Samuel mit seinem großen Kirchentagsballon in der U-Bahn. Foto: Sabine Löw

Die Welt des Deutschen Evangelischen Kirchentages mit dem unverstellten Blick eines Zehnjährigen aus dem Stuttgarter Westen.

Dortmund - Für Samuel gibt es keinen Grund, seiner Mutter zu misstrauen. „Du wirst sehen, der Kirchentag in Dortmund wird dir gefallen“, hatte Sabine Löw ihrem Bub versprochen. Also nickte er und willigte ein, seine Mutter nach Dortmund zu begleiten. „Ich habe gedacht, das wird so eine Art Fest“, sagt der Zehnjährige und verzieht das Gesicht. Denn der erste Tag beim großen Christentreffen war überhaupt nicht nach seinem Geschmack. „Ich dachte, da kann man mitmachen, aber dann waren da nur Sachen zum Zuhören“, mäkelt er beim Frühstück und wirft seiner Mutter, der Pfarrerin der Pauluskirche im Westen, verärgerte Blicke zu. Auch der große grüne Ballon, den er stolz durch die Stadt trägt, ist nur ein kurzer Trost. Eugen Drewermanns Vortrag muss man nicht einmal als Erwachsener gut finden. „Ich bin fast eingeschlafen“, gesteht er. Und dann fragt er in die Runde: „Was bringt euch Bibelarbeit eigentlich?“

Kindermund tut Wahrheit kund

Kindermund tut Wahrheit kund. Manchem Großen spricht Samuel sogar aus der Seele. Auch die Erwachsenen, die am Frühstückstisch sitzen, haben das eine oder andere Problem mit dem Deutschen Evangelischen Kirchentag im Pott. Sie klagen von einer Blockabfertigung wie am Gotthardtunnel, als sie über eine Stunde an den Westfalenhallen auf die Straßenbahn warten. Sie berichten von ihren Erlebnissen in einer Stadt, die den über 100 000 Besuchern kaum Herr wird. Sie klagen über Veranstaltungen oder Workshops, die oft überfüllt sind und viele Enttäuschte zurücklassen. Und von Preisen, die nicht zu einem Kirchentag passen. „7,50 Euro für ein paar Kartoffeln mit Quark in den Westfalenhallen“, echauffiert sich einer, „geht‘s noch?“

Mitmachprogramme gefallen

Immerhin: Eines ist dem Fünftklässler des Eberhard-Ludwig-Gymnasiums und D-Jugend-Fußballers der SG Stuttgart West dann doch positiv aufgefallen: „Die Dortmunder sind so nett. Sie helfen einem sogar ungefragt, wenn man den Weg nicht weiß.“ Diese Erfahrung und die Ankündigung seiner Mutter machen dem Steppke Mut. „Morgen wird es interessanter.“ Sie verspricht für die folgenden Tage Konzerte und Mitmachprogramme satt. Samuel reagiert wortlos mit dem Kirchentags-Motto: Ach, was für ein Vertrauen.

Dieses Mal zahlt sich sein Vertrauen aus. Sogar ein Vortrag gefällt ihm. „Das war lustig“, sagt er und meint den Beitrag von Rainer Schmidt mit dem Titel „Lieber arm dran, als Arm ab.“ Unschlagbar gut findet er jedoch „Menschen-Tischkicker, das Tanzen und Tischtennis“. So darf es weitergehen, denkt er sich. Pustekuchen. Was als Musical Jesaja angepriesen wird, entpuppt sich „als einfacher Chor“. Dennoch überwiegt nun das Positive: „Heute war‘s richtig cool.“

Die große Frage aber lautet: Geht Samuel 2023 nach Nürnberg auf den nächsten Deutschen Evangelischen Kirchentag? Dann wäre er 14 Jahre alt und sieht die Kirchentagswelt womöglich mit anderen Augen. Andererseits wünscht man ihm, er möge diesen unverstellten, ehrlichen Blick auf die Dinge nie verlieren und weiter mit dem Herzen schauen. „Weiß ich noch nicht“, sagt er und lässt alles offen. Vielleicht wird es ja wieder eine reine Vertrauenssache.

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