Ab 2021 sollen Neuwagen in Europa im Schnitt nicht mehr als 95 Gramm Kohlendioxid je Kilometer ausstoßen. Foto: dpa

Der Geländewagen-Boom und die Dieselkrise gefährden nach einer neuen Studie die Einhaltung strengerer CO2-Grenzwerte in Europa. Fast allen Autobauern drohen Strafzahlungen.

Stuttgart - Fast allen Autobauern drohen nach einer neuen Studie hohe Strafzahlungen, weil sie die in wenigen Jahren geltenden schärferen europäischen Grenzwerte für Kohlendioxid (CO2) aus heutiger Sicht voraussichtlich verfehlen werden. Auf den europäischen Marktführer Volkswagen könnten nach einer Untersuchung des Beratungsunternehmens Alix Partners danach bis zu 1,83 Milliarden Euro zukommen, Fiat Chrysler könnte mit bis zu 746 Millionen Euro zur Kasse gebeten werden, weil die Wagen des italienisch-amerikanischen Konzerns zu viel Sprit schlucken.

Daimler drohen Strafzahlungen von 211 Millionen Euro, BMW 302 Millionen Euro. Von den großen Autobauern können nach den Berechnungen von Alix Partners nur Toyota und Volvo Strafzahlungen vermeiden. Ab 2021 sollen neue Personenwagen in der Europäischen Union im Schnitt nicht mehr als 95 Gramm CO2 je Kilometer ausstoßen, um die Erderwärmung zu bremsen und das Klima zu schützen. Für jeden Hersteller gibt es dabei allerdings individuelle Ziele.

Die Grenzwerte werden derzeit deutlich verfehlt

Bisher liegen die meisten Autobauer deutlich über den Grenzwerten. Europaweit sind die Kohlendioxidemissionen bei Neuwagen nach Angaben des Branchenverbands Acea im vergangenen Jahr um 1,6 Prozent gestiegen. Es war bereits das zweite Jahr hintereinander, in dem die Emissionen nicht gesunken, sondern gestiegen sind. Der Branchenverband bezeichnet die drohenden Strafzahlungen als „ernsthaftes Problem“. Zu dieser Entwicklung trägt auch der Boom der Geländewagen bei, die vergleichsweise schwer und weniger aerodynamisch sind als Limousinen und deshalb auch mehr Kraftstoff verbrauchen.

Nach einer Studie des Forschungsinstituts CAR an der Universität Duisburg-Essen wird es in Deutschland in diesem Jahr voraussichtlich einen doppelten Rekord geben: Erstmals werden mehr als eine Million Geländewagen (SUV) verkauft und erstmals dürfte der Marktanteil dieser bulligen Vehikel über 30 Prozent steigen. Gegenwind erhalten die Autobauer auch durch die Abkehr der Käufer vom sparsamen Diesel. Zudem führt auch der strengere Abgasprüftest WLTP zu höheren CO2-Werten.

Bei Daimler ist der Flottenausstoß im vergangenen Jahr auf 132 Gramm gestiegen. Weil Daimler viele schwere Autos verkauft, darf die Neuwagenflotte nach den neuen Grenzwerten voraussichtlich 105 Gramm CO2 ausstoßen. Ganz genau steht dies noch nicht fest.

Eine Modelloffensive bei Geländewagen soll Strafzahlungen verhindern

Trotz des Gegenwinds zeigen sich alle deutschen Autobauer entschlossen, die neuen Grenzwerte zu erreichen. Dazu soll auch eine Modelloffensive bei lokal emissionsfreien Elektroautos und Wagen mit Hybridantrieb beitragen, die an der Steckdose (Plug-in) aufgeladen werden können. BMW hat in dieser Woche angekündigt, das Angebot von Stromern schneller als bisher geplant auszubauen. BMW-Chef Harald Krüger strebt an, dass nicht in sechs, sondern schon in vier Jahren 25 elektrifizierte Modelle angeboten werden, die Hälfte davon vollelektrisch. Bei Daimler sollen Mitte des nächsten Jahrzehnts bis zu 25 Prozent aller verkauften Autos einen Elektroantrieb haben. VW will bis dahin mehr als 50 batterieelektrische Modelle anbieten.

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