Der belebte kleine Schlossplatz mit der Waranga-Bar im Hintergrund. Hier wollen sich die Wirte und die Geschäftsleute als „Urban Islands“ positionieren Foto: Lichtgut/Max Kovalenko

Stuttgart liegt am Meer: Als „Urban Islands“ wollen sich die Wirte und Geschäftsleute des Kleinen Schlossplatzes positionieren. Beobachtungen an einem Abend auf der City-Insel.

Stuttgart - Stuttgart liegt am Meer: Als „Urban Islands“ wollen sich die Wirte und Geschäftsleute des Kleinen Schlossplatzes positionieren. Beobachtungen an einem Abend auf der City-Insel.

Gegen halb sieben verabschieden sich die letzten Sonnenstrahlen von der weit ausladenden Terrasse der Waranga-Bar. Mit Blick auf die Stadthügel schmeckt der Fei­erabend-Spritz wie im Urlaub. Kaum ist die Sonne hinter dem Kunstmuseum und dem Buchhaus Wittwer verschwunden, wird’s kühler – und ein Wirbelwind fegt übern Kleinen Schlossplatz. Es ist, als sei das Schwabenklischee lebendig geworden.

16 Touristen folgen dem Putzteufel, der in der Person einer Stadtführerin erschienen ist. Mit Eimer und Besen ist sie bewaffnet und trägt eine Kittelschurz. Frau Schwätzle, so nennt sie sich, ist Heldin des zweistündigen Rundgangs „I han Kehrwoch“, der bei Stuttgart-Marketing „ein Hit“ ist.

Junge und jung Gebliebene kommen ins Waranga

Auf dem Aussichtsplateau hält die quirlige Frau Schwätzle sentimental inne. 1993, als die Welt zur Leichtathletik-WM nach Stuttgart gekommen sei, erzählt sie, habe die Stadt die nicht mehr benötigten Tunnelröhren mit einer Freitreppe zugebaut.

Und diese Treppe sei zur zentralen Arena der Stadt geworden. Wie in einem Amphitheater hätten die Sitzenden den ganzen Tag von hier aus Passanten und Stadtmusikanten beobachtet. Mit dem Kunstmuseum sei die Treppe zwar kleiner geworden, aber noch immer ein beliebter Treff. Und dann sagt sie bedeutungsschwanger einen großen Satz: „Hier atmet die alte Arena noch.“

Etliche, die sich an die „alte Arena“ erinnern, sitzen nun draußen am Kieferbäumle der Waranga-Bar, so wie sie einst vor Paul’s Boutique gesessen sind, dem früheren Kartenhäusle. Für Maris Biler, den Waranga-Betriebsleiter, macht den Reiz seiner nun zehnjährigen Bar die Vielfalt der Besucher aus: „Es kommen Junge, aber auch etliche, die jung geblieben sind.“ Dem Image, eine Snob-Location zu sein, entspricht die Waranga-Bar an diesem Abend nicht.

Der kleine Schlossplatz: Insel der Sehnsucht oder der Glückseligkeit?

Wenn der neue Kleine Schlossplatz wirklich eine „urbane Insel“ ist, wie dies die Wirte und Geschäftsleute als Losung ausgeben – ist es dann eine Insel der Sehnsucht oder eine Insel der Glückseligkeit?

Glücklich sind die Mieter, dass die Dauerbaustelle nach 20 Monaten endlich weg ist. Wo sich ein chronisch defektes Glasband als Oberlicht für Ausstellungsräume des Museums befand, ist über Betonelementen ein Terrazzoband angelegt – abends leuchten LED-Lampen. „Skateboardfahren verboten“ steht auf einem Schild. Aber natürlich skaten junge Leute über die neue Piste.

Wer wird sich schon darüber ärgern? „Love and Peace“ verkünden große Buchstaben im Schaufenster der Mode-Boutique Abseits. Love and Peace, das steht für Toleranz und Gelassenheit. Die Blümchenstoffe der Hippies sind zurück. Mode-Motto im Sommer 2015 ist, wie Abseits-Chef Winni Klenk weiß, „Tradition trifft Zukunft“.

In schönen Nächten versammelten sich Tausende vor Paul’s Boutique

Dies scheint auch für den Kleinen Schlossplatz zu gelten. Winni kennt ihn aus Zeiten, da er ein „Hippie-Treff“ war. „Das war die erste Phase“, sagt er, „die Phase der Flohmärkte und Drogen.“ Die Betonburg, die eine Verkehrsschneise überdeckelte, wurde zum Problembär der Stadt. Dann kam die Phase der Subkultur – nach dem Auszug des Kartenhäusle zog Paul’s Boutique ein, wo sich in schönen Nächten Tausende versammelten.

Seit 2005, seit Eröffnung des Museums, sind wir demnach in der dritten Phase. In der Urban-Islands-Phase. Wer im Menschenmeer der Königstraße, im Ozean der Hektik, eine rettende Insel sucht, findet nicht immer Ruhe hier oben. Es brummt fast so wie früher beim kleinen Bruder des Schlossplatzes.

„Ohne Baustelle kommen die Leute wieder“, freut sich Klenk. Mit den Nachbarn feiert er vom 19. bis 21. Juni ein „Insel-Fest“. Der Kleine Schlossplatz soll dem Europaviertel, dem neuen Konkurrenten beim Milaneo, keine Chance lassen.

Urban heißt das Zauberwort

Urban heißt das Zauberwort (kommt vom lateinischen urbanus, zur Stadt gehörend). Stadtplaner reden gern von „urbanen Räumen“, die – um den Menschen zu dienen – Wohnen und Arbeiten verbinden sollten. Von Urban Gardening bis zur Urban Challenge – wer sich großstädtisch fühlen will, drückt sich im urbanen Englisch aus. Frau Schwätzle findet’s bestimmt saubleed.

Ihren Touristen erzählt sie, wie bescheiden Schwaben sind. Als Beispiel nennt sie Erwin Teufel. Wenn der Ex-Ministerpräsident nicht nach Hause nach Spaichingen fuhr, habe er kostengünstig im Schwesternwohnheim übernachtet: „Nicht im Wohnheim von Lernschwestern, sondern von Ordensschwestern.“ Dies sei typisch schwäbisch.

Von den „Urban Islands“ aus ist die Aussicht genial

Doch typisch schwäbisch ist es auch, nach Feierabend auf die Gass’ zu gehen. Von den „Urban Islands“ aus ist die Aussicht genial, wie man sogar in München weiß.

In der „Süddeutschen Zeitung“ schrieb Roman Deininger: „Wenn der Schlossplatz zufällig statt in Stuttgart in München läge, wäre er für die Bayern der schönste der Welt.“ Für uns ist er es schon lange. Obendrein haben wir die schönsten Hügel. Ordentlich Holz vor den Islands sozusagen.

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