Mütter-me-time: Zeitunglesen während die Kinder was gucken dürfen. Foto:  

Eltern dürfen es sich auch mal einfach machen, sagt unsere Kolumnistin. Zum Beispiel, in dem sie die Kindern fernsehen lassen – auch an den Weihnachtsfeiertagen.

Stuttgart - Eigentlich wollte ich so eine schöne, besinnliche Einstimmung-auf-Weihnachten-Kolumne schreiben: Von leuchtenden Kinderaugen, wohlig-wärmenden Glühwein-Raclette-Gelagen und der Botschaft von Erlösung und Frieden auf Erden. So was in der Art. Aber leider sitze ich – während ich diese Zeilen schreibe – vom Prä-Weihnachtswahnsinn (auch Advent genannt) sowie den Unbill der Arbeits- und sonstigen Welt am letzten Tag vor dem Urlaub derart ausgelaugt vor dem Computer, dass mir einfach nichts Wohlfühliges aus den Fingern fließen will.

Und was macht man, wenn man weder geistig noch körperlich zu irgendetwas in der Lage ist. Man guckt halt fern. Weshalb ich jetzt über genau das schreiben will: über Fernsehgucken. Oder vielmehr – immerhin ist das ja eine Mütter-Kolumne – übers Fernsehen und Kinder.

Welche Empfehlungen Fachleute zu diesem Thema geben, können Sie anderswo nachlesen. Zum Beispiel hier beim Bundesfamilienministerium oder hier bei der Initiative Flimmo. Deshalb dazu nur so viel: Der Fernsehkonsum unserer Kinder entspricht NICHT den Empfehlungen der Profis, die bei Kleinkindern ab drei Jahren (davor bitte gar kein Fernsehen!) zwischen einer halben Stunde pro Woche und einer halben Stunde pro Tag schwanken.

Der Nachwuchs ist hypnotisiert, die Eltern haben Zeit für sich

Das fängt schon damit an, dass unsere Tochter (2,5 Jahre) bereits seit geraumer Zeit mit ihrem Bruder (6) mitguckt. Die Alternative wäre gewesen, dass der Mann oder ich mit ihr währenddessen in ein anderes Zimmer gehen, was wiederum den eigentlichen Vorteil des Kinder-vor-den-Fernseher-Setzens konterkariert, der nämlich ist: Der Nachwuchs ist hypnotisiert, Mutter und Vater haben Zeit, anderes zu tun. Oder sogar – total verrückt – Zeit für sich.

Wenn ich anderen Müttern davon erzähle, dass unsere Kinder täglich vor der Glotze sitzen, ernte ich immer wieder erstaunte bis tadelnde Blicke. Ich kenne einige, die ihre Kinder ganz vom Fernseher fern halten, oder höchstens die pädagogisch wertvolle Sendung mit der Maus erlauben. (Witzigerweise sind das nicht selten Eltern, die gefühlt alle drei Sekunden an ihrem Smartphone hängen, um die Likes des letzten Instagram-Posts zu checken – aber das nur am Rande.)

Es gab eine Zeit, in der auch ich in der Medienerziehung meiner Kinder strenger war. Der Erstgeborene dachte bis zum dritten Geburtstag tatsächlich, diese flache Scheibe im Wohnzimmer sei so etwas Ähnliches wie Alkohol, Chips oder Autofahren: also nur für Erwachsene erlaubt.

Sandmännchen? Viel zu öde!

Dann ging es ganz harmlos mit dem „Sandmännchen“ los. Dem folgte ziemlich schnell der überaus schreckliche, weil aalglatte „Feuerwehrmann Sam“, der von der unvermeidlichen „Paw Patrol“ abgelöst wurde. Das war dann ungefähr der Zeitpunkt, zu dem die kleine Schwester einstieg. Sandmännchen? Viel zu öde für dieses wilde Mädchen.

Mittlerweile gucken die zwei ungefähr 45 Minuten jeden Abend. Wir haben uns auf eine Mischung aus Sendungen, die ihnen gefallen („Superwings“, „Paw Patrol“), und solchen, die dem Mann und mir gefallen („Shaun das Schaf“, „Peppa Wutz“), geeinigt. Und – was soll ich sagen – ich finde es super! Ich habe in diesen 45 Minuten Zeit, Abendessen zu machen, Zeitung zu lesen, aufs Klos zu gehen oder in die Luft zu starren.

Manchmal setze ich mich auch mit aufs Sofa (Stichwort: physische und psychische Totalerschöpfung) und gucke Marshall und Chase von der Pfoten-Patrouille dabei zu, wie sie die Welt retten, was etwas spontan Entlastendes hat. Außerdem freue ich mich darüber, dass in dieser ansonsten recht stereotypen Sendung (das einzige Hundemädchen fliegt im rosaroten Helikopter) immerhin eine Frau mit Migrationshintergrund Bürgermeisterin ist. Oder ich identifiziere mich bei Peppa Wutz mit Mama Wutz, die in der Zeichentrick-Schweinefamilie das eigentliche Kompetenzzentrum ist.

„Knight Rider“, eine Art „Paw Patrol“ für Erwachsene

Wenn mich dann doch mal das schlechte Gewissen plagt, weil ich meine Kinder vor der Kiste parke, um mit einer Freundin in Ruhe quatschen zu können, dann tröste ich mich damit, dass ich selbst sehr viele Stunden meiner 80er-Jahre-Kindheit damit verbracht habe, bei den Großeltern „MacGyver“, „Agentin mit Herz“, „Hart aber herzlich“ und „Knight Rider“ (also die Erwachsenenversionen von „Paw Patrol“) zu gucken. Und dass ich mein Leben jetzt trotzdem einigermaßen auf die Reihe bekomme, zumindest meistens.

Nicht falsch verstehen: Ich will kein Plädoyer für den Fernseher (wahlweise auch das Tablet) als Babysitter zu halten. Aber ich glaube eben, dass es schon okay ist, wenn man ansonsten viele schöne, anregende und liebevolle Dinge mit seinen Kindern macht. Anders gesagt: Als Eltern darf man es sich hin und wieder ein bisschen einfach machen. Auch – oder gerade – an den Weihnachtsfeiertagen, an denen ja immer besonders viele, familientaugliche Filme und Sendungen laufen (ich sag nur Aschenputtel!)

In diesem Sinne wünsche ich Ihnen ein frohes Fest, leuchtende Kinderaugen, wohlig-wärmende Glühwein-Raclette-Gelage und wenigstens ein bisschen Frieden auf Erden. Schaffen Sie es gut!

Lesen Sie hier mehr aus der Kolumne „Mensch, Mutter“.

Die Autorin Lisa Welzhofer ist Mutter zweier Kinder und lebt in Stuttgart. In ihrer Kolumne macht sie sich regelmäßig Gedanken übers Elternsein, über Kinder, Kessel und mehr. Sie schreibt im Wechsel mit ihrem Kollegen Michael Setzer, der als „Kindskopf“ von seinem Leben zwischen Metal-Musik und Vatersein erzählt.

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