Dittsche (Olli Dittrich, li.) hat den Wirt Ingo (Jon Flemming Olsen) mal wieder ins Grübeln gebracht. Foto: WDR/Beba Franziska Lindhorst

Deutschlands zähester TV-Verlierer kehrt zurück: Olli Dittrich lässt die Titelfigur der Comedyserie „Dittsche“ bereits in der 29. Staffel die Welt erklären.

Hamburg - Er hat von nichts eine Ahnung, zu allem eine Meinung und ist stets für Überraschungen gut: der Langzeitarbeitslose Dittsche, den die völlige Unfähigkeit zu diszipliniertem Denken bei gleichzeitigem Bedürfnis nach philosophischer Oberhoheit über die ganze Welt zum Schwadroneur ohne Peinlichkeitsbremse macht. In Bademantel, Jogginghose, Frotteesocken und Aldiletten steht er in seinem Lieblingsimbiss, der Eppendorfer Grillstation in Hamburg, und schüttet den leidgeprüften Wirt Ingo mit lamentierenden Anklagen, dummschlauen Weltverbesserungsvorschlägen, grotesken Selbstrechtfertigungen, wunderlichen Theorien und verworrenen Anekdoten zu.

Zwischen Mutterwitz und Irrsinn

Zwei Dinge schienen bei dieser vom Komiker Olli Dittrich auf die letzte Bartstoppel genau gespielten Figur mal gewiss: Erstens, dass sie für maximal zehn Folgen Stoff abwerfen würde, danach aber langweilig werden müsste. Zweitens, dass der Titelgeber von „Dittsche - Das wirklich wahre Leben“ entblößt und gedemütigt , ja, als armer, eingeschränkter Sozialverlierer hinter dem Entertainmentkarren her übers harte Kopfsteinpflaster der Häme geschleift würde. Doch es kam anders.

Am Sonntag um 23.30 zeigt der WDR die erste Folge der 29. Staffel von „Dittsche“, was schon rein zahlenmäßig als größter Kraftakt der deutschen TV-Comedy bewundert werden darf. Seit dem 29. Februar 2004 ist Olli Dittrich bereits 251 mal in Dittsches Bademantel geschlüpft, und das nicht am sicheren Führseil eines ausgeklügelten Drehbuchs. Die zwischen Mutterwitz und Irrsinn Haken schlagenden Gespräche im Grill sind Wunderwerke der Improvisationskunst, eingefangen von mehreren versteckten Kameras.

Der Menschenspiegler

Olli Dittrich, 1956 in Offenbach am Main geboren, ist nicht einfach zuspitzender Satiriker. Er ist ein beängstigend überzeugender Identitätsdieb, ein Menschenspiegler, der die Originale nicht bloß in prägenden Zügen nachäfft, sondern etwas Verborgenes aus ihrem Inneren herauszerrt, das einen beim Zuschauen mitten im Grins- oder Lachkrampf sofort als enthüllte Wahrheit überzeugt.

So fies ulkig man etwa Dittrichs Franz-Beckenbauer-Nummer finden mag, den Mix aus nebulösem Gestottere, Eigenlob und Selfmade-Platitüden, zu noch viel größerer Form läuft der Komiker in einem in loser Folge fortgesetzten Zyklus auf, in dem er Formate und Moden, Ticks und Typen, Krisen und Irrwege des Fernsehens präsentiert: analytische Medienkritik trifft Hochkomik.

Prominente im Grill

Gerade der vielseitige Könner Dittrich, der von 1993 bis 1998 mit der Sendung „RTL Samstag Nacht“ bekannt wurde, hätte sich von der Figur Dittsche auch schnell wieder verabschieden können. So presst er denn auch nicht eine Idee bis auf den letzten Gag aus. Er stellt sich eher einer Verantwortung. Dittsche ist bei allem Wirrsinn seines Redens, bei aller Aura der Chancenlosigkeit, die ihn miefig umhüllt, ein authentisches Sprachrohr der Abgehängten.

Dittsche sitzt eben nicht zuhause auf der Couch. Er geht noch täglich in den Grill, ob er auf der Höhe ist oder nicht, und verschafft sich Gehör, ob die anderen wollen oder nicht. Eine Menge Prominenter haben hier schon auf eine Wurst, eine Auskunft, einen Disput vorbeigeschaut, von Rudi Carrell über Til Schweiger bis hin zu Otto Waalkes. Aber die übernehmen nicht die Bühne, sie wirken gar weniger substanziell als der arbeitslose Stammgast. Wichtig ist nicht, was sie von sich geben, sondern was Dittsche über sie und was er ihnen direkt zu sagen hat.

Beharrlich am Rande des Abgrunds

Dass Oliver Dittrich die Figur schon über einen so langen Zeitraum pflegt, hat einen ganz besonderen Effekt. Schon am Anfang sah Dittsche so derangiert aus und wirkte manchmal um den entscheidenden Grad zu betrunken, dass man ihm ein langes Durchhalten nicht zutrauen mochte. Dittsche war da schon ein Typ am Abgrund. 16 Jahre später kann der älter gewordene Satiriker einen noch viel hoffnungsloseren Dittsche vor die Kamera stellen – doch der steht eben immer noch am Rand des Abgrunds und ist nicht hineingefallen. Er stützt sich immer noch auf den Glauben, alles klarer zu checken als die anderen.

Dittsches Beharrlichkeit, seine Weigerung, sich lange einer Depression hinzugeben, seine Courage, sich so in die Grillbude zu schleppen, wie er sich eben fühlt, als deutlich nicht mehr zur Produktionsgesellschaft Gehörender, haben eine politische Seite. „Wir Verlierer sind immer noch da, egal, ob ihr uns wahrnehmen wollt oder nicht, egal, welcher Aufschwung gerade in den Wirtschaftsmagazinen bejubelt wird“, scheint er zu signalisieren. „Dittsche“ zu schauen erheitert nicht nur, es erdet auch.

Ausstrahlung: WDR, Sonntag, 1. März 2020, 23.30 Uhr, anschließend in der ARD-Mediathek.

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