Auch Demokratie könnte ansteckend sein: Auszählung der Briefwahlen in München Foto: dpa/Sven Hoppe

Mit spürbar erhöhtem Interesse stimmen die Bayern über neue Bürgermeister und Gemeinderäte ab. Noch während der Kommunalwahlen gerät aus dem Krisenstab an die Öffentlichkeit, dass die Staatsregierung deutlich härtere Maßnahmen gegen das Coronavirus plant.

München - Dass es ein Fehler gewesen sein könnte, die flächendeckenden Kommunalwahlen an diesem Corona-Sonntag tatsächlich durchzuziehen, sagt natürlich kein bayerischer Politiker. Nur indirekt. Damit sich zu den allfälligen Stichwahlen in zwei Wochen nicht nochmal einige Millionen bayerischer Bürger persönlich aufmachen müssen, will die Landesregierung die Briefwahlunterlagen „von Amts wegen“ automatisch an alle verschicken. So hat es Ministerpräsident Markus Söder (CSU) angekündigt.

Und das Landesgesundheitsamt meldete – bei laufender Wahl – einen enormen Anstieg der Corona-Infizierten. Am Sonntag Mittag hatten sich demnach 886 Bürger angesteckt, 30,1 Prozent mehr als am Samstag, als 681 Fälle registriert waren.

Chance auf politischen Wechsel in wichtigen Rathäusern

Schon für diesen Sonntag haben sich viel mehr Bayern als sonst die Wahlzettel nach Hause kommen lassen. Auch deshalb zeichnete sich eine deutlich höhere Wahlbeteiligung ab als vor sechs Jahren. Als spannend und attraktiv dürften viele Wähler die unklare, per Kreuzchen durchaus gestaltungsfähige Lage in den Großstädten empfunden haben: In München hatten vor allem die Anhänger der boomenden Grünen die Chance, die (beinahe) Allzeitregierung der SPD anzunagen und deren nach sechs Jahren erneut kandidierenden Oberbürgermeister Dieter Reiter zumindest in die Stichwahl zu zwingen.

Als gänzlich offen galt der Wahlausgang in den anderen führenden Städten Bayerns: Welche Partei oder welche Person nach 18 Jahren den beliebten Nürnberger SPD-Stadtchef Ulrich Maly beerben könnte, ließ sich genauso wenig vorhersagen wie das Ergebnis in Augsburg (bisher CSU-regiert) und in Regensburg, wo der suspendierte Oberbürgermeister Joachim Wolbergs (früher SPD) wegen Korruption vor Gericht steht.

In den Wahllokalen waren am Sonntag zusätzliche Hygienemaßnahmen getroffen worden. Bürger durften ihren eigenen Schreibstift mitbringen; Gelegenheiten, die Hände zu desinfizieren, wurden ausgeweitet. Was sich in zahlreichen Kommunen nicht verhindern ließ: Wegen vorangegangener Urlaubsreisen in Risikogebiete und wegen Quarantäne waren so viele Wahlhelfer ausgefallen, dass etwa die Landeshauptstadt München als Ersatz tausend Lehrer zur Auszählung der Stimmen zwangsrekrutierte. Die sehr kurzfristig ergangene Anordnung, die auf dem Bayerischen Beamtenrecht beruht, sei „zwingend erforderlich“, hieß es.

Müssen auch die Wirtshäuser schließen?

Noch am Wahl-Nachmittag wurde dann aus der laufenden Sitzung des Landes-Krisenstabs ruchbar, was die Regierung eigentlich erst diesen Montag verkünden will: Das öffentliche Leben in Bayern wird noch viel stärker eingeschränkt, als es das mit der am Freitag verkündeten Schließung von Schulen und Kitas, mit dem Besuchsverbot in Altenheimen sowie mit dem Verbot praktisch aller Veranstaltungen ab 100 Teilnehmer bereits ist. Offen bleiben von dieser Wochen an praktisch nur die Einrichtungen der Grundversorgung: Supermärkte, Banken, Apotheken, Tankstellen. Schwimmbäder und Kinos machen zu. Zum höchst sensiblen Thema „Wirtshäuser“ war am Sonntag lediglich zu erfahren, dass mit einer „starken Reduzierung“ des Angebots zu rechnen sei. Bars und Clubs aber sollen wohl ganz geschlossen werden.

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