In Baden-Württembergs Krippen und Kindergärten bekommen Kinder viel Aufmerksamkeit. Klingt positiv - ist aber nur die halbe Wahrheit. Denn die Betreuungszeiten sind hier so kurz wie nirgendwo sonst. Foto: dpa

In Baden-Württembergs Krippen und Kindergärten bekommen Kinder viel Aufmerksamkeit. Klingt positiv - ist aber nur die halbe Wahrheit. Denn die Betreuungszeiten sind hier so kurz wie nirgendwo sonst.

Gütersloh/Stuttgart - Baden-Württemberg ist bundesweit Schlusslicht bei der frühkindlichen Ganztagesbetreuung. Laut einer neuen Studie der Bertelsmann Stiftung (Gütersloh) haben nirgendwo sonst in Deutschland anteilig weniger Kinder einen Ganztagesplatz. Nur 19 Prozent der über Dreijährigen nutzen im Südwesten demnach ein Ganztagsangebot; das ist der geringste Wert aller Bundesländer, der westdeutsche Durchschnitt liegt der Studie zufolge bei 34 Prozent. Bei den unter Dreijährigen, die ganztags in eine Kita gehen, liegt der Südwesten mit 31 Prozent bundesweit auf dem vorletzten Platz.

Gute Nachrichten hat der „Länderreport“ hingegen bei der Betreuungsqualität: In den Krippengruppen in Baden-Württemberg betreut eine Vollzeitkraft rechnerisch 3,3 Kinder. Das ist der zweitbeste Personalschlüssel aller Bundesländer. Nur in Bremen ist eine Erzieherin für noch weniger Kinder verantwortlich (3,1). Weniger gute Bedingungen haben die unter Dreijährigen, die statt einer Krippe altersübergreifende Gruppen besuchen, was in Baden-Württemberg auf insgesamt 28 Prozent der Kinder zutrifft: In diesen Gruppen kommt ein Erzieher auf etwa sieben Kinder.

"Ausbau der Kita-Plätze darf nicht auf Qualität gehen"

Mit Blick auf den Rechtsanspruch auf einen Kita-Platz, den Kinder ab dem vollendeten ersten Lebensjahr von August an besitzen, warnte Jörg Dräger, Vorstand der Bertelsmann Stiftung: „Der notwendige Ausbau der Kita-Plätze darf nicht zulasten der Qualität gehen. Rund ein Viertel der unter Dreijährigen findet in Baden-Württemberg schon heute alles andere als optimale Bedingungen.“

Sehr hoch (fast 97 Prozent) ist der Anteil der über Dreijährigen, die in Kindergärten und Kitas gehen. Die Personalausstattung der Kindergärten ist im Südwesten mit 1:8,1 besser als im Bund (1:9,1).

Einen Grund für die kurzen Betreuungszeiten in Baden-Württemberg sieht die Studie darin, dass das Land im Gegensatz zu den meisten anderen Bundesländern noch keinen Rechtsanspruch auf eine tägliche Mindestbetreuungszeit gewährt. „Auch für ältere Kinder brauchen wir eine verlässliche ganztägige Betreuung“, betonte Dräger. „Der Rechtsanspruch auf einen Kita-Platz sollte deshalb auf eine Ganztagsbetreuung ausgeweitet werden.“ Hier zeige sich, dass noch immer viele Mütter daheim sind oder nur halbtags arbeiten, sagte eine Sprecherin: „Die Halbtagskita ist in Baden-Württemberg traditionell gesellschaftlich getragen und verankert.“

Die jährliche Studie basiert auf Daten der statistischen Ämter des Bundes und der Länder aus der Kinder- und Jugendhilfestatistik und weiteren amtlichen Statistiken sowie einer Befragung aller zuständigen Fachministerien der Bundesländer durch die Bertelsmann Stiftung. Stichtag für die Datenerhebung war der 1. März 2012.

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