Ilse Schmid (links) und Birgit Stanew-Zinnemann unterstützen seit drei Jahren Suchende bei der Selbsthilfe. Foto: Gottfried Stoppel

Die Zahl der Selbsthilfegruppen im Rems-Murr-Kreis steigt. Wenn diese mit Problemen zu kämpfen haben, können sie sich an die Selbsthilfekontaktstelle wenden – das Angebot wird immer stärker wahrgenommen.

Waiblingen - Selbsthilfe hilft. Sie bringt Gemeinschaft, Teilhabe, Erkenntnis-, Kompetenz- und Kontrollgewinn. Das hat nicht nur eine Studie des Universitätsklinikums in Hamburg-Eppendorf, der Medizinischen Hochschule Hannover und der Universität zu Köln ergeben. Das wissen auch rund drei Millionen Menschen in ganz Deutschland aus eigener Erfahrung: Regelmäßig treffen sie sich in rund 100 000 Selbsthilfegruppen in der Republik, davon gibt es 129 Gruppen im Rems-Murr-Kreis – und es werden immer mehr.

„Wir haben im vergangenen Jahr zehn Gruppengründungsprozesse begleitet“, sagt Ilse Schmid von der Selbsthilfekontaktstelle im Waiblinger Gesundheitsamt. Daraus seien inzwischen drei neue Gruppen entstanden: Eine Gruppe für Betroffene, die eigene Erfahrungen mit Bipolarer Störung haben, ein Autismustreff für Erwachsene und eine Selbsthilfegruppe für Angehörige psychisch Kranker in Murrhardt.

Meistens geht es um gesundheitliche Probleme

Diese Beispiele zeigen: Die Themen der Gruppen sind vielfältig, die meisten im Rems-Murr-Kreis (121 von 129) kümmern sich um gesundheitliche Probleme und Diagnosen wie Krebs, Schlaganfall, Schmerz oder Behinderungen der Sinnesorgane. Auch Menschen mit Depressionen und Ängsten oder Suchtproblemen sowie deren Angehörige organisieren sich in der Selbsthilfe. Sehr wenige Gruppen – im Kreis sind es nur acht – kümmern sich um psychosoziale und soziale Themenbereiche wie Hochsensibilität, Trauer oder das Mann-Sein.

Die Zahlen der Selbsthilfekontaktstelle zeigen auch: Es gibt immer mehr Gruppen. Waren es 2016 – also in dem Jahr, in dem die Kontaktstelle ihre Arbeit aufgenommen hat – noch 114 Gruppen, stieg ihre Zahl 2017 auf 125 und 2018 auf 129 Gruppen. In diesem Jahr kommen voraussichtlich noch einige dazu – etwa die Gruppe von Peter Braun (Name geändert) mit dem Thema „Sucht und Psyche“, die Menschen ansprechen soll, die sowohl von Sucht als auch von einer psychischen Erkrankung betroffen sind.

Kontaktstelle wird besser wahrgenommen

Warum die Zahlen steigen? „Unsere Kontaktstelle wird besser wahrgenommen“, meint Ilse Schmid. Immer mehr Selbsthilfegruppen wenden sich mit ihren Sorgen und Nöten an die Kontaktstelle. Immer mehr Interessierte, die (noch) nicht in einer Gruppe organisiert sind, melden sich bei Schmid oder ihrer Kollegin Birgit Stanew-Zinnemann. Waren es 2016 noch 77, stieg die Zahl 2017 auf 118 und im Jahr 2018 auf 191. Der Rems-Murr-Kreis hat auf diese positive Entwicklung reagiert, Schmids Stelle von diesem Jahr an an entfristet und den Umfang von 50 auf 80 Prozent erhöht.

Helfen kann die Selbsthilfekontaktstelle auf verschiedene Weise: Menschen, die auf der Suche nach einer bestehenden Gruppe sind, können Schmid und Stanew-Zinnemann nach eingehender Beratung weitervermitteln. „Manchmal kann es allerdings sein, dass wir dazu raten, lieber erst professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen, bevor es in eine Selbsthilfegruppe geht“, sagt Stanew-Zinnemann.

Hilfe bei Problemen

Auch wenn Selbsthilfegruppen selbst Hilfe brauchen, können die beiden Mitarbeiterinnen die Ehrenamtlichen unterstützen. Sie helfen bei Problemen in der Gruppe, bei der Öffentlichkeitsarbeit und organisieren Experten für Fachvorträge oder Seminare zur Gruppenführung. „Das Ziel ist nicht, sich im Kaffeekranz zu treffen“, betont Schmid. Bei Selbsthilfegruppen gehe es viel mehr um einen kompetenten und informierten Patienten, der mit mehr Wissen und mehr gemeinschaftlicher Unterstützung besser entscheiden könne, welchen Weg er mit seinem Problem einschlagen wolle. „Die Bewältigung passiert dann individuell“, erläutert Schmid.

Um das für die Betroffenen sehr sensible Thema Selbsthilfe mehr in die Öffentlichkeit zu rücken, hat die Kontaktstelle in Kooperation mit der Kunstschule Unteres Remstal in Waiblingen ein Kunstprojekt ins Leben gerufen, an dem sich rund 20 Selbsthilfegruppen beteiligt haben. Mit Unterstützung durch Jonathan Göhler, einen jungen Künstler und angehenden Kunstpädagogen, haben die Gruppen passend zu ihren Themen jeweils einen Stuhl entworfen und gestaltet. „Die Teilnehmer haben die Kunst zur Krankheitsbewältigung genutzt und sich thematisch mit ihren Problemen und Krankheiten auseinandergesetzt“, sagt Schmid.

Zu sehen sind die Stühle während der Gartenschau. „Auf diese Weise können die Gruppen bemerkt werden, ohne selbst sichtbar zu sein“, sagt Ilse Schmid.

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