Schöne bunte Computerwelt: Kraftwerk in der Stuttgarter Liederhalle Foto: Lichtgut/Horst Rudel

Die Roboter singen noch, die Autobahn führt in die Unendlichkeit. Aber von der Radioaktivität singen Kraftwerk im Jahr 2015 nicht mehr mit kühler Ironie. In der Stuttgarter Liederhalle haben die Pioniere des Elektropop zwei ausverkaufte Konzerte gegeben.

Stuttgart - Auf den schwarzen Vorhängen leuchten die Musiker als abstrahierte Muster, sie verändern sich mechanisch, dazu Klänge aus einer elektronischen Tropfsteinhöhle – das Publikum im Beethovensaal der Liederhalle wartet auf die Ankunft der Roboter, auf die größte deutsche Pop-Sensation; es wartet auf Kraftwerk, die zum Kunstwerk wurden und nun zurückkehren in die Konzertsäle.

Die Vorhänge schwingen zur Seite, und sie sind da: Vier Musiker stehen an vier leuchtenden Pulten, hinter ihnen, vor ihnen, über ihnen Bildwelten, die sich ausdehnen – Kraftwerk bespielen die dritte Dimension.

Die Formation war der frühe Höhepunkt der deutschen Popmusik, sie gründete sich 1970 in Düsseldorf, spielte erst obskur-experimentellen Krautrock und wandelte sich dann zur clever inszenierten Elektropopband. Sie erfanden auf einen Streich den Pop-Sound der 1980er, den Techno, der in den 1990ern erblühen sollte, ahnten den Hip Hop voraus, wurden zu einer der einflussreichsten Bands der Welt.

Die Musik, sagen Schriftzüge, wird immer ein Träger neuer Ideen bleiben.

Heute sind Kraftwerk längst schon viel mehr als das. Sie inszenieren Popmusik als Kunstwerk, nur David Bowie läuft ihnen diesen Rang noch ab. Ihre 3-D-Projektionen präsentierten sie im Museum of Modern Art in New York, im Burgtheater Wien, in der Neuen Nationalgalerie Berlin. Nun sind sie unterwegs mit einer 3-D-Show und allen ihren großen Hits.

Das erste Stück des Abends heißt „Nummern“. Es erschien 1981 auf dem Album „Computerwelt“, und es klingt wie ein rundum gelungenes DJ-Set. Hinter diesem ­Anspruch bleiben Kraftwerk keine Sekunde lang zurück: Ihre Musik hat Techno und Elektro ganz in sich aufgenommen, sie dehnen die Muster vertrauter Songs wie „Autobahn“, „Die Mensch-Maschine“, „Spacelab“ aus, schaffen Raum in ihnen für neue Beats, neue Klangfarben, auditive Abbilder neuer Technologien. Die Musik, sagen die Schriftzüge, die im Raum vor der Bühne schweben, wird immer ein Träger neuer Ideen bleiben.

Zugleich aber spielen Kraftwerk mit ihrer Vergangenheit. Ein ein Szenario ganz aus den 1970ern ist die Animation einer endlosen Autobahnfahrt, die das Titelstück des Albums begleitet, mit dem sie 1974 ihren Durchbruch hatten, mit dem sie ihren neuen Stil entdeckten. Erst gleitet da ein VW Käfer durchs Grün, dann ist es die Limousine eines ansässigen Herstellers, ein altes Modell auch hier, gottlob.

Über den Köpfen schwebt ein Raumschiff, ein Gruß aus der Zukunft

Eine Raumstation öffnet sich in die Schönheit des Weltalls, Ralf Hütters Computerstimme singt „Spacelab“. Eine Sonde treibt durchs Nichts und zerschellt lautlos inmitten der Zuschauer. Zeichenreihen, Zahlen, Muster schweben in die Halle hinein, Mondrianbilder hängen in der Luft, verschieben sich. Das Navigationsgerät findet Stuttgart, ein Raumschiff setzt vor der Liederhalle an zur Landung, durchdringt mühelos ihre Mauern, schwebt über den Köpfen des Publikums: ein Gruß aus der Zukunft.

Der Sound von Kraftwerk ist kristallklar, schnell und hochmodern. Wenn dennoch wenig getanzt wird in der Liederhalle, dann deshalb, weil dies vor allem auch ein Konzert für die Augen ist: Man steht gebannt und schaut ­hinauf, die 3-D-Brillen, die am Eingang verteilt wurden, auf den Nasen.

Kraftwerk bestehen 2015 aus Ralf Hütter, Fritz Hilpert, Hennig Schmitz und Falk Grieffenhagen, vier Männern in dunklen, eng anliegenden Zukunftsanzügen, über die sich Linien ziehen. Hütter, ganz zur Linken, singt „Das Model“ und „Neonlicht“ mit seiner natürlichen Stimme, elegant, melancholisch, distanziert – Schwarzweißfilme flackern, die Models drehen sich, alte Träume. Reklame scheint auf, die für Bars und Waren wirbt, für „Klosterfrau Melissengeist“.

„Radioaktivität“ ist mehr denn je ein perfekt inszeniertes Stück Musik, aber nun macht es Angst

Bei „Radioaktivität“ allerdings ist nichts mehr zu spüren vom Understatement, mit dem Kraftwerk einst die Strahlen aus dem All besangen. Nun springen die Schriftzüge brutal in den Zuschauerraum hinaus: „Tschernobyl“ rufen sie, „Harrisburg“, „Fukushima­“. Und auch der Text des Songs klingt plötzlich anders. Hütter singt von Mutationen, singt vom Strahlentod. Dieses eine Mal lassen Kraftwerk die ironisch kühle Maske fallen: „Radioaktivität“ ist heute mehr denn je ein perfekt inszeniertes Stück Musik, aber nun macht es Angst.

Und schließlich kommen sie: die Roboter, im tiefroten Hemd mit schwarzer Krawatte, auf der die Lichter auf und ab gleiten, die Maschinenmenschen, die sich ruckend in ­Bewegung setzen und von ihren Batterien singen. Kraftwerk haben die Bühne verlassen, ihre künstlichen Doubles tanzen.

Bei der Zugabe dann stehen wieder Menschen an den Pulten, der Techno-Pop von 1986 ist der lange Abschied – „Germany“ leuchtet dort, im Wechsel mit „Detroit“.

Kraftwerk gehen Mann für Mann von der Bühne. Zuletzt bleibt Ralf Hütter, der die Band einst gemeinsam mit Florian Schneider gründete, alleine zurück, verbeugt sich. Der Applaus verebbt, die elektronischen Rhythmen spielen weiter in der Unendlichkeit. In Stuttgart war dies das Konzert des Jahres.

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