Bühnen wie diejenige des Stuttgarter Opernhauses (hier ein Blick in den Zuschauerraum) bleiben mindestens einen Monat lang leer. Foto: picture alliance/dpa/Marijan Murat

Zum zweiten Mal verschließt die Politik die Türen von Theatern, Kinos und Konzerthäusern. Kulturschaffende protestieren.

Berlin - Heftig und bestürzt reagieren viele Kulturschaffende auf die am Mittwoch beschlossenen Maßnahmen der Ministerpräsidenten gegen den weiteren Anstieg der Corona-Infektionszahlen. So protestiert das Staatstheater Mainz in einem offenen Brief gegen die „sinnlose Maßnahme“, Kulturinstitutionen für mindestens einen weiteren Monat komplett zu schließen: Nachgewiesenermaßen habe sich kein Besucher und keine Besucherin in einem Theater- oder Opernhaus mit Covid-19 angesteckt. „Statt die wenigen gefahrlosen offenen Orte als Chance zu begreifen und den Menschen in einer Zeit der Einschränkungen, Sorgen und Fragen hier die Möglichkeit zu geben, sich nicht nur als Virenschleudern, sondern im Austausch miteinander als denkende und handelnde Individuen zu erleben, werden Theater grundlos verriegelt und wird Kultur verhindert“, so der Intendant Markus Müller und sein Team,

Auch der Bundesverband Schauspiel (BFFS) meldet sich zu Wort: „Gerade kleinere und nicht öffentlich geförderte Häuser werden diesen erneuten und vollkommen unnötigen Schlag vor den Bug nicht überleben“, heißt es in einem offenen Brief, den der Schauspielverband online veröffentlichte. Alle bisherigen Schutzmaßnahmen hätte man mitgetragen. „Sie waren schmerzhaft und haben viele von uns in existenzielle Krisen gestürzt“, schreibt der Verband. Aber sie hätten sie als notwendig erkannt, um die exponentielle Ausbreitung des Virus zu stoppen. In Theatern würden heute deutlich weniger Plätze besetzt als früher. Es gebe nur wenige öffentliche Orte, die so sicher seien, schrieb der Verband. Theater nun zu schließen, obwohl sie „kein Risiko darstellen“, sei weder sinn- noch maßvoll. „Ein kultureller Kahlschlag ohne Beispiel wird die Folge sein.“

„Vollkommen unnötiger Schlag vor den Bug“

Protest gegen die Corona-Maßnahmen kommt auch vom Bundesverband mittelständische Wirtschaft (BVMW) in Baden-Württemberg. Von Kanzlerin Merkel und den Ministerpräsidenten der Länder werde gerne davon gesprochen, dass Schulen, Kitas und Wirtschaft weitergehen sollten wie bisher, so der Landessprecher Ulrich Köppen. Doch das erwecke den Eindruck, „dass Freizeit-Einrichtungen inklusive Theater, Konzert, Kino oder Kabarett dem reinen Vergnügen dienen.“ Vielmehr sei es so, dass gerade die im Ausland bewunderte, vielfältige deutsche Kulturlandschaft von der Basisversorgung bis hin zu Spitzenleistungen von Selbstständigen und Kleinstfirmen realisiert werde, und „ohne deren eigenes Verschulden wird jetzt zum zweiten Mal durch den Lockdown quasi ein Berufsverbot ausgesprochen.“ Große Konzertsäle und Theater hätten bewiesen, dass man mit professionellen Hygienekonzepten den Besuch dieser Institutionen ungefährdet überstehen kann. Der gesamte Kulturbetrieb sei ein milliardenschwerer Wirtschaftsfaktor und für deren Macher kein Freizeitvergnügen.

Der Hauptverband Deutscher Filmtheater (HDF Kino) betonte, seit Monaten arbeiteten die Kinos mit detaillierten Sicherheitskonzepten, großen Räumen, modernen Belüftungsanlagen und einer geringeren Auslastung. Kinos übernähmen eine große Verantwortung für ihre Besucher, dennoch nütze ihnen das nichts. „Wir sind fassungslos“, so HDF-Vorstand Christine Berg mit. Auch der Programmkinoverband sprach von einer „schmerzlichen“ Entscheidung. „Was uns traurig macht: Dass man sich nicht durchgerungen hat, bei der Kultur eine differenzierte Sichtweise zu finden“, sagte Christian Bräuer von der AG Kino.

In allen Kulturinstitutionen gelten strenge Hygieneregeln

Ähnlich argumentieren die Kinoverbände, die Deutsche Orchestervereinigung, der Deutsche Bühnenverein und die Spitzenorganisation der Filmwirtschaft (SPIO). Seit Monaten hätten Betreiber dafür gearbeitet, ein sicheres Kinoerlebnis zu ermöglichen, hatte SPIO-Präsident Thomas Negele mitgeteilt. „Die eingeführten Regeln wurden strikt umgesetzt – bis hin zu Hausverboten.“

Weltweit brechen Künstlern in der Corona-Krise derzeit nicht nur die Einnahmen aus Auftritten, sondern auch aus Tantiemen weg. Für das laufende Jahr sei von einem Einbruch um 20 bis 35 Prozent auszugehen, teilte der internationale Dachverband der Verwertungsgesellschaften CISAC mit. Das entspricht dem Wegfall von 2 bis 3,5 Milliarden Euro. „Millionen von Urhebern verlieren gerade ihre Lebensgrundlage“, beklagt Ex-Abba-Star und CISAC-Präsident Björn Ulvaeus.

Kulturstaatsministerin Monika Grütters fordert ein Hilfspaket für die Kulturbranche

Gleich nach der Verabschiedung des Maßnahmenpakets am Mittwoch hat Kulturstaatsministerin Monika Grütters ein Hilfspaket für die Kultur- und Veranstaltungsbranche gefordert: „Es geht für die Branche um Leben und Tod. Die Künstler und Kreativen haben sich in der ganzen Krise ungeheuer fair verhalten, obwohl es an ihren Lebensnerv geht“, sagte sie. Sie erwarte, dass die Branche nun dieselben Hilfen bekomme, wie sie der Gastronomie zugesagt worden seien. Am Morgen vor der Videokonferenz von Angela Merkel mit den Ministerpräsidenten der Länder hatte Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier den Kulturschaffenden nur vage finanzielle Hilfe zugesagt: Die Kultur gehöre „zur Identität unseres Landes“, deshalb wolle man „eine Pleitewelle oder Änderung dieser Kulturlandschaft, die tief greifend ist, verhindern“. Die Soloselbstständigen hätten zwar die Möglichkeit, Grundsicherung zu erleichternden Bedingungen zu beantragen. Das schrecke aber viele ab. „Deshalb reden wir über zumutbare Alternativen. Wir werden in den nächsten Wochen ganz intensiv auch über dieses Thema reden.“

Wie rasch die Steuerausfälle aufgrund der Coronakrise die Kultur schädigen können, bewies schon am Montag die Stadt Bamberg: Sie kündigte an, ihre Kulturförderung 2021 um 25 Prozent zu kürzen. „Das kann die Stadt leider tun“, so der Geschäftsführer des Deutschen Kulturrates, Olaf Zimmermann, „weil die Kulturförderung immer noch keine Pflichtaufgabe der Kommunen ist. Es ist zu befürchten, dass wir in der nächsten Zeit weitere Hiobsbotschaften bei der Kulturfinanzierung der Kommunen hören werden. Jetzt muss um jede einzelne öffentliche Kultureinrichtung, um jeden einzelnen Kulturetat gekämpft werden. In Notzeiten, wie wir sie gerade erleben, muss es möglich sein, dass der Bund mit einem weiteren milliardenschweren Kulturinfrastrukturprogramm den Kommunen unter die Arme greifen darf. Die Erosion der kommunalen Kulturfinanzierung beginnt, Bund und Länder müssen sie jetzt gemeinsam aufhalten.“

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