Cover der ersten „Bravo“ vom 26. August 1956 mit Marylin Monroe. Foto: Bauer Media Group/Bravo/dpa

Für Millionen Teenager war sie der Inbegriff der Jugend, jetzt nähert sich die „Bravo“ langsam aber sicher dem Rentenalter. Mit 63 zeigt das einstige Teenie-Kultblatt ein paar altersbedingte Gebrechen. Und weil die Auflage massiv sinkt, erscheint die Kult-Zeitschrift jetzt nur noch alle vier Wochen.

Hamburg/München - Seit 63 Jahren gehört die „Bravo“ zur Pubertät wie Petting, Pickel und Pille. Starschnitts sammeln, „Dr. Sommer“ fragen, Teenie-Nackedeis anschauen. Das war‘s, was Generationen von Jugendlichen an dem Kuddelmuddel aus bunten Bildchen, schrillen Titeln und schrägen Storys so liebten.

Generationen von Pubertierenden lasen die Tipps von „Dr. Sommer“ heimlich unter der Bettdecke oder unterm Klassenpult. Für die Altvorderen war „Bravo“ der Inbegriff von Aufmüpfigkeit und Sittenverfall der heutigen Jugend. Einst hatte die „Bravo“ eine Auflage von mehr als einer Million Ausgaben. Mittlerweile ist es nur noch ein Bruchteil davon.

Digitale „Bravo“

Die „Bravo“ erscheint deshalb künftig nur noch alle vier statt wie bislang alle zwei Wochen. „Bravo“ werde sich ab sofort noch stärker auf digitale Formate und Bewegtbild konzentrieren, teilte der Heinrich Bauer Verlag am Mittwoch (13. November) in Hamburg mit.

Das gedruckte Magazin mit Redaktionssitz in München bleibe aber mit dreizehn Ausgaben pro Jahr wichtiger Bestandteil im „Bravo“-Markenkosmos, hieß es. Bis 2015 kam die Jugendzeitschrift wöchentlich heraus, dann stellte der Bauer-Verlag auf die zweiwöchentliche Erscheinungsweise um.

Pflichtlektüre für Pubertierende

„Bravo“ – „Zeitschrift mit dem jungen Herzen“. So hieß der Untertitel der Erstausgabe, die am 26. August 1956 zum Preis von 50 Pfennig erschien. Auflage 30 000. Ursprünglich als Heft für Film und Fernsehen geplant, entwickelte sich „Bravo“ rasch zum Zentralorgan für Popkultur und Pubertätsprobleme.

Es gab eine Zeit, in der auf dem Schulhof nichts ging ohne die „Bravo“. Teenager im ganzen Land fieberten dem Donnerstag und der neuen Ausgabe entgegen. Wer ist die coolste Band – Sweet, Bay City Roller oder Smokie? Wer hat den heißesten Style – Suzi Quarto, Leif Garrett oder Shaun Cassidy? Spätestens mit 16 war es nur noch peinlich beim „Bravo“-Lesen erwischt zu werden.

Der Starschnitt

Heute wäre mancher froh, wenn er seine Lieblings-Starschnitte von damals archiviert hätte. Pierre Brice als Winnetou und Marie Versini als seine Schwester Nscho-tschi, Patrick Swaayze, Shakin‘ Stevens, Olivia Pascal mit Schmacht-Blick. Lebensgroße papierene Schnittmuster. Eine geniale Idee, um Stars und Sternchen in die Kinderzimmer zu holen. Der Starschnitt wurde zu einem Markenzeichen des Magazins.

Alles begann in der 13. Ausgabe mit „Brigitte Bardot in 11 Teilen“ der Promi-Wettstreit um Wände und Schränke. Bis 2005 wurden nach Verlagsangaben 122 Musik-, Film- und Fernsehidole in voller Lebensgröße und insgesamt 2333 Einzelteilen abgebildet. Elvis, Roy Black, die Stones, Boris Becker, E.T., Michael Jackson, Take That, Tokio Hotel und Nena. Zum Kölner Weltjugendtag 2005 schaffte es sogar Papst Benedikt XVI. aufs Megaposter.

Auflage im Sinkflug

„‚Bravo‘ ist ein Phänomen und eine Legende in der deutschen Medienlandschaft“, sagt Alex Gernandt, ehemaliger Chefredakteur der Jugendzeitschrift. Das mit der „Legende“ ist indes schon lange vorbei. Die Auflagen der Teenie-Zeitschrift sinken seit Jahren dramatisch: Im dritten Quartal 2019 kam das Magazin noch auf eine verkaufte Auflage von 76 932 Stück.

Zehn Jahre zuvor waren es laut der Auflagenkontrolle IVW noch 555 934 Stück. 1998 hatte der Hamburger Bauer Verlag noch 970 000 Exemplare verkauft. Zu absoluten Hochzeiten Anfang der 1990er Jahre lag die Auflage sogar bei mehr als 1,5 Millionen.

Die Gründe für die Probleme beim Heft liegen auf der Hand: „Wir müssen dort sein, wo sich unsere Zielgruppe aufhält, um nicht an Relevanz zu verlieren“, sagt „Bravo“-Verlagsleiter Karsten Binke. 96 Prozent der Jugendlichen nutzten heute das Internet, 90 Prozent seien auf Social-Media-Plattformen unterwegs, so Binke unter Berufung auf eine Studie des Bauer-Verlags.

„Bravo“ sei zwar extrem beliebt bei den Jugendlichen, „aber Teenager sind längst nicht so markentreu wie ältere Zielgruppen“, erklärt er.

„Bravo“ in den sozialen Netzwerken

Neben der eigenen Internetseite ist „Bravo“ unter anderem bei Snapchat, Instagram, Youtube, Facebook und WhatsApp aktiv. Die bekannte Aufklärungsrubrik „Dr. Sommer“ gibt es seit diesem Monat auch als Podcast. „Das Magazin ist das Premiummedium, zu dem Jugendliche greifen, wenn sie sich ausführlich über bestimmte Themen informieren wollen“, betont Binke.

Früher hatte die „Bravo“ quasi ein Monopol auf das Privatleben der Stars, erklärt Nora Gaupp vom Deutschen Jugend-Institut in München. „Man hatte nur dort die Möglichkeit, rauszufinden, was die Backstreet Boys zu Abend essen und ob Michael Jackson Haustiere hat.“

Aber Sexuelles Trendsetter-Blatt? Von wegen. „Die ‚Bravo‘ ist konservativ“, sagt die Jugendforscherin. Homo-, bi- oder heterosexuelle Vielfalt, moderne Geschlechterrollen, Jugendliche unterschiedlicher Hautfarbe – Fehlanzeige. „Junge Frauen haben schön, schlank, dünn, gepflegt zu sein, Männer haben stark und sportlich zu sein.“ Alles sei „brav nach Geschlechterstereotypen sortiert.“

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