„Aufgetankt und gut gelaunt“: Roland Bernhard mit einem Pedelec Foto: Landratsamt Böblingen

Aufgelesen im Kreis: Süßes und Saures. Diese Woche begutachtet der Staatssekretär einen Schmetterling und die Verwaltungen schwingen sich aufs Rad.

Böblingen - Wie ernst die Lage ist, hat sich spätestens diese Woche gezeigt: Der Staatssekretär ist extra angereist, um sich einen Schmetterling anzuschauen. Andre Baumann vom Stuttgarter Umweltministerium hat den Weg nach Schönaich auf sich genommen, weil dort der Dunkle Wiesenkopf-Ameisenbläuling über eine Wiese flattert. Der Ex-Vorsitzende des Naturschutzbundes wollte sich noch ein Mal das vom Aussterben bedrohte Tierchen anschauen. Bei dem Termin ging es zur Abwechslung nicht um den Klimawandel, sondern die Erhaltung der Artenvielfalt. Der Landwirt, dem die Wiese gehört, darf dafür nicht so oft mähen, was einen Verdienstausfall bedeutet. Der Staatssekretär hat deshalb versprochen, sich in Brüssel für mehr Geld einzusetzen.

Fahrradfreundliches Mobilitätsmanagement

Den Dunklen Wiesenkopf-Ameisenbläuling werden also vermutlich nicht mehr viele Menschen zu Gesicht bekommen. Immerhin kam auch Martin Wuttke vom Böblinger Landratsamt in den seltenen Genuss. Vorbildlich wäre gewesen, wenn er die rund sechs Kilometer mit einem Pedelec zurückgelegt hätte. Die Kreisbehörde wurde nämlich mit einer Testflotte ausgestattet „als ein Zeichen für ein fahrradfreundliches Mobilitäts- und innovatives Gesundheitsmanagement, das Klimaschutz und Freude am Radfahren verbindet“, teilt sie mit.

Den rund 2000 Mitarbeitern stehen fünf Elektroräder zur Verfügung, was den Schmetterling eher nicht retten wird, aber möglicherweise das Betriebsklima, wenn die entscheidenden Kollegen das Angebot annehmen. „Man hat Bewegung an der frischen Luft und kommt schon aufgetankt und gut gelaunt am Arbeitsplatz an“, schwärmt der Landrat Roland Bernhard über die Wirkung der Fahrzeuge.

Radelnde Verwaltungen

Diese Methode greift in den Verwaltungen derzeit um sich: Auch zehn Mitarbeiter des Böblinger Rathauses durften Anfang September Testradeln und mit dem Pedelec zur Arbeit pendeln. Die Verwaltung hätte eine Vorbildfunktion betonte der Oberbürgermeister Stefan Belz außerdem. Deswegen will er die Mitarbeiter ermuntern, für den täglichen Pendelweg aufs Rad zu steigen – für den Klimaschutz, weniger Lärm und bessere Luft. Er selbst macht es seit seiner Amtseinsetzung vor. Mittlerweile hat der Grüne begonnen, den Druck zu erhöhen. Seine Bürgersprechstunde hat er kurzerhand auf den Sattel verlagert, acht Böblinger sind ihm dabei zwei Stunden lang gefolgt. Und für die Stadtbesichtigungstour musste der Gemeinderat dieses Jahr ebenfalls in die Pedale treten, statt es sich im Bus bequem zu machen.

Abbiegespur als Radschnellweg

Bis zum Daimler-Knoten hinaus radelten die Lokalpolitiker. Dort zeigte sich, dass es der Landrat mit dem fahrradfreundlichen Mobilitätsmanagement etwas zu weit getrieben hat: Die Abbiegespur von der Böblinger Straße in die Dornierstraße ist zu schmal geraten und entspricht eher den Vorgaben für einen Radschnellweg, Dabei handelt es sich aber nicht um ein Projekt des Klima- oder Artenschutzes: Weil der Radius für Lastwagenfahrer zu eng ist, muss die Spur komplett abgerissen und neu gebaut werden. Bleibt dem Landrat nur zu wünschen, dass er an dem Tag, als er davon erfuhr, mit dem Pedelec gefahren und „aufgetankt und gut gelaunt“ an seinem Arbeitsplatz angekommen ist.

Hat Ihnen der Artikel gefallen? Jetzt teilen: