Foto: factum//Simon Granville

Der Ludwigsburger Klinikenchef Jörg Martin will nicht wie der finnische Telefonkonzern Nokia den Trend verschlafen. Doch die kommunalen Krankenhäuser hadern mit den Gesetzen von Minister Jens Spahn (CDU).

Ludwigsburg - Eine Affinität zur kalifornischen IT-Firma Apple scheint es im Klinikverbund zu geben: Künftig sollen Patienten in den neun Kliniken des Regionalen Holding (RKH) keine Fernseher mehr bekommen, sondern iPads, auf denen sie Zeitung lesen, Streamingdienste wie Netflix schauen – oder den Behandlungsplan einsehen können. Apple nennt der RKH-Chef Jörg Martin auch als Beispiel, wenn er die Lage des Klinikverbundes mit 8000 Mitarbeitern beschreibt.

„Wir wollen nicht Nokia werden“, sagt er. Der finnische Handykonzern war im ersten Jahrzehnt des Jahrtausends weltweit Marktführer, bis 2007 das iPhone auftauchte und Nokia den Anschluss verlor. Deswegen gibt Martin vor, dass die Kliniken an der Spitze des Fortschritts marschieren sollen. Kostenloses WLAN in den Krankenhäusern, eine Patienten-App, die auch nach der Herzbehandlung in der Klinik den Puls kontrolliert. Oder auch gentechnische Behandlungsmethoden: „Mit einem Genscan kann man die Behandlung individuell anpassen.“

Die Kliniken machen Defizite

Martin nennt das Beispiel eines Krebspatienten, bei dem das Medikament gegen einen Magentumor nicht angeschlagen hat. Eine Untersuchung seines Gencodes ergab, dass eine andere Behandlung erfolgreicher war. So modern aufgestellt hofft die Geschäftsleitung auch, den gravierende Personalmangel in den Griff zu bekommen. Eine Plakatkampagne in Stuttgart für 50 000 Euro dazu war ein Flop: Es gab nur drei Anrufe.

Es bleiben auch so genug Probleme. Für dieses Jahr werden 2,3 Millionen Euro Verlust erwartet für die Kreiskliniken – der Löwenanteil von 1,8 Millionen am Standort Marbach. Dort werden am 1. Juli zwei Abteilungen geschlossen. Dennoch bleibt nur in Ludwigsburg und ganz knapp in Bietigheim eine schwarze Null fürs nächste Jahr.

In Bietigheim wird am meisten investiert

Gleichzeitig werden bis 2023 rund 240 Millionen Euro investiert, der Löwenanteil macht das Geriatrie-Zentrum in Bietigheim mit 90 Millionen Euro aus. „Man wird das Krankenhaus nicht wiedererkennen“, sagt der Regionaldirektor Matthias Ziegler, der vom 1. Februar den RKH-Verbund nach elf Jahren verlässt und das Esslinger Stadtkrankenhaus leiten wird. Die Herausforderungen sind also groß – und die Politik in Berlin wird in Ludwigsburg als wenig hilfreich empfunden. „Ich wünsche mir, dass Jens Spahn Bundeskanzler wird“, sagt Jörg Martin. Sein Hintergedanke: Der CDU-Mann wäre dann nicht mehr Gesundheitsminister.

Denn Spahns Gesetze etwa zu Personaluntergrenzen oder zur Reform des Kontrolldienstes MDK plagen die kommunalen Kliniken. „Wir mussten wegen der vorgeschriebenen Personaluntergrenzen 40 Betten abbauen“, sagt der Geschäftsführer Jörg Martin. Die Neuberechnung der Pflegekosten könnte den Verbund weitere zwei Millionen Euro kosten. Besonders absurde Folgen haben laut Martin die rigiden Kontrollen des Medizinischen Dienstes der Krankenversicherung: „Wir müssen Strafe zahlen, weil wir die Patienten einen Tag zu lange in den Betten lassen.“ Eigentlich wollte der Gesetzgeber „blutige Entlassungen“ verhindern, tatsächlich bewirke er das Gegenteil. Drastisch ist das bei der Orthopädischen Klinik Markgröningen, sagt der Geschäftsführer Olaf Sporys: „Bei 85 Prozent der Kontrollen durch den MDK geht es nur noch um die Liegezeit. Eine Perversion.“

Disput um den Standort Marbach

An den neuen Landrat Dietmar Allgaier (CDU) hat Jörg Martin klare Erwartungen: „Ich hoffe, dass er die Innovationen weiter mitträgt.“ In Richtung Marbach, wo um die Zukunft der zu schließenden Klinik gerungen wird, sagt Martin: „Wir stehen bereit mit den Investitionen für das Ärztehaus, jetzt muss der Gemeinderat sich einig werden, was er will.“ Auch der Landrat Rainer Haas erklärt, das Konzept liege schon seit „undenklichen Zeiten“ vor. Der Marbacher Bürgermeister Jan Trost widerspricht in der Kreistagssitzung, es seien noch zahlreiche Fragen offen und müssten bald geklärt werden.

Wie soll der Landkreis mit den Kosten umgehen?

Die Kreisräte stehen trotz der Probleme hinter dem RKH-Verbund, bekennen sich unisono zu kommunalen Kliniken und loben die Geschäftsleitung. Einstimmig wird deren neuer Plan gebilligt. Mancher Kreisrat wie Ernst-Peter Morlock (SPD) findet die geplanten Investitionskosten „erschreckend“. Die Grünen schlagen vor, die Kreisumlage um 1,5 Prozent zu erhöhen, um über einen Investitionstopf die Kliniken zu finanzieren. Das lehnen die anderen Fraktionen jedoch ab.

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