Schwer gezeichnet: Boxer Wladimir Klitschko (li.) nach der Niederlage gegen Tyson Fury Foto: Getty

Wunde unter dem linken Auge, rechte Augenbraue geklammert, dicke Beulen überall. Die Niederlage gegen Tyson Fury hat beim entthronten Box-Weltmeister Wladimir Klitschko tiefe Spuren hinterlassen. Nicht nur körperlich. Und die Frage lautet: Was wird die Zukunft bringen?

Düsseldorf - Vitali Klitschko (44) weiß, wo die echten Kämpfe des Lebens stattfinden. Nicht im Boxring. Auf der Straße, wenn Menschen alles geben, um ihre Zukunft zu verändern. Vitali Klitschko, der frühere Box-Weltmeister, ist heute Bürgermeister in Kiew. Er kämpft für eine bessere Zukunft seiner Stadt, seiner Ukraine, und er hat für sich bestimmt: Aufgeben ist dabei keine Option. Ob dieser Satz auch für das sportliche Leben seines Bruders gilt, daran hatte Vitali Klitschko an diesem denkwürdigen Abend in Düsseldorf offenbar große Zweifel.

Also sprach der Politiker Klitschko so klare Worte, wie es sonst keiner tat. „Wladimir hat als Boxer riesiges Potenzial“, sagte der große Bruder, „doch gezeigt hat er davon nichts. Er hatte keine Technik, keine Kondition, keine Strategie. Aber er wird die Chance zum Rückkampf nutzen, um zu zeigen, dass diese Niederlage Zufall war. Er wird zurückkommen – noch stärker.“

Tatsächlich? Der entthronte Schwergewichtsweltmeister der Verbände WBA, WBO, IBF und IBO hörte seinem Bruder zu, und er wirkte nach seiner ersten Niederlage seit 2004 ebenso lethargisch wie zuvor im Ring. Er selbst ließ die Frage nach seiner Zukunft unbeantwortet, und er wirkte dabei mehr als nur enttäuscht – er war schwer getroffen. Klitschko (39) hat gegen Tyson Fury (27) nicht nur seine vier WM-Gürtel verloren, sondern auch sein unerschütterliches Selbstvertrauen. Der Brite traf nicht nur seinen Körper, sondern vor allem sein Ego.

Der Vertrag garantiert Klitschko einen Rückkampf

Ob sich Klitschko davon erholt? Das weiß niemand. Fest steht nur: Er hat einen vertraglich garantierten Rückkampf, sein millionenschwerer Kontrakt mit dem TV-Sender RTL läuft über vier weitere Kämpfe. Ob er ihn erfüllt, darf er allerdings selbst entscheiden. Der neue Weltmeister immerhin ist bereit für eine Revanche. „Dieser Sieg“, sagte Onkel und Trainer Peter Fury, „wird ihn noch stärker machen.“

Noch stärker? Der Kampf, als „Duell der Giganten“ betitelt, war boxerisch eine Enttäuschung – in der Fury vor allem eine Qualität zeigte: Er ließ Klitschko alt aussehen. Der Brite (2,06 Meter) war enorm beweglich, wechselte öfter die Führhand, provozierte bei jeder Gelegenheit, manchmal verhöhnte er seinen Gegner sogar – öfter versteckte er beide Arme hinter dem Rücken und verzichtete auf eine Deckung, und einmal lehnte er sich an das Ringseil, als stünde er gemütlich an der Bar in einem Pub in Manchester.

Klitschko fand kein Mittel gegen diesen unorthodoxen Gegner. In zwölf Runden brachte er nur 52 seiner 231 Schläge ins Ziel – ein unterirdischer Wert, zumal er seine gefürchtete Rechte so gut wie nie einsetzte. „Ich habe nicht die richtige Distanz gefunden“, sagte Klitschko, der beim Blick in den Spiegel über sich selbst erschrocken war, „mir fehlte es an Schnelligkeit. Ich konnte ihn nicht treffen, habe zu Recht verloren.“

Eine Kampfansage gibt es nur von Vitali Klitschko

Fury war der aktivere Kämpfer, aber auch er kam nur auf 86 Treffer bei 371 Schlägen. Das reichte, um auf den Zetteln der drei Punktrichter klar vorne zu liegen (115:112, 115:112, 116:111) – Unterhaltungswert hatte der Auftritt von Fury zudem.

Noch im Ring sang er seiner Frau Paris, die ihr drittes Kind erwartet und passenderweise Dollarzeichen aus goldenen Pailletten auf ihrem schwarzen Jäckchen trug, ein Ständchen – eine Version von „I Don’t Wanna Miss A Thing“ der Rockband Aerosmith. Dann dankte er Gott und lobte den Gegner: „Wenn ich als Champion nur halb so gut werde wie Wladimir, dann bin ich zufrieden.“

In der Tat stellt sich die Frage, ob und wie lange der baumlange Brite im Schwergewicht den Ton angeben wird. Er hat zwar alle seine bisherigen 25 Kämpfe gewonnen, aber nicht die Schlagkraft, um eine Ära zu prägen. Das sieht auch Vitali Klitschko so. „Gratulation an Fury“, sagte er, nachdem er seinem Bruder die Meinung gegeigt hatte, „Fury ist der neue Champion – zumindest für heute!

Es war die Kampfansage, die es von Wladimir Klitschko nicht zu hören gab.

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