Eine virtuelle Brille entführt ihren Nutzer in die tollsten Welten. Im Kreis Ludwigsburg gibt es viiiiele Einsatzmöglichkeiten für das Wunderding. Foto: re:publica/Gregor Fischer

Das Schloss und die Filmakademie zeigen, wie schön die Zukunft sein kann – wenn man zusammenhält.

Ludwigsburg - Weihnachten ist, wenn angeblich alles ganz friedlich und besinnlich wird. Weihnachten ist diese Zeit, in der sich Worte wie Budenzauber, Lichterglanz und Christkind ins Vokabular mischen und in der überall Honigkuchenpferd, Printen und Spekulatius auftauchen. Weihnachten, das ist, wenn am Christbaum Kugeln hängen, Lichter glitzern und darunter Geschenke liegen. Weihnachten hat nichts zu tun mit bemalten Eiern und versteckten Päckchen. Das gehört zu Ostern. Wie der Hase. Oder das Lamm.

Ja ja ja, mögen sich die erfahrenen unter den Lesern denken, ein alter Hut ist das. Aber allzu gut bestellt scheint es um das Traditionsbewusstsein dann doch nicht zu sein. Sogar der Landrat Rainer Haas hat die beiden Feste miteinander verwechselt – hat er in der vergangenen Woche dem Ludwigsburger Oberbürgermeister Werner Spec doch tatsächlich ein Ei ins Nest gelegt.

Zu aller Überraschung hat Rainer Haas vorgeschlagen: Die Stadtbahn, die einstmals durch Ludwigsburg rollen soll, soll auf der Strecke zwischen Jobcenter und Bahnhof in einem Tunnel verschwinden. Kein Gedränge am Bahnhof, keine Beeinträchtigung des barocken Stadtbilds – prima!

Der Oberbürgermeister freut sich nicht wie ein Schneekönig

Leider hat sich Werner Spec nicht wie ein Schneekönig über das Ei gefreut. Er hat sich auch nicht wie ein Honigkuchenpferd gefreut. Er hat sich gar nicht gefreut. Und er hätte es auch dann nicht getan, wenn das Geschenk hübsch verpackt unter seinen leuchtenden Christbaum gelegt worden wäre. Das liegt nicht nur daran, dass Werner Spec einen Tunnel für untauglich hält. Das liegt vor allem daran, dass Werner Spec überhaupt gar keine Stadtbahn will. Der Oberbürgermeister will Schnellbusse!

Und so herzlich dem gemeinen Bürger diese Schenkerei egal sein sollte – letztlich wird es eben doch der gemeine Bürger sein, der die Bescherung hat. Oder, wie Hasen gerne sagen, den Salat.

Weniger, weil all die Planungen und Doppelplanungen doppelt Geld kosten. Mehr, weil die Wendungen und Doppelwendungen – vor der Überlegung mit dem Tunnel gab es ja schon viiiiele andere Überlegungen – Zeit kosten. So viel Zeit, dass es noch Lichtjahre dauern könnte, bis in Ludwigsburg, um Ludwigsburg und um Ludwigsburg herum etwas fährt, das die Umwelt schont. Vielleicht sollten sich die hohen Herren mehr Gedanken machen über Trassen für fliegende Untertassen oder bemannte City-Drohnen. In den sogenannten Smartcitys kommt die so genannte Zukunft schneller als man gucken kann.

Ein virtuelles Versuchslabor

Im Residenzschloss hat diese Zukunft schon begonnen. Dort testet das Animationsinstitut der Filmakademie, was mit Virtual Reality (sprich: wörtschl Riäliti), also mit virtueller Realität (also: scheinbarer Wirklichkeit) möglich ist. Das funktioniert so: Versuchskaninchen, respektive Testpersonen, stülpen sich eine Virtual-Reality-Brille über die Rübe respektive den Kopf und besichtigen damit das computergenerierte Residenzschloss. Schwelgen im Marmorsaal, Staunen im Schlosstheater, Sinnieren in der Ordenskapelle – dank Virtual Reality (kurz: VR) muss man sich dafür nicht mal bewegen. Was für Menschen, die sich nicht bewegen können, besonders praktisch ist. Was wiederum der Grund dafür ist, dass die Schlossverwaltung und die Filmakademie das virtuelle Versuchslabor eingerichtet haben. Besucher, für die die nicht barrierefreien Räume unzugänglich sind, sollen einen „gleichwertigen Erlebnisfaktor“ haben. Komplexe Aufgaben, erklärt die Schlossverwaltung, ließen sich am besten mit den verstärkten Kräften der Vernetzung lösen.

Jeder kann sehen, was er will

Wer mit offenen Augen durch die Welt geht, weiß, dass es viele komplexe Aufgaben gibt, bei denen vernetzte Kräfte Großes bewirken könnten. Den Remseckern gefallen die Häuschen nicht, die zur Landesgartenschau an die Rems gebaut werden sollen? Die Bietigheimer Handballer wollen endlich in einer neuen Halle spielen? Die Kornwestheimer sehnen sich nach mehr Besuchern in ihrer Ravensburger Kinderwelt? – Kein Problem mit der virtuellen Realität. Brille auf, und alles wird schön, groß und reichlich – kurz: virtuos.

Womöglich bietet diese famose VR auch die Lösung für diese vertrackte Bus-Bahn-Geschichte in Ludwigsburg? Der Landrat kriegt eine Brille, die eine Bahn und einen Tunnel vorgaukelt, der Oberbürgermeister eine, die moderne Hochgeschwindigkeits-Busse abspielt. Jeder sieht, was er will. Hm, also eigentlich so wie jetzt auch. Womöglich wird die Zukunft gar nicht besser?

Naja, erst mal VR-öhliche Weihnachten!

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