Am Heiligen Vormittag hat in Kirchheim gelöste Stimmung geherrscht. Foto: Michael Steinert/Michael Steinert

Der „Heilige Vormittag“ ist ein vor allem in Esslingen und Kirchheim gepflegter Brauch. Auf den Straßen und Gassen trifft man sich am Weihnachtsmorgen zu einem zwanglosen Zusammensein.

Kirchheim/Esslingen - Noch einmal liegt eine aus vielen Glühwein-Töpfen gespeiste Dunstglocke über den Innenstädten von Kirchheim und Esslingen. Am „Heiligen Vormittag“, dem kleinen Bruder des Heiligen Abends, haben sich tausende von Menschen in den mittelalterlichen Straßen und Gassen getroffen, um sich vor der eigentlichen Bescherung noch eine kleine Auszeit mit Freunden und Bekannten zu gönnen. Der ganz besondere Duft hat beiläufig auch einen Hauch von Abschied über die zwanglosen Zusammenkünfte gelegt, die keinen Organisator und keinen Veranstalter kennen. Schließlich neigt sich die von den vielen Weihnachtsmärkten seit Wochen befeuerte kollektive Glühweinseligkeit unwiderruflich ihrem Ende zu.

Wer hat’s erfunden? „Die Esslinger“, gibt Andreas Kenner unumwunden zu. Als Kirchheimer Urgestein, Stadtführer, Gemeinderat und Landtagsabgeordneter mit jeder Feier vertraut, die in den vergangenen fünfzig Jahren in der Teckstadt über die Bühne gegangen ist, verortet er den Beginn der Kirchheimer Vorweihnachtsgeselligkeit erst in den 1970er Jahren. Da seien die Esslinger schon Jahre vorher auf den Beinen gewesen – rund um das Epizentrum des Heiligen Vormittags, dem Roßmarkt.

In den Kneipen hat alles begonnen

„In Kirchheim hat es eigentlich in Kneipen wie der Sonne, dem Bären oder dem Faß“, sagt Kenner. Weil seine Gaststube bald aus den Nähte platzte, hätte der damalige Bärenwirt, Michael Holz, auch draußen ausgeschenkt. Andere hätten nachgezogen. „Das ist zum Selbstläufer geworden“, sagt Kenner. In diesem Jahr ist, neben dem traditionellen Zentrum zwischen Bären und Rathaus, noch ein neuer Hotspot hinzugekommen. Vor dem sanierten Waldhorn drängte sich die Festgemeinde unter den als Schutz gegen den Regen aufgespannten Sonnenschirme. Hatte der Heilige Vormittag zuvor in Kirchheim eher den Rang eines größeren Familientreffens, steht der Termin in jüngster Zeit auch immer häufiger im Notizbuch von Gästen aus den umliegenden Städten und Gemeinden. „Ich kenne inzwischen kaum noch jeden Zweiten hier“, sagt Kenner mit Blick auf das Gewimmel. Und das will etwas heißen . . .

Keine Zwischenfälle

In Esslingen hat sich das Geschehen am Dienstag auf drei Bereiche konzentriert. Der Roßmarkt und das Krokodil sind nach wie vor das Zentrum des Heiligen Vormittags. Wer sich statt mit Glühwein oder Bier lieber mit Sekt in Festtagslaune bringen lassen wollte, hat rund um das Kessler-Haus hinter der Stadtkirche Gleichgesinnte getroffen. Ein kleinen Ableger hatte sich dann noch in der Heugasse gebildet.

Trotz der bisweilen dicht gedrängten Menschenmassen ist der Heilige Vormittag in beiden Städten ohne Zwischenfälle über die Bühne gegangen. So ist zumindest auf lokaler Ebene die Weihnachtsbotschaft auf fruchtbaren Boden gefallen: Friede auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen.

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