, aber auch formale Aspekte wie die Hinwendung zu organischen Formen oder die Einbeziehung kristalliner Strukturen.

Interessieren sich die Künstler auch für Steiners Hang zum Gesamtkunstwerk?

Ja. Als einer der ersten griff Joseph Beuys Steiners Idee einer Verbindung von Kunst und Leben auf und entwickelte daraus das Konzept der Sozialen Plastik. In der zeitgenössischen Kunst vereint Olafur Eliasson in grenzüberschreitenden Installationen Kunst und Wissenschaft. Katharina Grosse möchte mit ihren farbigen Raumskulpturen neue Fühl-, Denk- und Handlungsräume eröffnen. Claudia Wiesner löst wie Steiner die Gegensätze zwischen Kunst und Design auf: Sie schafft Gesamtkunstwerke, indem sie den Raum atmosphärisch verändert.

Steiner hat Stuttgart stark geprägt. Wie wird die Schau dies spiegeln?

Das Kunstmuseum legt zur Ausstellung die Publikation "Rudolf Steiner in Stuttgart" vor. Im Rahmen des Begleitprogramms werden die relevanten Stuttgarter Orte wie die erste Waldorfschule auf der Uhlandshöhe thematisiert, und es wird Touren durch die Stadt zu Steiners Wirkungsstätten geben. Wir hoffen, mit der Ausstellung auch einen Beitrag zur Stadtgeschichte zu leisten.

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