Boxerin Alesia Graf und Ringer-Weltmeister Frank Stäbler bei der jüngsten Palazzo-Premiere auf dem Cannstatter Wasen. Foto: Andreas Rosar

In den höchsten Tönen loben die Palazzo-Macher aus dem Norden Stuttgart: Hier seien die Menschen unaufgeregt, selbstbewusst, nicht übertrieben selbstverliebt. Doch bringen die sozialen Medien auch bei uns immer mehr Wichtigtuer hervor?

Stuttgart - Rote Bete ist bedeutsamer als der rote Teppich – zumindest in Stuttgart und vor allem immer dann, wenn Meisterkoch Harald Wohlfahrt die Finger im Spiel hat.

Rote Bete mit mildem Ziegenfrischkäse, glasiertem Gemüse und Meerrettichschaum ist in der 16. Stuttgarter Palazzo-Saison der vegetarische, äußerst schmackhafte Hauptgang. Bei der Premiere auf dem Cannstatter Wasen ging es mal wieder relativ entspannt zu. Kein Gedränge, kein Blitzlichtgewitter, kein Fotografengeschrei gab’s im Spiegelpalast vor der Fotowand auf dem roten Teppich im ohnehin roten Zelt. In Wichtigtuer-Städten ist das natürlich anders.

Gibt es in Stuttgart eine Schickeria?

Ob Bernd Zerbin aus Hamburg, der Sprecher des Palazzo-Imperiums, oder „Kings & Queens“-Regisseur Maximilian Rambaek aus Berlin – beide mussten loswerden, wie sehr sie es genießen, wenn sie nach Stuttgart reisen. Hier sei die Welt unaufgeregt, hier wolle nicht jeder beweisen, dass er besser als der andere ist, und hier wolle sich nicht jeder stets im allerschönsten Lichte darstellen. Unabhängig voneinander wählten die beiden Macher aus dem hohen Norden Worte, als handele es sich bei unserer Stadt um das reine Paradies. Denn das hiesige Premierenpublikum schaue nicht auf sich selbst, sondern tue genau das, was Künstler liebten. Die Leute gehen mit, feiern, flippen aus, ohne dabei nur sich selbst zu sehen.

Der Blick von außen ist immer spannend. Es gab Zeiten, da traf uns der Spott volle Breitseite. Nun aber scheint sich selbst weit weg von Stuttgart die Erkenntnis durchzusetzen, dass Understatement die wahre Stärke ist. In Stuttgart leben laut Statistik knapp 4000 Millionäre. Im Land sind’s nur in Baden-Baden noch mehr. An Macht, Geld und wirtschaftlichem Einfluss fehlt es in dieser Stadt nicht, aber die Überspanntheiten, Aufgeregtheiten und Protzereien, wie sie etwa aus der Schickeria-Hauptzentrale München gemeldet werden, sind unserer Kesselgemeinde bisher zum Glück weitgehend fremd geblieben.

Gepostet wird fürs Ego

Eine Schickeria gibt’s in Stuttgart nicht. Und doch trifft man auch bei uns immer mehr Zeitgenossen, die zwar auf dem Boden bleiben wollen, doch der muss dann unbedingt rot sein, und es muss sich dabei um einen Teppich handeln.

Die sozialen Medien haben diesen Trend beflügelt. Selbst bei den als zurückhaltend geltenden Schwaben machen immer mehr auf große Welt. Man postet fürs Ego – aber auch als Werbung für die Häuser, die man besucht. Ohne Sponsorenwand und Selfiekulisse scheint’s nicht mehr zu gehen. Doch braucht jeder Kneipenumbau einen roten Teppich? Muss jede Clubparty zur VIP-Night werden? Früher konnte man sich mehr dem eigentlich Feiern widmen, heute muss man ständig in klickende Smartphones blicken.

Wie viel Selbstdarstellung ist gesund?

Auf keinem Red Carpet der Welt sind Menschen so, wie sie sind. Sie spielen eine Rolle, machen den äußeren Schein wichtiger, als er ist. Echte Probleme werden ausgeblendet, weil das Outfit und die botoxgeglättete Stirn alles überstrahlen. Wie viel Selbstdarstellung ist gesund? Wann wird’s peinlich und verlogen?

Beim Palazzo auf dem Wasen scheint die Zeit stehen zu bleiben. Hier erlebt man die schönsten Premieren, nicht überdreht, authentisch, frei von Hektik im Selfiewahn. Die Macher des Spiegelzeltes aus Hamburg und Berlin haben allen Grund, sich auf unsere Stadt zu freuen. Hoffentlich bleiben wir Stuttgarter uns treu, drehen beim Angeben nicht weiter auf. Es ist eine Kunst, so zu sein, wie man ist.

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