Die Temperaturen in der Stadt steigen. Unbebaute Flächen in Außenbezirken werden darum immer wichtiger. Foto: dpa/Julian Stratenschulte

Die Landeshauptstadt heizt sich schneller auf, als es der globale Klimawandel erwarten ließe. Zu diesem Schluss kommen zwei Vaihinger Naturschützer. Sie haben umfangreiches Datenmaterial zusammengetragen. Die Botschaft ist eindeutig.

Vaihingen - Der September zeigt es deutlich: Das Klima verändert sich, es wird immer heißer und trockener. Für Stuttgart als Großstadt gilt das im besonderen Maße. Warum ist das so, und welche Rolle spielen dabei die Außenbezirke? Mit diesen Fragen haben sich die Vaihinger Umweltschützer Kristin Wedekind vom Nabu und Jürgen Franke vom BUND beschäftigt und eine Präsentation zusammengestellt, die sie unter anderem im Bezirksbeirat präsentiert haben. Dabei stützen sie sich auf amtliche Wetterdaten und wissenschaftliche Veröffentlichungen, unter anderem aus dem Stuttgarter Klimaatlas.

In der Stadt ist es besonders heiß

Städte sind Wärmeinseln. Gründe dafür sind unter anderem, dass Flächen und Gebäude die Wärme zurückstrahlen. Zudem kann nur wenig Wasser verdunsten, weil der Versiegelungsgrad hoch ist. Das meiste Niederschlagswasser wird durch die Kanalisation abgeführt. Es gibt also kaum Verdunstungskühle. Darüber hinaus ist die Windgeschwindigkeit in Städten um zehn bis 30 Prozent geringer, weshalb warme Luft langsamer abgeführt wird. Aufgrund der topografischen Lage ist dieser Effekt in Stuttgart besonders stark.

Was das für die Außenbezirke heißt

Laut Stuttgarter Flächennutzungsplan und Regionalplan des Verbands Region Stuttgart haben die Außenstadtbezirke gegenüber den Innenstadtbezirken Ausgleichsfunktionen wahrzunehmen, erklären Wedekind und Franke. Das bedeute, dass sich dort Grünzüge wie Kleingärten und Sportanlagen befinden sollten und dass Freiflächen unbebaut bleiben müssen, damit kühlere und reinere Luft in die Stadt fließen kann.

Wie sich das Klima verändert hat

Die Daten der Messstelle am Rotebühlplatz in der Stuttgarter Innenstadt zeigen, dass sich die zu erwartende Höchsttemperatur in den vergangenen 21 Jahren von 36 Grad auf knapp 38 Grad erhöht hat. Das ist ein Plus von mehr als 1,5 Grad und liegt über der menschlichen Körpertemperatur. Stuttgart bekomme „Fieber“, sagen Wedekind und Franke. Zudem ist die Zahl der sogenannten warmen Tage, an denen die Temperatur auf mindestens 25 Grad steigt, in den vergangenen 20 Jahren von 84 auf 116 gestiegen. „Im betrachteten Zeitraum ist das bereits ein ganzer Monat mehr“, heißt es in der Präsentation. 2018 gab es in Stuttgart 41 heiße Tage mit Temperaturen über 30 Grad. Das waren doppelt so viele wie im deutschlandweiten Durchschnitt. In der Bundesrepublik hat sich die Jahresmitteltemperatur während der vergangenen 21 Jahre um 0,4 Grad erhöht, in Stuttgart-Mitte allerdings um 0,8 Grad. An der Messstelle Hohenheim legte die Mitteltemperatur immerhin um 0,5 Grad zu. Und in der Landeshauptstadt ist es um 2,5 Grad wärmer als im Durchschnitt Baden-Württembergs.

Wie viel es in Stuttgart regnet

Stuttgart bekommt – bei gleicher Großwetterlage – etwa 25 Prozent weniger Niederschlag ab als das Umland. In 18 Jahren verringerte sich die Zahl der Regentage etwas, der Umfang des Gesamtniederschlags über Stuttgart-Mitte hingegen merklich. Die Niederschlagsmenge reduzierte sich von 560 auf unter 500 Millimeter pro Jahr, das ist ein Minus von zwölf Prozent. Im Jahr 2018 wurden sogar nur 400 Millimeter erreicht, während es im deutschen Durchschnitt immerhin 586 Millimeter waren. In Hohenheim verringerte sich die Niederschlagsmenge im gleichen Zeitraum sogar von 750 auf 640 Millimeter pro Jahr, also um 15 Prozent. „Stuttgart heizt sich also nicht nur durch den globalen Treibhauseffekt auf. Der Effekt beschleunigt sich, vor allem durch die immer geringeren Niederschlagsmengen und die immer weitergehende Versiegelung: Stuttgart macht sich seine Hitze selbst“, heißt es in der Präsentation.

Das Fazit der Naturschützer

Kristin Wedekind und Jürgen Franke kommen in ihrer Präsentation zu dem Schluss, dass sich Stuttgart schneller aufheizt, als es der globale Klimawandel erwarten ließe. „Das Risiko, hier aus umweltbedingten Umständen vorzeitig zu sterben, erhöht sich stärker als im bundesweiten Durchschnitt“, schreiben die Naturschützer. Bezogen auf die Außenbezirke stellen sie fest, dass diese „zunehmend in Mitleidenschaft der urbanen Wärmeinsel Stuttgarts gezogen werden“ und damit „ihre städtebaulich erforderliche Ausgleichsfunktion immer schlechter wahrnehmen“ können, weil immer mehr Flächen bebaut werden.

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