Gene Simmons von Kiss am 12. Mai in Dortmund – da das Band-Management einen inakzeptablen Fotovertrag vorgelegt hat, können wir leider kein aktuelles Bild vom Konzert präsentieren. Foto: dpa

Die US-Hardrocker Kiss liefern am Samstagabend in der ausverkauften Schleyerhalle eine fulminante Definition von „Wochenende“: laut, bunt und zielgerichtet. Wer ab und an ein Auge zukneift, hat noch mehr Spaß.

Stuttgart - „Alright Stuttgart. You wanted the best, you got the best. The hottest band in the World: Kiss“, brüllt es aus den Boxen. Unter Bomben, Raketen, Nebel und frenetischem Jubel fällt der Bühnenvorhang mit dem großem Band-Logo, und wie auf dem Silbertablett schweben Kiss zu „Deuce“ auf einem Trapez von der Hallendecke.

„Wow“, sagt einer. Aber für das New ­Yorker Hardrock-Quartett ist das seit 44 Jahren eine Art Dienst nach Vorschrift und vor allem Dienst am treuen Fan und an denen, die das bitte noch werden mögen. Und wie die vollmundige Eröffnung bereits andeutet: Wenn Kiss in der Backstube an­treten, dann gibt’s alles – nur eben keine kleinen Brötchen.

Die Band war nie losgezogen, um dem Rest der Welt Handlungsspielraum einzugestehen. Seit den Anfängen 1973 hatten Gene Simmons, Paul Stanley, Ace Frehley und Peter Criss nur eines im Sinn: die größte Band überhaupt zu sein. Mittlerweile sind nur noch Simmons (67) und Stanley (65) übrig. Beide machen sich längst nicht mehr die ­Mühe, neue Bandmitglieder mit eigenem Makeup oder Fantasy-Identität auszustatten. Seit Jahren schon tragen Gitarrist Tommy Thayer und Drummer Eric Singer das Makeup von Frehley und Criss.

Als wären sie ihr eigenes Maßband

Doch genau so haben sich das Simmons und Stanley einst ausgedacht: Wer sich das Beste wünscht und zwar sofort, der ­bekommt das auch: Kiss. Und Kiss funktioniert – nach Gesetzmäßigkeiten, die sie selbst gewählt haben. Als wären sie ihr eigenes Maßband.

„We have missed you“, schmettert Paul Stanley überdreht durch die Halle und fragt nach gerade mal 20 Minuten Show bereits, ob Kiss denn in absehbarer Zeit wiederkommen dürften. Wer sich da nicht persönlich angesprochen fühlt, hat wahrscheinlich nur gerade nicht zugehört. Stanley ist das gelebte Einmaleins des Animations-Rock und tänzelt wie ein Charleston-Turniertänzer, selbst wenn gerade keine Musik läuft. Nur ein Idiot würde ihm einen Wunsch absprechen wollen. Also, Grundtenor: „Yeah!“

Über 90 Minuten lang spielen sich Kiss quer durch das betriebseigene Repertoire aus Hits wie „Shout It Out Loud“, „Crazy Nights“, „Black Diamond“ und – natürlich – „I Was Made For Loving You“. Und noch ­immer wirken sie, wie ein überladenes ­Comicheftchen: Alles ist bunt, die Sprechblasen sind in Versalien geschrieben und ­immer wieder steht da „Buff“, „Knuff“ oder eben „Bäm“.

Bei Kiss ist immer Samstagabend

Bei „Firehouse“ spuckt Bassist Gene ­Simmons Feuer, beim sinistren „God of Thunder“ schwebt er am Seil zur Hallendecke, gurgelt Kunstblut und verteilt das mit seiner wirklich unmenschlich langen Zunge im eigenen Gesicht – Riesensauerei, aber ­bewährt imposant. Paul Stanley fährt derweil bei „Psycho Circus“ am Seil über die Köpfe der Fans hinweg zur Hallenmitte auf eine drehende Hydraulikbühne, und Tommy Thayer feuert Raketen aus der Gitarre ab, während er den Ace Frehley-Signature-Song „Shock Me“ singt – ein Lied das Frehley einst schrieb, nachdem er 1976 auf der Bühne von 220 Volt niedergestreckt wurde.

Aber weil das Motto „the show must go on“ heißt, haben Kiss schon damals nichts anderes gemacht: Bei ihnen ist ständig Samstagabend, im Leben nicht würden die es sich einfallen lassen, ein Lied über die Vorzüge eines Mittwochs zu schreiben. ­Großes Entertainment, Rock’n’Roll-Zeug und Geschlechtsverkehr finden am Wochenende statt. Basta. Ihr Tanzbereich: Spaß. Mord, Totschlag, Politik und Ärger gibt’s wieder ab Montag in der Tagesschau, jetzt ist erstmal Wochenende.

Dass Kiss inmitten dieses Zirkus’ ab und an das Timing oder der treffende Ton abhanden kommen: Geschenkt. Die Cunnilinugs-Hymne „Lick It Up“ oder das fantastische „War Machine“, 1982 zusammen mit – ja, wirklich – Bryan Adams geschrieben, geraten mitunter etwas zu grobkörnig und wirken fast wie abgearbeitet. Ab und an droht auch die hysterische Kreischstimme von Stanley in Heiserkeit umzuschlagen.

Diese Rock’n’Roll-Dienstleister haben sich Liebe verdient

Bei Filmen mit Vin Diesel oder Schwarzenegger redet niemand von Method Acting, und auch Kiss sind ein quietschbunter Blockbuster. Da darf man sich nichts vormachen: Wenn sich die singende Wunderkerze Helene Fischer von der Decke abseilt und ihren Fans eine heile und bunte Welt vor die Füße legt, dann ­geschieht das auf einer ­direkten Zeitleiste zu Kiss. Konfetti auch, das hauen sie zu „Rock’n’Roll All Nite“ gleich bergeweise in die jubelnde Menge.

Die Karriere von Kiss lässt sich grob in zwei Abschnitte unterteilen: den Teil, in dem sie der Welt erklärten, dass sie alles für sie tun werden und eben den anderen Teil, in dem sie Wort gehalten haben. Letzterer hält nun seit über 40 Jahren an – auch wenn Kiss geschätzt 25 Jahre davon nicht mehr aktiv zur Evolution der Popkultur beigesteuert haben. Die Liebe haben sie sich verdient und erarbeitet weil sie ruchlose Rock’n’Roll-Dienstleister und auch schmissige Songwriter sind – ein herzlich entwaffnender Entertainment-Bringdienst.

Niemand würde je den ersten „Kiss“ vergessen schreit Stanley in die Halle. Das stimmt, die wenigsten Generationen allerdings können sich darauf einigen, dass es sich bei ihnen identisch angefühlt hat. Kiss haben das perfektioniert. Ihre Dienst­leistung stagniert spätestens seit 1996 auf hohem Niveau. Jetzt noch „Detroit Rock ­City“, Schluss und Kuss. Mögen sie bitte wieder kommen.

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