Die Stadt hat 2018 den Markplatzflügel des Rathauses mit einer Fotovoltaikanlage belegt, später folgten auch die Dächer des Altbaus. Auf vielen Dächern wäre Platz für solche Anlagen. Foto: Lichtgut/Leif Piechowski

Um das Klimaschutzziel zu erreichen, müssen in der Landeshauptstadt mehr Gebäude energetisch saniert und es muss mehr Energie erzeugt werden. Dazu sollen die Dächer genutzt werden.

Stuttgart - Die Landeshauptstadt will beim Klimaschutz zulegen. Sie muss es auch, denn 2018, das weist der jüngste Energiebericht des städtischen Umweltamtes aus, konnten die Treibhausgasemissionen zwar gegenüber 2017 um zwei Prozent und gegenüber dem Basisjahr 1990 um 34 Prozent gesenkt werden. Das genügt aber nicht. Denn das Umweltamt hat die Emissionen 2018 erstmals mit dem selbst gesteckten Reduktionspfad abgeglichen, an dessen Ende spätestens 2050 die klimaneutrale Stadt stehen soll. Global soll bis dahin die Erderwärmung auf maximal 1,5 Grad begrenzt werden. Im Vergleich mit der gesetzten Wegmarke wurden 2018 im Stadtgebiet 3650 Tonnen Kohlendioxid zuviel emittiert. „Wir lagen um 0,087 Prozent zu hoch“, sagt Jürgen Görres, der Leiter der Energieabteilung im Umweltamt.

Bis Ende 2020 will Stuttgart den Treibhausgasausstoß um 40, bis 2030 um 65 Prozent reduziert haben. Dazu soll die Sanierung von Gebäuden forciert werden. „Die minus 40 Prozent in 2020 trauen wir uns zu, auch weil 2020 ein besonderes Jahr war“, so Görres. In einer Abschätzung nannte er vor dem Klima- und Umweltausschuss des Gemeinderates für 2019 rund 38 Prozent Einsparung, was auch an der Zunahme erneuerbarer Energien beim Strommix liegt, und für 2020 auch wegen der Corona-Krise ein Minus von 40 Prozent. Minus 65 Prozent bis 2030, mit denen Stuttgart zehn Einspar-Prozentpunkte über der von der EU eben neu gesetzten Marke liegt, blieben allerdings „eine Herausforderung“, so der Energieexperte. Auch wenn immer mehr Firmen erklärten, klimaneutral werden zu wollen.

Sehr geringe Eigenproduktion

Bei der Eigenproduktion von Strom und Wärme aus erneuerbaren Energien ist die Landeshauptstadt bisher ein Zwerg. Nur 1,6 Prozent des Endenergieverbrauchs konnten 2018 auf der eigenen Gemarkung erzeugt werden, setzt man den Primärenergieeinsatz an, dann waren es 1,3 Prozent. Von 2008 bis 2018 wurde vor allem die Holzverbrennung (Pellets) in der Stadt ausgebaut, erzeugt wurden rund 80 Gigawattstunden. An zweiter Stelle steht, mit sinkender Erzeugung, die Wasserkraft, ihre Energieproduktion ging in einer Dekade von rund 60 auf 40 Gigawattstunden zurück. Weit dahinter (25 Gigawatt), aber mit sichtbarem Wachstum liegen Fotovoltaik und Geothermie oder Umgebungswärme (Wärmepumpen) mit etwa 17 Gigawatt, auch die Solarthermie legte leicht zu, Klär- und Biogas stagnierte.

Der Stromerzeugung mit Fotovoltaikanlagen und der Wärmeerzeugung über Wärmepumpen misst Görres enormes Wachstumspotenzial zu. Für die marktgängigen Techniken hat die Stadt nun zwei Förderprogramme aufgelegt, die aus dem 2019 beschlossenen und mit 200 Millionen Euro gefüllten Klimatopf gespeist werden. Lange war die Stadt beim Solarstrom mit angezogener Handbremse und zu wenig Personal unterwegs, dabei wies eine Masterarbeit 2018 nach, dass Stuttgart bei konsequenter Ausnutzung der Dachflächen 21 Prozent des Strombedarfs selbst decken könnte.

Fotovoltaik hat Potenzial

2017 wurden auf städtischen Dächern nur fünf neue Anlagen montiert, 2018 dann elf. Nun soll Gas gegeben werden. Bis 2025 sollen alle 160 städtischen Schulen Fotovoltaikmodule tragen. Das Dach der 5,4 Millionen Euro teuren neuen Mensa der Rappachschule in Weilimdorf soll zum Beispiel mit Solarziegeln gedeckt werden. Bis 2030, sagt Görres, „muss jede städtische Liegenschaft Fotovoltaik haben“. Nicht immer wird der Aufbau der Module wegen der Statik machbar sein, die Stadt nutzt 1381 Gebäude. „Wir haben noch keine Übersicht über alle“, sagt Görres. Der Stromhunger wächst, in städtischen Gebäuden von 1997 bis 2018 um rund 70 und bis 2020 geschätzt um weitere 20 Prozent. Treiber sind Digitalisierung und Klimatisierung.

Auch beim Thema Geothermie kann Stuttgart zulegen, wenngleich der Untergrund die Nutzung in manchen Bezirken erschwert oder sogar verbietet. In Bad Cannstatt sei Erdwärmenutzung wegen des Mineralwassers kaum möglich, bei der Sanierung der Uhlandschule in Rot dagegen wurde für Wärmesonden 90 Meter tief gebohrt, bei der neuen Stadtbibliothek immerhin noch 30 Meter tief.

Neues Viertel mit Plusenergiestandard

Um mit dem Rosensteinviertel auf dem heutigen Gleisgelände in der City einen Stadtteil mit 6000 Wohnungen zu errichten, der mehr Energie erzeugt als verbraucht, müsse sowohl Fotovoltaik auf Dächern und an Fassaden und die Erdwärme voll ausgeschöpft werden, sagt der Leiter der Energieabteilung. Das müsse „konsequent in die Köpfe der Architekten“. Möglich ist auch, die Abwärme des Abwassers zu nutzen, wie es im Neubaugebiet Neckarpark geschieht. Und im neuen Rosensteintunnel wurden Leitungen verlegt, um mit der Abwärme die neue Elefantenwelt in der Wilhelma zu heizen.

Seit 2012 bezieht die Stadt Ökostrom, die neue Ausschreibung für bis zu fünf Jahre wurde Anfang Dezember beschlossen. Dabei soll der bisher auf ein Drittel festgeschriebene Anteil aus weniger als sechs Jahre alten Anlagen erhöht und so der Neubau gefördert werden. Erstmals will die Stadt auch beim Gasbezug auf bio setzen, um auch hier die Klimabilanz zu verbessern. Ziel sind zehn bis 25 Prozent biogener Anteil. Der Begriff schließt nicht nur Biogas, sondern auch aus Windstrom erzeugtes Gas ein. Für Biogas sind die Kriterien streng: Keine Massentierhaltung, keine Umnutzung von Agrarflächen und „keine Verzweigungen zur Atomindustrie“, so steht es in der Vorlage.

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