Regine Warth (stehend) diskutiert mit Experten Foto: Lichtgut/Leif Piechowski

Fast 500 000 Menschen erkranken in Deutschland jedes Jahr an Krebs. Experten vom Klinikum Stuttgart und vom Robert-Bosch-Krankenhaus haben am Donnerstag unter dem Motto „Leben mit Krebs – aber wie?“ wichtige Fragen rund um die Krankheit beantwortet.

Stuttgart - Der Krebs sei beherrschbarer geworden als früher. Mit dieser Feststellung eröffnete Regine Warth, Wissens-Redakteurin der Stuttgarter Nachrichten, die Podiumsdiskussion unter der Fragestellung „Leben mit Krebs – aber wie?“, zu der am Donnerstagabend mehr als 200 Gäste ins Rathaus gekommen waren.

Vom Klinikum Stuttgart waren Gerald ­Illerhaus und Jan Schleicher gekommen. ­Illerhaus ist Ärztlicher Direktor der Klinik für Hämatologie, Onkologie und Palliativmedizin und Leiter des Tumorzentrums Eva Mayr-Stihl, Schleicher Leitender Oberarzt derselben Klinik. Vom Robert-Bosch-Krankenhaus standen Walter E. Aulitzky und Barbara Brändle Rede und Antwort. Aulitzky ist Chefarzt für Hämatologie, Onkologie und Palliativmedizin und Leiter am Robert-Bosch-Centrum für Tumorerkrankungen, Brändle Ärztin in der Abteilung Naturheilkunde und Integrative Medizin.

Bessere Früherkennung ist möglich

Was macht die Krankheit besser beherrschbar als früher? Das habe mehrere Gründe, sagt Illerhaus: Der technische Fortschritt ermögliche eine bessere Früherkennung; die Medikamente seien verträglicher als früher; in der ­Immuntherapie erziele man Erfolge. Und die interdisziplinäre Zusammenarbeit von ­Onkologen, Strahlentherapeuten und Internisten sei heute Standard. „Sie ist ganz ­wesentlich, um die Prognose zu verbessern“, so der Arzt.

Verändert haben sich auch Einstellung und Erwartungshaltung der Patienten. Sie sind durch die Flut an im Internet abrufbaren Informationen besser informiert als je zuvor. „Ein gut informierter Patient ist auch ein guter Patient“, sagte Gerald Illerhaus. Allerdings kursiere auch viel Unfug, und nicht selten werde versucht, die Unsicherheit der Menschen auszunutzen. Besser sei der persönliche Austausch mit dem behandelnden Arzt. „Der kostet zwar Zeit, ist aber lohnend“, so Illerhaus. Beim Erstgespräch erfasst der Arzt die Bedürfnisse des Patienten – und klärt unter anderem ab, ob Naturheilverfahren infrage kommen. Ein ganzer Strauß an Methoden stehe den Ärzten heutzutage zur Verfügung, erklärte Barbara Brändle, darunter Akupressur und Akupunktur, Wassertherapie. Studien belegten, dass diese Maßnahmen Nebenwirkungen der Chemotherapie wie Übelkeit, Appetitlosigkeit oder Gefühlsstörungen an Händen und Füßen lindern, so Brändle.

Bewegung verringert die Rückfallquote

Belegt sei auch, dass die Rückfallquote bei manchen Krebsarten – Brust- und Dickdarmkrebs zum Beispiel – durch Bewegung verringert werden könne, sagte Jan Schleicher. Grundsätzlich geht man heute davon aus, dass sportliche Aktivität die Heilung befördert, während Ärzte früher stets großen Wert auf Schonung legten. „Wer rastet, der rostet, das gilt auch für die Krebstherapie“, sagte Schleicher. Gegen Erscheinungen wie Muskelschwund helfe eben kein ­Medikament, sondern nur Sport. „Außerdem verbessert sich durch Sport die Lebensqualität.“

An der Art der Therapie werde sich in Zukunft zudem einiges ändern, prognostizierte Walter E. Aulitzky. Tumore beurteile man künftig nicht nur auf Grundlage des Organs der Entstehung, sondern schaue sich an, welche genetische Veränderung ihn ver­ursacht habe. Eine andere Entwicklung ­betreffe die Medikamente: „In Zukunft wird es immer wichtiger, präzise voraussagen zu können, welches Medikament wem hilft“, sagte Aulitzky.

Auf die Schlussfrage, ob die Menschheit den Krebs jemals ganz besiegen werde, hatten die Experten keine eindeutige Antwort. Eine „Pille gegen den Krebs“ jedenfalls sei derzeit nicht in Aussicht, sagte Gerald Illerhaus. Die Krankheit bestehe mindestens so lange fort, solange Menschen frei über ihren Lebensstil entscheiden könnten – und sich zum Beispiel fürs Rauchen entschieden.

Barbara Brändle äußerte abschließend eine Hoffnung: Es wäre schön, wenn es nicht erst einer Krebsdiagnose bedürfe, damit Menschen wertschätzen, was ihnen wirklich wichtig ist.

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