Winfried Kretschmann in Fukushima. Foto: dpa

Jahrzehntelang hat sich Winfried Kretschmann für den Atomausstieg eingesetzt, in Deutschland hat er sein Ziel erreicht. Nun wird er immer mehr zur Symbolfigur für den Umstieg auf die erneuerbaren Energien. Beobachtungen von seiner Dienstreise in Japan.

Fukushima - Es ist heiß. 30 Grad Celsius. In dieser Stadt, die vor dem 11. März 2011 kaum jemand auf der Welt kannte, herrscht Alltag. Die Menschen von Fukushima gehen an diesem Mittwochmittag wie immer ihren Dingen nach. Dass 60 Kilometer vor den Toren der Provinzhauptstadt damals die Kernkraftwerke explodiert sind, ist nicht sichtbar. Also gehen die Japaner einkaufen, holen sich einen Snack für die Mittagspause, Kinder toben umher, Taxifahrer dösen im Schatten. Und es gibt eine Tourismusbroschüre mit vielen bunten Bildern der Region und einer Karte, auf der die Kernkraftwerke schon nicht mehr eingezeichnet sind. Alles scheint ganz normal.

Nicht aber für Winfried Kretschmann. Seit Sonntag ist der Ministerpräsident und amtierende Bundesratspräsident auf Dienstreise in Japan. Die Tour nach Asien kennt nur ein Thema: Energie, Energie und nochmals Energie. Da ist der Besuch in Fukushima ein Höhepunkt. Einer, der freilich nachdenklich macht. „Japan hat eine Dreifach-Katastrophe erlebt: ein Erdbeben, den Tsunami und das Reaktorunglück“, hat er wenige Minuten zuvor noch einmal betont, als er im Schnellzug Shinkansen mit 300 Stundenkilometern von Tokio hierher in die Provinz gerast ist. Aber Kretschmann will kein Katastrophentourist sein. In die Nähe der zerstörten Reaktorruinen würde er ohnehin nicht kommen, die Sperrzone beträgt noch immer 20 Kilometer.

Da draußen am Pazifik sind täglich Tausende Arbeiter in ihren weißen Schutzanzügen mit Aufräumarbeiten beschäftigt. Und Kretschmann wehrt sich, als ihn jemand fragt, ob er 2011 nur dank der Atomkatastrophe der erste grüne Ministerpräsident Deutschlands geworden sei. „Nein, ich bin kein Katastrophengewinner“, sagt er mit leicht gereiztem Unterton. Die Tragödie von Fukushima habe aber gezeigt, wovor die Grünen immer gewarnt hätten, nämlich „vor den Risiken dieser Technologie“. Und dann schiebt er eine Art zementierte Mahnung hinterher: „Fukushima hat Japan aufgerüttelt und die Welt verändert. Das Ende der Atomkraft ist nicht mehr aufzuhalten.“

Symbolfigur eines neuen Energiezeitalters

Aber dieser Tag, dieser Ort Fukushima ist nichts für persönliche und parteigefärbte Triumphe, auch wenn Kretschmann mit dem Atomausstieg in Deutschland ein wesentliches Ziel seines politischen Lebens erreicht hat. Und es scheint, als werde der Hüne mit der grauen Igelfrisur jenseits von Europa allmählich zur Symbolfigur für das neue Energiezeitalter. „Sie sind das Gesicht der Energiewende“, lobt ihn Volker Stanzel, der deutsche Botschafter in Japan.

Wo auch immer der 65-jährige Ministerpräsident aus Stuttgart hier in Asien auftaucht, das Interesse an seiner Person übertrifft alle Erwartungen. Am Mittwochabend, zu einer Pressekonferenz im Roppongi Hills Club in Tokio, kommen 17 Journalisten und Korrespondenten, das öffentlich-rechtliche japanische Fernsehen widmet ihm einen eigenen Interviewplatz. Und die Politik öffnet für Kretschmann alle Türen. Er trifft die Präsidenten des Parlaments, führende Minister und, und, und. „Deutschland ist für uns Vorbild“, sagt Yuji Kuroiwa, Gouverneur der baden-württembergischen Partnerprovinz Kanagawa, und betont: „Wir müssen auch in Japan von der Abhängigkeit der Atomkraft wegkommen.“ Neulich sei er in Deutschland gewesen, habe mit seiner Frau die „Romantische Straße“ befahren. Neben landschaftlichen Sehenswürdigkeiten fiel ihm auf, „dass viele schöne rote Dächer mit schwarzen Solarpanelen bedeckt sind“. Das müsse man doch anders machen, sagt Kuroiwa und hält dünne Solarfolien hoch, die gerade aus der Forschung kommen.

So etwas ist ganz nach dem Geschmack von Kretschmann. Er lädt sein Gegenüber für 2014 nach Stuttgart ein. Dann will er mit seinem japanischen Gast nicht nur die 25-jährige Partnerschaft feiern, sondern ihm auch Firmen und Forschungseinrichtungen aus dem Bereich der erneuerbaren Energien zeigen. Nach dem Motto: Gemeinsam geht’s voran ins neue Energiezeitalter. Kuroiwa selbst wurde 2011 gewählt. Im Wahlkampf hatte er stets Solarmodule dabei. Sein Slogan: „Die Energierevolution kommt.“

Die ersten Menschen wagen sich zurück in die Sperrzone

Hier draußen in der Provinz Fukushima, wo sie vor der Dreifach-Katastrophe von der Fischzucht und der Landwirtschaft gelebt haben, wären sie froh, es gebe schon eine kleine Revolution. Aber sie haben andere Sorgen. 580 Quadratkilometer wurden damals verseucht, 20 000 Menschen starben, 500 000 mussten evakuiert werden, noch immer leben 150 000 Menschen in provisorischen Unterkünften. Eine, die evakuiert wurde, ist Setsuko Kida. Die kleine zierliche Frau wartet an diesem sonnigen Mittwoch auf das Treffen mit Kretschmann. So wie Yuuko Endo, Bürgermeister einer Kleinstadt, die es vor jenem 11. März 2011 noch gab und wo seither eine beängstigende Stille herrscht.

Die Gemeinde liegt in jener 20-Kilometer-Sperrzone hinter der Reaktoren-Ruine. „Wir hatten eine schöne Naturlandschaft“, erinnert sich der Bürgermeister. In den vergangenen Monaten sei in seinem Ort „die Strahlendosis zurückgegangen“, die Sperrzone werde gelockert, die ersten Menschen würden sich zurückwagen. Die Leute wollen wieder raus aufs Feld. Landwirtschaft als Lebensmittelpunkt. Aber was ist das für ein Leben, wo die Strahlung nicht riecht, nicht schmeckt und doch wie die Sonne fortan zum täglichen Leben gehört und der Reis, die Salate und das Obst über Jahrzehnte nicht genießbar sein werden? Ein Experte der deutschen Botschaft formuliert es so: „Alles, wo der Name Fukushima draufsteht, wird noch lange Schwierigkeiten am Markt haben.“

Setsuko Kida geht es ähnlich: „Meine Heimat wurde praktisch weggespült.“ Seit der Katastrophe ist sie mehrfach kurz zurückgekehrt, immer „mit Schutzanzug und Gasmaske“. Aber die Regierung wolle die Wahrheit über die Folgen des Unglücks vertuschen, die Strahlenwerte seien doch viel höher, als es von den offiziellen Stellen zugegeben werde, sagt sie verärgert und haut auf den Tisch. „Wenn es regnet, steigen die Werte sofort wieder an.“ Und dann wird die Geschichte erzählt von verzweifelten Menschen überall in der Region Fukushima, die immer öfter zur Schaufel greifen, die Erde ausgraben, sie in schwarze Säcke füllen und an den Straßenrand legen. Als ob man eine Reaktorkatastrophe mit der nächsten Müllabfuhr beseitigen könnte. „Es ist traurig, dass wir uns eingestehen müssen, dass nicht alle Einwohner in ihre Orte werden zurückkehren können“, sagt der Bürgermeister. Hier und da würden „Ersatzorte gebaut“. Als ob man Heimat verpflanzen kann.

Auch in Japen Thema: Die Suche nach einem Endlager

Und was macht die Regierung in der fernen Zwölf-Millionen-Metropole Tokio? Kritiker halten Premierminister Abe vor, die Bedeutung der Wirtschaft zwei Jahre nach dem Super-GAU schon wieder höher einzustufen als den Umweltschutz. Zwar investiert der Staat rund 200 Milliarden Euro in den Wiederaufbau. Aber mancher hegt Zweifel an der Ernsthaftigkeit. Dass die Atomaufsicht über Jahrzehnte beim Wirtschaftsministerium angesiedelt war und es „nicht wenige Korruptionsfälle“ gab, wie Kretschmann erwähnt, ist einer der Belege.

Ein anderer ist der Umgang mit dem Atommüll. Japan ließ den strahlenden Schrott stets nach Europa verschiffen. Ein Endlager war kein Thema. Nun soll das anders werden. „Die japanische Regierung hat 3000 Kommunen angeschrieben, ob sie das Endlager haben wollen. Zehn haben sich zurückgemeldet, eine blieb übrig. Dort gab es dann einen Aufstand“, erzählt der mitreisende Umweltminister Franz Untersteller (Grüne) und kommt zu dem ernüchternden Fazit: „Die stehen am Anfang der Debatte.“

Ein Ende ist – ähnlich wie daheim in Deutschland – freilich nicht absehbar. 56 Atomkraftwerke gibt es in Japan, nur zwei sind derzeit am Netz, in den nächsten Monaten sollen weitere sechs wieder angeschaltet werden. Die Kernkraftgegner laufen Sturm. Vor dem Wirtschaftsministerium in Tokio campieren sie seit Monaten, einige sind jetzt im Hungerstreik. Im Parlament selbst macht die parteiübergreifende Parlamentariergruppe AKW Zero immer lauter auf sich aufmerksam. Kretschmann spricht ihnen Mut zu. „Uns eint der Wille zur Energiewende.“ Ja, räumt er dann doch ein, „Fukushima hat mit dazu geführt, dass ein Grüner zum Ministerpräsidenten wurde“. Und zum Vorkämpfer für die Energiewende. In vielen Gesprächen bietet er das Know-how von deutschen Firmen und Forschungseinrichtungen an. So empfiehlt er Yuhei Sato, Gouverneur der Provinz Fukushima, Experten des Fraunhofer-Instituts aus Freiburg könnten gerne beim Aufbau von regenerativen Energien helfen. Pech nur, dass Nordrhein-Westfalen samt einem Fraunhofer-Gesandten schneller war und demnächst eine Grundsatzvereinbarung mit der Provinz unterzeichnen wird.

Aber Kretschmann lässt sich von solchen Schönheitsfehlern seines Programms nicht beirren, lächelt sie weg und bleibt seiner Linie treu. Sie ist eine Mischung aus Ministerpräsident und Bundesratspräsident, aus Vorkämpfer und Staatsmann. Entscheidend für den weltweiten Durchbruch der erneuerbaren Energien sei die ökologische wie ökonomische Durchschlagskraft. Da entstehe eine „neue Leitindustrie“, glaubt er und betont: „Wir werden eine neue industrielleRevolution erleben.“

Und doch spürt er, dass es noch ein langer Weg wird, bis Länder wie Japan den Einstieg in den Ausstieg geschafft haben. Vor Fuku­shima waren 80 Prozent der Japaner für die Atomkraft, nun sind ebenso viele dagegen. Setsuko Kida jedenfalls gibt Kretschmann zum Abschied in Fukushima eine große Bitte mit auf den Heimweg. Er möge „die Wahrheit nach Europa tragen“. Soll heißen: Der Druck auf Japan muss größer werden, um die Atomkraft endgültig abzuschalten und die Energiewende ernsthaft anzugehen. „Man ist hier im Suchprozess“, sagt Kretsch­mann diplomatisch: „Ich weiß nicht,wohin die Reise geht.“

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