Kurzzeitpflegeplätze für Kinder mit Handicap sind Mangelware. Dabei wären sie so wichtig, um betroffene Familien zu entlasten. Foto: dpa

Im Kreis Esslingen gibt es keine Kurzzeitpflegeplätze für schwer behinderte Kinder und Jugendliche. Der Plan der Diakonie Stetten, ein dafür geeignetes Wohnheim in Plochingen zu bauen, ist vorerst gescheitert. Der Verein Rückenwind ist schwer enttäuscht.

Kreis Esslingen - Eigentlich hatte Ursula Hofmann gehofft, endlich über den Spatenstich für ein Wohnheim für junge Menschen mit Behinderung zu lesen. Doch daraus wird vorerst nichts – zur großen Enttäuschung der Vorsitzenden des kreisweit agierenden Vereins Rückenwind, der sich für Familien mit Handicap-Kindern stark macht. Denn der Bau des Gebäudes, den die Diakonie Stetten auf einem Gelände an der Bergstraße in Plochingen auf Bitte des Landkreises Esslingen realisieren wollte, hat sich vorerst zerschlagen. Damit ist die Versorgungslücke bei der Kurzzeitpflege für Familien mit behinderten Kindern nach wie vor offen. „Wir kämpfen seit mehr als fünf Jahren dafür, diese zu schließen“, sagt Ursula Hofmann, die selbst Mutter einer schwer behinderten Tochter ist. „Und jetzt steht alles wieder auf Null“, sagt sie. Allerdings beteuern sowohl die Diakonie Stetten als auch der Landkreis, intensiv an einer Lösung zu arbeiten.

Das Projekt wird laut Diakonie weiter verfolgt

„Versorgungslücke im Kreis wird geschlossen“ lautete die Überschrift eines Artikels, der Anfang Juni des vergangenen Jahres in der Esslinger Lokalzeitung erschienen war. Der Plochinger Gemeinderat hatte einen Bebauungsplan für ein Wohnheim auf dem Areal an der Bergstraße beschlossen. Doch die massiven Einsprüche von Anwohnern bezüglich der Größe des Hauses, das für 24 Lang- und vier Kurzzeitplätze für gehandicapte Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene geplant war, machten dem Vorhaben einen Strich durch die Rechnung. Der Plan B der Diakonie Stetten, das Haus kleiner zu bauen, fand beim Landratsamt in Esslingen keinen Anklang. Ein solches Gebäude mit kleinerer Kapazität wäre „finanziell nicht rentabel“ gewesen, erklärt Katharina Kiewel, die Sozialdezernentin des Landkreises.

Ein städtisches Grundstück, das die Plochinger Verwaltung der Diakonie Stetten zunächst ersatzweise im Stadtteil Stumpenhof angeboten hat, erachtete wiederum das Sozialunternehmen als nicht geeignet. Laut einer Sprecherin der Diakonie Stetten wird befürchtet, das Gebäude würde dort ebenfalls zu groß geraten. Allerdings werde gerade eine weitere von der Stadt Plochingen ebenfalls auf dem Stumpenhof angebotene alternative Fläche geprüft. Dem ersten Anschein nach, „könnte diese für den Bau eines solchen Wohnheims geeignet sein“. Die Diakonie wolle nach wie vor „die gemeinsam mit dem Kreis Esslingen gesteckten Ziele umsetzen“, erklärte die Sprecherin auf Anfrage.

Manche Plätze werden sogar verlost

Die Kreis-Sozialdezernentin Katharina Kiewel bestätigt das. Ihre Behörde erachte dieses Grundstück als „sehr ideal“ für ein Wohnheim. Im Mai sei ein Termin mit der Diakonie und der Stadt Plochingen anberaumt, um das weitere Vorgehen zu besprechen. Der Landkreis dringe darauf, „dass das Vorhaben möglichst zeitnah realisiert wird“, sagt Kiewel, „da sind wir ganz bei Rückenwind“. Denn die Notwendigkeit sei unbestritten, aber es herrsche „ein großer Mangel an Grundstücken für soziale Einrichtungen“.

Ursula Hofmann und ihre Mitstreiter sind wohl noch eine Weile darauf angewiesen, für die kurzzeitige Versorgung ihrer Kinder einen Platz in anderen Landkreisen zu finden. Das sei ein „unhaltbarer Zustand“, beklagt die Esslingerin, denn die Anfahrtswege seien lang und die Kapazitäten klein. Zudem betrage der Anmeldevorlauf für eine solche Betreuung zur temporären Entlastung von Eltern „bis zu einem Jahr“, berichtet Hofmann. In manchen Einrichtungen würden die Plätze sogar verlost.

Zehn Plätze gibt es im Rems-Murr-Kreis

Zum Beispiel sei das in jenem Heim in Ulm der Fall, wo sie ihre Tochter notgedrungen zur Kurzzeitpflege unterbringen müsse. Darüber, dass das Vorhaben im Kreis Esslingen zunächst geplatzt ist, „sind wir noch nicht einmal informiert worden“, kritisiert Hofmann. Dabei kämpfe der Verein Rückenwind schon seit Jahren um die Kurzzeitpflegeplätze, die zum Teil in anderen Landkreisen und in der Stadt Stuttgart – dort etwa über die Caritas oder in einer Einrichtung im Stadtteil Fasanenhof – bereits existierten.

Im Rems-Murr-Kreis bietet die Diakonie Stetten einer Sprecherin des Landratamts zufolge zehn solcher Pflegeplätze an: acht im Kreis und zwei im nahen Stuttgart-Bad Cannstatt. Zudem könnten je nach Bedarf und freien Kapazitäten weitere Kurzzeitplätze für behinderte Kinder und Jugendliche in bestehenden Wohngruppen bereitgestellt werden. Im Esslinger Nachbarlandkreis Göppingen stellt sich die Situation problematischer dar, obwohl laut einer Sprecherin des Landratsamts auch dort die Nachfrage nach Kurzzeitunterbringungsplätzen „recht hoch“ ist. Wie auch im Kreis Esslingen fehlt es an Plätzen. Die neue Teilhabeplanung weise einen Bedarf von zwölf Plätzen für den Kreis Göppingen aus. Aktuell gebe es sieben Kurzzeitpflegplätze, von denen nur einer für schwerst mehrfach behinderte Menschen geeignet sei, so die Auskunft aus dem Göppinger Kreishaus. Laut Katharina Kiewel vom Esslinger Landratsamt wollen die beiden Kreise in dieser Sache aber kooperieren.

Im Kreis Ludwigsburg ist eine stationäre Einrichtung geplant

Im Landkreis Ludwigsburg sind laut einem Sprecher Kurzzeitpflegplätze für Kinder und Jugendliche mit Behinderung ebenfalls Fehlanzeige. Eine Einrichtung mit diesem Angebot gebe es aber in Illingen (Enzkreis) unweit der Grenze zum Kreis Ludwigsburg. Zudem sollen Kurzzeitpflegplätze künftig in einer stationären Einrichtung angeboten werden, die sich bereits in der Vorbereitung befinde und die die Stiftung Liebenau in der Stadt Ludwigsburg umsetzen wolle. Zudem böten die Familienentlastenden Dienste im Landkreis Ludwigsburg im Rahmen ihrer Programme „vielfältige Angebote mit Betreuung an Wochenenden und in den Ferien an“.

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