Ein neues Muster soll kaschieren, dass falsche Platten geliefert wurden. Foto: factum/Granville

Nur weil etwas anders kommt als geplant, muss das nicht nachteilig sein. Da muss man nur mal nach Gerlingen schauen: Die Stadträte wissen bestens, was es heißt, aus der Not eine Tugend zu machen.

Gerlingen - Seit Reinhard Mey ist bekannt, dass die Welt von oben ganz schön anders aussieht als auf dem Boden der Tatsachen. Alles, was aus dem Blick eines vom Alltag gebeugten Menschleins groß und wichtig erscheint, wird über den Wolken nichtig und klein. Man kann natürlich nicht immer gleich in die Luft gehen, um klarer zu sehen. Aber – und das will uns Reinhard Mey ja sagen – der Wechsel der Perspektive kann Wunder wirken.

Gefallen am kleineren Übel

Im bezaubernden Gerlingen wird diese Haltung vorbildlich gelebt. Dort, lernt der aufmerksame Bürger, ist nichts so heiß, als dass es nach geraumer Zeit nicht doch noch schmecken kann. Und kein Fleckchen Erde ist so verbrannt, als dass nicht doch noch etwas Ansehnliches daraus erwachsen kann. Der Kelterplatz zum Beispiel. Wie lange befassen sich die Stadträte dort nun schon mit der Neugestaltung dieses Platzes? – Jawoll: lange. Und wie oft musste der Plan schon geändert werden? – Korrekt: ein paar Mal. Aber resignieren die Gerlinger deshalb? – Iwo! Sie machen einfach einen neuen Plan. Werden die Steine auf dem Kelterplatz halt im Fischgrätenmuster verlegt, statt im sogenannten wilden Verbund. Der wäre, da sind sich die Stadträte einig, zwar viel schöner gewesen, ist aber mit den falsch gelieferten Steinen leider nicht umsetzbar. Also haben die Gerlinger fix die Perspektive gewechselt und sich für das „kleinere Übel“ entschieden. Sehr wahrscheinlich wird den Gerlingern ihr neuer Kelterplatz am Ende trotzdem gefallen – wenn er denn erst mal fertig ist.

Hach, es kann so leicht sein!

Kein Murren, kein Klagen

Wobei, das muss fairerweise eingeräumt werden, die Gerlinger sind gut trainiert. Im Frühjahr erst waren sie beim Erweiterungsbau für ihr Stadtmuseum gefordert. Eine Fassade aus Glas sollte der Anbau bekommen, und die Stadträte samt Bürgermeister freuten sich bei der Betrachtung der Pläne auf das „markante, stilvolle und hochwertige“ Gebäude. Bis die Denkmalschutzbehörde zu bedenken gab, dass eine Glasfassade im Umfeld diverser historischer Gebäude etwas zu markant daherkommt. Hörte man im Rathaus darob ein Murren, Zetern oder Klagen? – Mitnichten! Der Architekt stellte flugs seine Pläne auf den Kopf, dachte sich eine neue Fassade aus Stahlplatten und Putz aus – und wieder: Die Räte samt Bürgermeister waren begeistert. Und noch viel mehr, als es die Denkmalschützer auch sind.

Auch aus Steinen, die einem in den Weg gelegt werden, kann man Schönes bauen, sprach, lange vor Reinhard Mey, der gute Goethe. Und wenn sich die guten Gerlinger ein kleines bisschen anstrengen, sind ihre Bauwerke vielleicht sogar von über den Wolken aus zu sehen.

Hat Ihnen der Artikel gefallen? Jetzt teilen: