Kalligrafie ist die Kunst der schönen Schrift – die sich manchmal erst auf den zweiten Blick offenbart. Der Aufbau einer Ausstellung: Für manche Teilnehmer ist das eine neue Erfahrung. Foto: factum/Krieger

Zwei Ausstellungen, die eigentlich eine sind, werden an diesem Freitag eröffnet. Dozenten der Freien Kunstakademie zeigen ihre Werke im Rathaus. Ihre Schüler stellen in der Jahnhalle vor, was sie in den vergangenen sechs Tagen erschaffen haben.

Gerlingen - Verrückt“. Anja Zschernig hat das Wort in Varianten in Blau und Schwarz auf eine Papierbahn geschrieben. Diese ist etwa einen Meter breit und zehn Meter lang. Im Moment kann die 43-Jährige nur einen Teil ihres Werks betrachtet, an dem sie seit fünf Tagen arbeitet, der Rest ist aufgerollt. Ihr zehnter Kurs ist dies, „die Kunst ist meine Gegenwelt“ sagt die Frau, die Geschäftsführerin einer Maschinenbaufirma bei Karlsruhe ist. Als eine von 50 Frauen und Männern hat sie eine Woche lang „Fünf plus Eins“ der Freien Kunstakademie in Gerlingen belegt – sechs verschiedene Kurse von Aquarell über Schriftkunst bis Skulptur. An diesem Wochenende werden die dabei geschaffenen Werke in der Jahnhalle gezeigt.

Zschernig und neun andere Frauen leben ihre Kreativität in der Kalligrafie aus. Auch die langen Papierbahnen mit den Werken der Schreibkunst werden in der Jahnhalle gezeigt. „Wir nutzen den Raum“, sagt die Kursleiterin Sigrid Artmann, auf den Bahnen befänden sich auch geheime Botschaften. Verrückt sei auch, meint Anja Zschernig, „was diese Woche auf die Rolle gekommen ist“. Hier könne sie in ihrem eigenen Tempo Mensch sein. Seit dem vergangenen Samstag arbeiten die Teilnehmer kursweise an sechs Orten – es ist erstaunlich, was herauskommt. „Wir arbeiten auf die Ausstellung zu“, sagt die Akademieleiterin Simone Vöhse, „es ist ein gemeinsamer Prozess.“

Zusammenwirken im Kurs

Gemeinsam ist das Zusammenwirken im Kurs, zum Beispiel im Fach „Wetterfeste Plastik“ mit der Dozentin Anna Schaberick. Jutta Glöckle aus Sachsenheim baut mit Hartschaumelementen, die verschieden in Größe und Form zurechtgeschnitten sind, einen Baum nach. Mit farbigem Modelliermaterial werden diese umgossen und dann auf einem Metallstab gefasst. Bis zur Vernissage wird das nicht fertig, ist der 70-Jährigen klar. „Es geht um den Weg und das Lernen“, meint die Dozentin, „nicht um Schnelligkeit.“ Axel Bäuerle kommt vom Acrylmalen zur Skulptur. Zwei stilisierte Figuren hat er geschaffen: Männlein und Weiblein. Noch sind sie Weiß, zum Schluss sollen sie aussehen wie aus rostigem Stahl. Bäuerle ist in den Betriebsferien hier – seines eigenen Maler- und Lackiererbetriebs.

Am Donnerstag haben die Teilnehmer mit den Dozenten ihre Werke in der Jahnhalle aufgestellt und aufgehängt. Hier ist es groß und wuselig. Ein Bild kommt direkt über den Notfallplan, auch ein Teil des Raums, andere liegen scheinbar wild verstreut auf dem Boden – Absicht. Eine Linie schafft Distanz, ein Schild erklärt das Chaos. Auch die Präsentation sei eine gemeinschaftliche Erfahrung, meint Simone Vöhse, und nicht das Werk eines Kurators. „Das ist ein erweiterter Kunstprozess.“ Die Halle werde temporär verwandelt.

Bilder und Kleinplastiken

Ein Werk auf Zeit ist auch die Ausstellung von jeweils fünf bis sechs Werken der sechs Dozenten im Rathaus. Bilder an den Wänden und ein paar wenige Kleinplastiken davor auf Sockeln: Das ist klassisch, ruhig, gediegen, gewohnt. Anna Schaberik zeigt sitzende Figuren, einen etwa 25 Zentimeter hohen Torso, eine „Sonnenfängerin“ mit großem rundem Hohlspiegel in den nach oben gereckten Händen. Mittel- und Großformate von Ingrid Schwarz („Lebenslandschaften“, „Das unendlich Unsichtbare“) sind in Blau, Grau, Schwarz oder Grün gehalten. Aquarelle von Guntram Funk entführen den Betrachter nach Marrakesch oder Fes. Striche fassen die Gestalt, die Wasserfarbe gibt die Form, Wischeffekte lassen der Fantasie Raum.

Dann kommen Menschen ins Spiel. Bei Thomas Heger sind sie in Bewegung, bei Albrecht Weckmann werden die Leute zu Leutchen: Ganz klein und unscheinbar, aber dafür viele. Und auf manchem Bild fast nicht zu erkennen. Sigrid Artmann ist mit Schriftwerken präsent: Sprüche, die der Betrachter sich erschließen muss, Bilder, die wenig plakativ sind, die sich nicht im Vorübergehen binnen Sekunden erschließen. Was ist die „Tür in eine neue Dimension“? Kunst ist auch, wenn Fragen bleiben, wenn Gedanken verarbeitet werden.

Die Kunstakademie

Gründung
Die Freie Kunstakademie Gerlingen wurde von Thomas und Sabina Bleul vor sechs Jahren nach einem mehrtägigen Sommerkunstkurs gegründet. Ende 2015 übernahmen Ute Haselmaier und Simone Vöhse die Akademie;sie befindet sich in einer ehemaligen Lagerhalle.

Angebot
Die Akademie bietet das ganze Jahr über Kurse an für alle möglichen Disziplinen der bildenden Kunst. Die Kurse dauern von einem bis zu mehreren Tagen. Dozenten sind namhafte Künstler.

Vernissage
Die Ausstellung „Fünf plus Eins“ wird am Freitag, 18. August 2017, um 13 Uhr im Rathaus und um 15 Uhr in der Jahnhalle eröffnet. Die Schau in der Jahnhalle ist am 19. und 20. August, je von 14 bis 18 Uhr geöffnet. Die Werke im Rathaus werden bis 2. Oktober gezeigt.

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