Rainer Haas und Werner Spec heute – wie begegnen sie sich in 20 Jahren? Foto: factum/Granville

Im Jahr 2038 spielen zwei prominente Polit-Rentner in der Senorenresidenz Anna Maria in Ludwigsburg eine Partie Maumau. So könnte sich ein Dialog abgespielt haben – eine Prognose.

Ludwigsburg - Die Seniorenresidenz Anna Maria am Hohenzollernplatz war früher unter dem Namen Alloheim ein Skandalhaus. Doch jetzt, im Jahr 2038, ist daraus ein Nobelressort für die betagte Ludwigsburger High Society aus Neckarhöhenlagen geworden. In der Station mit dem wohlklingenden Namen „Schloss Monrepos“ haben sich an diesem sonnigen Nachmittag zwei prominente Bewohner zum Maumau-Spielen verabredet.

Rainer Haas (82) lässt sich nicht in die Karten schauen, nippt an einem Glas guteN italienischen Barolos. „Und Werner, gut geschlafen?“, fragt er und verengt die Augen zu kleinen Schlitzen. „Nein, es zieht überall. Du hättest das Haus damals anno 2018 doch schließen sollen“, brummt der Alt-OB Spec (80). Er eröffnet das Kartenspiel. „Rainer, ich habe eine Sieben, du musst zwei aufnehmen!“, sagt er und wirft einen Blick auf sein Smart-City-Phone.

Schachzüge und Wasserstoffzüge

„Klingt nach Doppelstrategie, oder?“, schmunzelt der ehemalige Landrat. Werner Spec, der trotz seiner 80 Jahre noch immer mindestens zwei Dinge gleichzeitig tut, schreibt eine Beschwerdemail an die Hausleitung und zeigt parallel eine Karte mit der Acht: „Du musst aussetzen, Rainer. Wie damals, als ich dich mit der Stadtbahn habe ewig warten lassen.“ Die beiden schauen sich mit zusammengekniffenen Augen an, und prusten dann laut los.

„Hast du ernsthaft geglaubt, mit einem Wasserstoffzug bis nach Markgröningen fahren zu können?“, sagt Rainer Haas mit Tränen in den Augen. Werner Spec zieht die ergrauten Augenbrauen hoch und erwidert: „War doch ein guter Schachzug. Man konnte es in deinem Landratsamt rauchen sehen, so sauer warst du darüber.“ Spec legt eine Neun – Richtungswechsel.

Kleine Gemeinheiten erhalten die Freundschaft

„Aber das mit der Infobroschüre zur Stadtbahn, die du im Sommer 2018 in meinem Namen an alle Haushalte verschickt hast, das war gemein“, grummelt der Landrat und lässt sich ein Cantuccini reichen. Er zieht die Acht, die Stopperkarte und zeigt sie triumphierend vor. „Kleine Gemeinheiten erhalten die Feindschaft“, schmunzelt Werner Spec, „schließlich hast du mich austricksen wollen. Erst einen Kompromiss mit Niederflurbahn schließen und dann mittendrin auf die Hochflurbahn umschwenken.“ Spec erhebt mahnend den Zeigefinger mit einem dicken Louis-XVI-Ring: „ Sogar die Boschler in Schwieberdingen hast du Stimmung für deine Bahn machen lassen. Nette Idee.“ Der langjährige Oberbürgermeister zieht einen Buben. „Ich wünsche mir Blau. Blau wie die Wasserstoffbahn“, feixt er. Der langjährige Landrat, der mit Sondergenehmigung des Ministers bis zum Alter von 72 Jahren amtiert hat und dann vom Kreistag zum Ehrenlandrat auf Lebenszeit berufen wurde, hätte sich lieber das Straßenbahnen-Gelb der SSB gewünscht.

Rainer Haas zitiert italienische Intellektuelle

„Aber das Leben ist ja kein Wunschkonzert“, sinniert er und zitiert den italienischen Intellektuellen Antonio Gramsci: „Kultur ist die Disziplinierung des eigenen Ichs. “ Werner Spec verzichtet auf ein Bonmot und sagt stattdessen „Mau!“ Ist die Partie gleich schon zu Ende?

Haas streicht sich durch das silberne Haar. „Aber dann haben wir alle ausgetrickst, weisch noch, Werner?“ grinst der alte Fuchs. Und dem Gegenüber zaubert er ein seliges Lächeln ins Gesicht, als am Fenster eine Transrapid-Schwebebahn mit leisem Surren vorbeizieht. „Unser Baby, Hightech und saumäßig billig, weil es uns die Chinesen fast geschenkt haben“, meint er und gibt Haas einen Knuff. „Maumau!“, ruft der. Doch diesmal hat er nicht das letzte Wort. Das hat die Altenpflegerin: „Die Herren, Abendgymnastik! ist mir egal, ob auf hohem oder niederem Flur, zackzack!“

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