Das Werk in Remshalden ist der Hauptsitz des Unternehmens. Foto: Gottfried Stoppel

Die Firma Klingele stellt seit einem Jahrhundert Verpackungen aus Wellpappe her. Was sich seit der Firmengründung geändert hat und wie die Produkte sogar im Kampf gegen das Coronavirus helfen, lesen Sie hier.

Remshalden - Um es gleich vorwegzunehmen: die Firma Klingele hat noch nie in ihrer hundertjährigen Geschichte Papier für Bücher, für Zeitungen oder den heimischen Drucker hergestellt. Weil es immer wieder zu Verwechslungen kam, wurde schließlich im vergangenen Jahr der Name von Klingele Papierwerke in Klingele Paper and Packaging Group umgeändert. „Der Name sollte außerdem unser Herzstück reflektieren, und das ist einfach die Verpackung“, sagt Jan Klingele, der das Familienunternehmen in dritter Generation führt.

Tatsächlich ist die Chance relativ groß, im Supermarkt eine Schachtel aus Wellpappe anzutreffen, die von dem in Remshalden beheimateten Unternehmen hergestellt, bedruckt, gestanzt und gefaltet wurde – gehört Klingele doch zu den fünf größten Herstellern von Wellpappe und Verpackungen aus eben jenem Material in Deutschland. Gegründet wurde es 1920 von Alfred Klingele und seinem Schwager Emil Holfelder in Wiesloch bei Heidelberg. Der Aufbau eines zweiten Werks im Remstal ist der Firma Bosch zu verdanken: „Die wollte keinen badischen, sondern einen schwäbischen Lieferanten. Bosch hat für ein Werk in seiner Nähe einen Zehn-Jahres-Vertrag versprochen“, erzählt Jan Klingele. Unter seinem Vater Werner Klingele gingen die beiden Familienzweige 1952 ihre eigenen Wege, das Werk in Remshalden wurde zum Hauptsitz der Klingele Papierwerke.

Inzwischen arbeiten 2500 Menschen für das Unternehmen

Bereits mit Werner Klingele begann die Expansion im In- und Ausland, die Jan Klingele immer weiter ausgebaut hat – mittlerweile arbeiten 2500 Menschen in Europa, Afrika und Mittelamerika für das Unternehmen. Für den Ausbau gibt es zwei Hauptgründe: „Der Markt in Deutschland ist sehr umkämpft, es gibt viele Wettbewerber“, erläutert Jan Klingele. Zudem ist Wellpappe äußert voluminös, eine Lieferentfernung von mehr als 200 Kilometern aus diesem Grund nicht rentabel: „Wir produzieren vor Ort; es macht keinen Sinn, Wellpappe um die Welt zu schicken.“

Als Erstes kam eine Papierfabrik in Ostfriesland dazu. Ein Drittel des dort erzeugten Rohpapiers geht in die eigenen Wellpappewerke, der Rest wird im In- und Ausland verkauft. Mittlerweile gibt es zwölf Wellpappewerke unter anderem in Spanien, Frankreich, Skandinavien und auf Kuba, die komplett oder teilweise in der Hand von Klingele sind. „In Kuba haben wir die Wellpappeproduktion auf Vordermann gebracht“, sagt Klingele, der schon als Sechsjähriger seine erste Wellpappefabrik gebaut hat: „Mein Vater kam mit Plänen für ein Werk nach Hause, die ich dann mit Lego nachgebaut habe“, sagt der 57-Jährige und lacht.

Die Freude an der Wellpappe ist ihm auch nach 30 Jahren im Unternehmen ­erhalten geblieben. „Die Pluspunkte sind eigentlich immer noch die gleichen wie damals, als das Unter­nehmen gegründet wurde“, sagt der promovierte ­Wirtschaftswissenschaftler. Wellpappe sei durch die namensgebende Welle zwischen den beiden Pappedecken sehr stabil und dabei viel leichter als Holz. Zudem bestehe das Material fast vollständig aus nachwachsenden Rohstoffen – nämlich aus den Fasern von recyceltem Altpapier. „Wenn Wellpappe ins Meer fällt, ist sie nach vier Wochen komplett verrottet.“

Die einzigen Makel des Materials: Es brennt gut, es verträgt sich nur bedingt mit Feuchtigkeit – und es benötigt in der Herstellung enorm viel Energie. „Die Fasern werden mit einem Haufen Wasser verdünnt. Das Trocknen des Papiers verbraucht viel Wärme.“ Mittlerweile produziert das Unternehmen 85 Prozent der benötigten Wärme sowie 50 Prozent des benötigten Stroms selbst – durch Reststoffverbrennung, ein Biomassekraftwerk, zwei Biogasanlagen, ein eigenes Windrad und Fotovoltaik.

Trennwände gegen das Coronavirus sind ein Verkaufsschlager

Aus der Wellpappe werden zum überwiegenden Großteil Verpackungen, und zwar nach Maß und auf die Bedürfnisse der Kunden zugeschnitten. Es gibt aber auch andere Dinge, die bei Klingele aus Wellpappe entstanden sind. In der Corona-Krise wurden Trennwände entworfen. Zunächst für die eigenen Mitarbeiter produziert, werden diese mittlerweile in kleineren Werken hergestellt und ganz gut verkauft. Betten, Kinderspielmöbel oder Einkaufstaschen aus Wellpappe gehören zum Sortiment.

Eine der Lieblingsanwendungen von Jan Klingele ist das Stadion des Fußballbundesligisten Schalke 04. In der Bodenkonstruktion wurde Wellpappe verbaut, um auf diese Weise einen leicht schwingenden Betonboden hinzubekommen. Die Wellpappe verrottete, dadurch entstand der benötigte Hohlraum. „Wir können trotzdem sagen: Schalke spielt auf Klingele-Wellpappe.“

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