Ballettpremiere für ein Publikum in Boxen und in Autos auf dem Cannstatter Kulturwasen. Foto: Doll

Tanzgenuss bei Sonnenuntergang! Via Satellit wird das Stuttgarter Ballett mit der Opernhaus-Premiere von „Response I“ auf den Kulturwasen übertragen. Die Begeisterung ist riesengroß. 19.000 Fans hatten sich um Karten beworben.

Stuttgart - Von der Staatsoper bis zum Cannstatter Wasen sind es knapp 4000 Meter. Stuttgarts große Ballettfamilie ist mit dem Intendanten Tamas Detrich (er feiert an diesem besonderen Tag obendrein noch seinen 61. Geburtstag) so sehr im Glück, dass Luftsprünge vor Freude sein müssen. Es geht arg weit nach oben: ins Weltall und zurück.

Via Satellit wird am Samstagabend die Premiere von „Response I“ im Opernhaus (dort dürfen 249 Gäste sitzen) für etwa 2800 weitere Tanzfans auf den Kulturwasen übertragen. Das Comeback nach der Corona-Zwangspause ist ein zutiefst emotionaler Moment, was nicht allein die ergreifende Begrüßungsrede von Detrich („Ich bin der glücklichste Ballettintendant der Welt, alle anderen Balletthäuser wie in New York und Paris sind noch immer im Lockdown“) beweist. Das muss gefeiert werden! Damit die Bildqualität auf der 240 Quadratmeter großen LED-Leinwand für ein Publikum in Autos und auf Liegen stimmt, hat man den Umweg übers All in Kauf genommen.

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Aus „Ballett im Park“ wird „Ballett auf dem Kulturwasen“

Und wie die Qualität stimmt! In jeder Hinsicht! Es ist ein Sommerabend der großen Gefühle und künstlerischen Höchstleistungen. Was bisher „Ballett im Park“ war, ist nun „Ballett auf dem Kulturwasen“. Der Sponsor Porsche – sein Taycan mit dem elektrischen Herz steht weiß-leuchtend auf der Bühne – macht es möglich, dass der Eintritt frei ist. Wer dabei sein will, musste sich anmelden. 19.000 haben angerufen – innerhalb eines Tages waren alle Karten weg. Umso unverständlicher ist es, dass vorne in den Lounge-Boxen etliche Plätze leer bleiben. Da haben sich wohl einige angemeldet und sind, weil es nix kostet, doch nicht gekommen.

Echte Ballettfans lassen sich diese ganz besondere Premierenübertragung aber nicht entgehen. Die Begeisterung ist riesengroß. Die Stars wie Friedemann Vogel sind in Großaufnahme zu sehen, von sechs Kameras im Opernhaus perfekt eingefangen, eine davon filmt von der Decke aus. „Bei unserem Platz in Rang zwei sehen wir nicht, wie sehr die Tänzerinnen und Tänzer schwitzen“, sagt eine Besucherin. Im Rang zwei kann man auch nicht picknicken und auf einen Sonnenuntergang blicken. In den Vierer-Boxen auf Holzschnitzel werden Sektflaschen geöffnet, Oliven und Käsestückchen verspeist oder Popcorn geknabbert. Die Profis unter den Kulturwasenbesuchern haben Kissen mitgebracht, damit es noch bequemer ist auf den Liegen, sowie eigene Kopfhörer.

Ein funkelndes Leuchtspektakel der Autolichter zum Schluss

Während Fotodrohnen oder Vögel über einen fliegen, versinkt man in eindringlichen Tanzszenen und wundert sich nicht, dass sich ein Paar bei aller Distanz, die an diesem Abend nur räumlich herrscht, nicht aber emotional, so nahe kommt. Moderatorin Sonja Santiago hat erwähnt, dass diese Tänzer ein privates Paar sind. Gut kommen auch die Videos aus der Quarantäne an. Während eines Gastspiels in Friedrichshafen im März erkrankten zehn Beschäftigte des Balletts, darunter acht Tänzer, an Corona. 120 Tourteilnehmer mussten in zweiwöchige Quarantäne.

Veranstalter Christian Doll freut sich, dass wenig gehupt wird. Das Autopublikum ist diszipliniert und sorgt am Ende für ein funkelndes Leuchtspektakel mit allen Lichtern, die ein Auto hergibt. Vorne in den Boxen wird begeistert geklatscht, und der Wunsch ist zu hören, dass es künftig Live-Übertragungen bei jeder Ballettpremiere geben sollte.

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