Beim Boueldern oder Klettern geht es nicht nur um Kraft und Körperspannung, sondern auch um den Kopf, sagt Christian Gold vom „Griffwerk“ in Ludwigsburg. Foto: S. Warrlich

Klettern und Bouldern liegen im Trend – auch in der Region Stuttgart. Was ist das Faszinierende an der Sportart? Zu Besuch im „Griffwerk“ Ludwigsburg.

Ludwigsburg - Christian Gold hat den Blick fest auf den großen, grünen Griff schräg über sich gerichtet. An seinen Oberarmen treten die Muskeln hervor, die Beine hat er gegen die graue, raue Wand gestemmt. Noch einmal atmet er ein, dann tritt er mit dem rechten Fuß gegen eine kleine, flache Erhebung und drückt den Körper nach oben. Fast sieht es aus, als würde er an der überhängenden Wand nach oben springen. Die rechte Hand greift den grünen, runden Griff, das Ende der Route. Dann lässt er sich zurück auf die weiche Bodenmatte fallen.

Bouldern, sagt Christian Gold, das sei Arbeit an einem Projekt. Man tastet sich Zug um Zug an eine Route heran, manchmal alleine, manchmal mit anderen zusammen. Man versucht, einen Fuß anders zu stellen, den Körper anders zu drehen, das Gewicht anders zu verlagern. Und irgendwann erreicht man den nächsten Griff.

Die Routen im Boulderbereich der Halle im Osten von Ludwigsburg sind maximal viereinhalb Meter hoch – gerade so hoch, dass man einfach abspringen kann, ohne sich zu verletzen. Dafür erfordern sie je nach Schwierigkeitsgrad viel Kraft und Körperspannung. „Klettern ohne Seil und Sicherung“, sagt Christian Gold.

„Klettern steckt uns in den Genen“

Schon während der Schulzeit kam er zum Klettern, machte dann mit seinem Onkel zusammen weiter, in einer ganz kleinen Turnhalle. „Mich hat es sofort gepackt“, sagt er. Er begann, in größeren Hallen zu klettern, dann auch an den Felsen zu gehen. Nach seinem Studium entschied er sich, alles aufs Klettern auszurichten. Inzwischen klettert er im niedrigen zehnten Grad: Einsteiger beginnen im dritten oder vierten Grad, die schwerste gekletterte Route ist derzeit eine 12. Ambitionierter Hobbykletterer, nennt Christian Goild sich selbst. Jede freie Minute, jeder Urlaub, sagt er, drehe sich seither ums Klettern. Und nun auch der Job: Seit gut zwei Jahren leitet der 27-Jährige die Kletterhalle „Griffwerk“ in Ludwigsburg.

Klettern ist heute zu einem Trendsport geworden, immer mehr Menschen hierzulande gehen regelmäßig klettern – nicht nur in Hallen, sondern auch an Felswänden oder Klettersteigen in der Natur. In vielen Städten gibt es heute Boulder- und Kletterwettkämpfe. Und: 2020 wird es zum ersten Mal auch olympische Disziplin sein – der Trend wird also wohl weitergehen.

Was aber fasziniert an dieser Sportart? Christian Gold grinst. „Klettern steckt uns in den Genen“, sagt er, „wir alle sind schon als Kinder auf Bäume geklettert.“ Beim Klettern oder Bouldern könne man das nochmal ausleben – auch als Erwachsener. Dazu kommt, dass es ein Sport ist, der den ganzen Körper fordert: Den Rücken, die Arme, die Beine, die Körperspannung. Und den Kopf. „Man muss sich total auf das konzentrieren, was man macht“, sagt Christian Gold. „In dem Moment geht es nur um den nächsten Griff, da sind nur noch die Wand und ich. Alles andere blendet man komplett aus.“ Und dann ist da noch die Sache mit der Höhe, der Angst, vor allem beim Klettern.

„Irgendwann überwindet man die eigene, natürliche Angst“

Am Außenbereich der Halle stehen am späten Nachmittag ältere und jüngere Kletterpaare im hellen Kies und binden Knoten. Ein paar Kletterer arbeiten sich über die bunten Griffe langsam an der Wand nach oben. Bis zu 16 Meter hoch sind die Routen hier geschraubt, von oben blickt man weit über den Osten von Ludwigsburg.

Christian Gold zieht sich seinen Klettergurt an und bindet das Ende eines langen Seils daran fest. Er zieht sich die engen Kletterschuhe über, taucht seine Hände in einen Beutel mit Kreidepulver und checkt, ob die Kletterpartnerin das Seil auch an ihrem Gurt richtig festgemacht hat. Dann greift er nach dem ersten, runden Griff an der Wand, setzt erst einen Fuß, dann den nächsten auf die flachen, kleinen Tritte. In etwa zwei Metern Höhe hängt er das Seil, das er am Klettergurt mit sich nach oben zieht, in einen Karabinerhaken an der Wand ein. Alle paar Meter kommt der nächste. Würde er fallen, würde er maximal bis zu diesem Sicherungshaken nach unten fallen. „Je häufiger man das Fallen übt, desto mehr überwindet man die eigene, natürliche Angst“, sagt Christian Gold. „Irgendwann merkt man, dass das Seil hält und man dem Sicherungspartner vertrauen kann.“

Die Sonne ist jetzt hinter den Wolken verschwunden, das macht es einfacher, trotz der warmen Temperaturen an den steilen Außenwänden zu klettern. Die Sicherungspartnerin lässt Christian Gold am Seil wieder nach unten ab. Früher, sagt der, habe man Klettern am Felsen gelernt, oft Harakiri-mäßig, ohne gutes Equipment. Heute beginnt man in der Halle – und Standard und Sicherheit seien ein ganz anderer. Es gibt in den Kletterhallen Anfängerkurse und Kurse vom Alpenverein, die einen an den Felsen heranführen. Dort lernt man, Knoten zu binden, sich gegenseitig mit einem Seil abzusichern und wichtige Klettertechniken. Wer diese Dinge beherrscht, kann dann auch ins Freie gehen, an einen Kletterfelsen. Das Donautal bei Sigmaringen, die Lenninger Alb oder das Blautal bei Ulm sind beliebte Kletterregionen, in denen es gesicherte und geprüfte Felsrouten gibt. „Süddeutschland ist durch die Nähe zu den Alpen und mit der Schwäbischen Alb schon ein bisschen ein Kletterzentrum“, sagt Christian Gold.

Infos rund ums Klettern und Bouldern:

Ausrüstung:

Zur Grundausrüstung gehören Kletterschuhe, Klettergurt, Sicherungsgerät und Seil. Kauft man das Equipment neu, kostet das um die 300 Euro. Man kann diese Dinge aber auch gegen kleine Gebühr in den Kletterhallen leihen.

Kletterhallen:

Im „Griffwerk“ in Ludwigsburg kann man auf einer Fläche von 2800 Quadratmetern an 260 verschiedenen Routen klettern. Es gibt auch einen Außenkletterbereich, einen Kinderbereich und zwei separate Boulderbereiche. Weitere Kletterhallen in der Region sind zum Beispiel die DAV-Kletterhalle Waldau in Stuttgart, das Climbmax in Stuttgart-Zuffenhausen oder das Rox Bouelder- und Kletterzentrum in Herrenberg. Der Eintritt kostet zwischen 11 und 15 Euro ohne Ermäßigung. Günstiger ist es im kleinen cityrock in der Stuttgarter Innenstadt. Nicht zu vergessen – das Café Kraft in Stuttgart: Hier kann für 10 Euro allerdings nur gebouldert werden.

Einsteiger:

Beginner sollten zum Einstieg einen Kletterkurs machen. Diese werden in den Hallen und vom Deutschen Alpenverein angeboten. Es gibt auch Kurse, die einen von der Halle an den Fels führen, Kurse für Klettersteige oder Mehrseillängen.

Fels:

Gute Kletterfelsen finden sich beispielsweise im Donau- oder Blautal, an der Lenninger Alb, in den Hessigheimer Felsengärten oder in Calw. Infos dazu gibt es unter felsinfo.alpenverein.de oder in Kletterführern im Buchhandel.

Hat Ihnen der Artikel gefallen? Jetzt teilen: