Oben: Louis Janmot, Selbstporträt, 1832. Foto: © Lyon MBA – Foto: Alain Basset

Noch nie stand das Bedürfnis zur Selbstdarstellung des Einzelnen in einem krasseren Verhältnis zur globalen Population der Menschheit. Da kommt eine Bestandsaufnahme der Selbstwahrnehmung gerade recht. Die Kunsthalle Karlsruhe liefert sie mit der Schau „Ich bin hier! Von Rembrandt zum Selfie“.

Karlsruhe - Einst waren Bildnisse Göttern und Herrschern vorbehalten und Selbstbildnisse ein Privileg der Künstler, deren Selbstbewusstsein seit der Renaissance stetig wuchs, nachdem sie sich ihrer Sonderstellung allmählich bewusst wurden. Erst die Fotografie lieferte dann jedermann das Zeug, sich zu „verewigen“. Den Durchbruch zur omnipräsenten Wahrnehmung des Individuums schafft aber jetzt das Selfie: „Denn das ‚Ich‘ ist das größte und verschleiertste ­Geheimnis der Welt.“ (Max Beckmann).

Die Herbstausstellung der Staatlichen Kunsthalle Karlsruhe „Ich bin hier! Von Rembrandt zum Selfie“ kommt daher ­genau zur rchtigen Zeit. Noch nie stand das Bedürfnis zur Selbstdarstellung des Einzelnen in einem krasseren Verhältnis zur globalen Population der Menschheit. Auf der anderen Seite weist ­Wolfgang Ullrich mit Recht darauf hin, dass sich Bilder von sich selbst (und überhaupt) auch noch nie zuvor müheloser verbreiten ließen und gerade ­deshalb „zu Mitteln der Kommunikation geworden“ seien („Selfies als Weltsprache“).

Die mit etwa 140 Arbeiten von über hundert Künstlern aus sechs Jahrhunderten fraglos ambitionierte Ausstellung ist das Resultat gemeinsamer Anstrengungen der Karlsruher Kunsthalle, des Musée des ­Beaux-Arts in Lyon und der National Gallery of Scotland in Edinburgh, die das Projekt seit 2011 vorbereiteten und dabei von ihren ähnlich strukturierten Sammlungen profitierten. Trotzdem werden die Stationen der Schau in ­Lyon und in Edinburgh, von den je besonderen Gegebenheiten ausgehend, ein anderes Gesicht zeigen. In Karlsruhe haben die Kuratoren Pia Müller-Tamm, Dorit Schäfer und Alexander Eiling die Vielfalt künstlerischer Selbstdeutung zu Nachbarschaften bzw. Gegenüberstellungen aufgedröselt.

Künstlerisch kommen mehr und mehr spezifisch weiblich geprägte Auffassungen zum Zug

Erstaunlich gleich bleibt sich die Selbstinszenierung des Künstlers, wenn ihn die Attribute seiner Arbeit begleiten wie Pinsel, Palette oder Spiegel. Wenn er sich als eleganter Stenz oder in bürgerlichem Habit darstellt, allein oder im Kreis von Kollegen oder der Familie, im Atelier oder inmitten der Natur, als Akt oder kostümiert, dann kann das gesellschaftlichen Wandel spiegeln, wenn auch nicht unbedingt. Doch das Selbstbewusstsein, das mit der Selbstbespiegelung einhergeht, hat das Selbstverständnis des Künstlers seit der Renaissance ganz bestimmt geprägt. Es hat sich verändert und das Künstler-Ego zu gelegentlich reichlich hochfliegender Selbsteinschätzung ermutigt. Und die romantischen Erwartungen der Gesellschaft an den Künstler als Außenseiter, der Glaube an seine außerordentlichen Gaben, an seine Prophetie und Hellsicht oder an die Seelenpein des weltfremden Sonderlings harmonieren ­damit problemlos.

Man darf gespannt sein, was massenhaft hergestellte Selfies in dieser Hinsicht noch bewirken. Künstlerisch kommen seit geraumer Zeit mehr und mehr spezifisch weiblich geprägte Auffassungen zum Zug, die bisher männlich dominierte Rollenklischees relativieren, etwa den Körper ­aufwerten und dem Bild an der Wand den ­Videofilm und die Performance an die Seite stellen.

Der Rundgang beginnt mit einem chronologischen Längsschnitt, der das bezaubernde Selbstbildnis der 27-jährigen Marie Ellenrieder von 1818 zwei männlichen Kollegen gegenüberstellt, die sich von Kopf bis Fuß nackt zeigen. Jean Baptiste Frénet malte sich 1850/60 im Stil der athletischen Sklaven ­Michelangelos. Schonungsloser noch setzte sich Ken Currie 2006 in „Unvertrautes Spiegelbild“ mit sich selbst und seinem ­alternden Body auseinander. Spalier bilden antike Gipsfiguren, die daneben sonderbar zeitlos wirken. Es folgt eine ganze Reihe grafischer Selbstbildnisse wie etwa von Wilhelm Leibl, James Ensor, Lovis Corinth, Max Beckmann, Georg Scholz, Ernst Ludwig Kirchner und Alexander Kanoldt.

Rembrandt probierte auf mehreren Radierungen verschiedene Kopfbedeckungen aus

Dialogpartner sind antike Büsten, eine schmissige Ölskizze von Eva Gonzales, einer Schülerin Manets, sowie drei Arbeiten, welche die Recherche nach dem Ich höchst eigenwillig umsetzen. Fritz Klemm identifizierte sich mit seinem Maltisch und einer simplen Umrisslinie seiner selbst. Auf dem Dia von ­Helen Chadwick halten ihre Hände ein freigelegtes menschliches Hirn. Zwar schlechthin Inbegriff und Sitz von Individualität, sieht es bei allen Menschen gleich aus. Den bohrenden Blick, mit dem Louis Janmot als Achtzehnjähriger 1832 den ­Betrachter wie auch sich selbst fixiert, hat Karlsruhe mit Recht als wirksamen Blickfang für das Plakat zu „Ich bin hier“ erkannt.

„Ich und die Dinge“ ist ein Kapitel überschrieben, wo sich Jacob Marrell 1637 als Spiegelbild auf einer bauchigen Vase mit welkenden Blumen versteckte, die zusammen mit anderen Symbolträgern die Vergänglichkeit allen Lebens ­beschwören. „Ich spiele eine Rolle“ heißt es, wenn Rembrandt auf mehreren Radierungen verschiedene Kopfbedeckungen ausprobierte oder Wols auf sieben fotografierten Selbstporträts Grimassen schnitt. Dem Bravourstück des „Selbstporträt(s) als Sechzehnjähriger“ von Claude Bonnefond, der mit einem Harnisch aus der ­Requisitenkammer seines Lehrers Pierre Révoil auftrumpfte, hat man Robert Mapplethorpe gegenübergestellt, der etwa mit einem langen Messer posierte. „Ich bin elegant“, konnten Sir Henry Raeburn, Anselm Feuerbach, Eugène Carrière , Henri Fantin-Latour und Louis Lamothe von sich sagen.

Auch wenn die eine oder andere Rubrik willkürlich scheint, bewerkstelligt diese ­sozusagen fragmentierte Kunstgeschichte originelle Nachbarschaften, viel Abwechslung und präsentiert selten oder noch nie ­gesehene Werke. Beispiele: Das „Selbstporträt eines entarteten Künstlers“, das Oskar Kokoschka 1937 malte, „Die Freunde“ von Wilhelm Schnarrenberger. Dass Léonard Tsuguharu Foujita und Henri Matisse wie auch Max Klinger mit der Radierfolge „Ein Handschuh“ das Thema „Der Raum und ich“ illustrieren, wird angesichts der originellen Arbeiten zur Nebensache. So begegnen uns Alexander Runciman (1784) und Gustave Courbet, jeweils nicht allein, angeblich „im Freien“, was so gut wie nicht auffällt, doch auch niemand stört. Mit Krieg haben die Selbstporträts von F.C.B. Cadell und Robert Henderson Blyth zu tun. Cadells brillant hingeworfenes Bildnis zeigt den Maler mit einer Palette als Schutzschild, ehe er 1914 in den Krieg zog. Blyth hat den Krieg 1946 buchstäblich hinter sich, griff indes das düstere Sujet als Sanitäter im Zweiten Weltkrieg immer wieder auf.

Douglas Gordon entstellt sein ­Gesicht mit Klebestreifen

„I am my art“: Das gilt für Alison Watt, die sich, blass und gesundheitlich angegriffen, an die Stirn fasst. John Bellany malte sich nach einer Lebertransplantation mit Sauerstoffmaske auf der Intensivstation. Das Künstler-Ich wird zunehmend Körper. Immerhin erklärt Angela Palmer ihr mittels PRT-Technik visualisiertes „Gehirn der Künstlerin“ zu ihrem Selbst. John Coplans hält es hingegen mit Aktfotos, die er von seinem Körper und nur diesem macht. Douglas Gordon entstellt sein ­Gesicht mit Klebestreifen, um das „Monster Reborn“ kenntlich zu machen. Bruce Nauman formt Abgüsse seiner Hände zu einem skulpturalen Kranz. Sehr hohen Anspruch stellt Marina Abramovic an sich selbst: Kunst muss schön sein, klar, doch auch der Künstler, die Künstlerin muss schön sein, sagt sie. Und kämmt sich die Haare.

Zum Schluss wird auch der Besucher zum Akteur. Er kann sich von einem Fotoautomaten porträtieren, ein „Selfie“ erstellen lassen und damit Teil des interaktiven Projekts werden, das Peter Weibel und Matthias Gommel vom ZKM konzipiert haben. Darüber hinaus werden die digitalen Besucherkonterfeis Elemente in der Installation FLICK EU MIRROR von Bernd Lintermann und Joachim Tesch. Wie einst beim Leviathan von Thomas Hobbes geht jeder Einzelne im Ganzen auf, als Pixel in einem größeren Gesicht, das seinerseits wieder ein Bildpunkt wird.

„Ich bin hier! Doch nur dann, wenn auch andere das mitkriegen“ (Peter Weibel).

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