Siegfried Zimmer in Aktion in der Stuttgarter Friedenskirche, in der er beim monatlichen Gospel-Haus-Gottesdienst die Verkündigung übernommen hat. Foto: Lichtgut/Max Kovalenko

Der Theologe Siegfried Zimmer lebt mit dem Gospel-Haus in Stuttgart vor, wie Gottesdienste in Zukunft aussehen könnten. Er bevorzugt keine klassischen Predigten.

Stuttgart. - Professor Siegfried Zimmer ist so etwas wie ein Star unter den Predigern der Evangelischen Landeskirche in Württemberg. Er füllt die Kirchen bis auf den letzten Platz. Aber zu dieser Kirche hat Zimmer ein gespaltenes Verhältnis. „Sie ist mit ihrem Gottesdiensten zu weit weg vom Lebensgefühl der Menschen“, sagt er und fordert sogar eine zweite Reformation.
Herr Zimmer, brauchen wir Kirche noch?
Ja.
Warum?
Ganz ohne die Kirche geht es nicht.
Das klingt kritiklos.
Nein. Ich habe auch ein kritisches Verhältnis zur Institution Kirche, weil sie in mehr­facher Hinsicht weit weg von den Menschen ist. Wenn ich aber keine Kirche hätte, stünde ich einsam im Irgendwo.
Das ist eine persönliche Sichtweise, die immer weniger Menschen teilen.
Das stimmt nur partiell. Die großen Kirchen haben durchaus ihren Platz in der modernen Welt gefunden. Auf der anderen Seite stimmt es, dass diese Kirchen mit ihrem spirituellen Angebot nur einen kleineren Teil ihrer Mitglieder erreichen. Daran zeigt sich, dass die volkskirchlichen Gottesdienste zu weit weg sind vom Lebensgefühl der heutigen Menschen. Die Sonntagmorgengottesdienste müsste man dringend reformieren.
Hat auch Martin Luther seinen Anteil an diesem Trend?
Inwiefern?
Heute lassen sich Menschen nicht mehr von der moralischen Keule der Kirche einschüchtern. Die Angstmache mit dem Fegefeuer klappt nicht mehr.
Die mittelalterliche Kirche war tatsächlich der Überzeugung, dass die Zuchtrute des Weltgerichts notwendig ist, um das Volk auf dem richtigen Weg zu halten. Und auch noch weit über das Mittelalter hinaus fühlten sich viele Leute aus Gewissensgründen verpflichtet, in die Kirche zu gehen. Das ist heute aber anders. Heute behaupten nur noch konservative Christen, dass man ohne den christlichen Glauben keine qualifizierte Moral entwickeln könne. Ich teile diese Behauptung nicht. Meiner Überzeugung nach kann man auch ohne Religion ein guter Mensch mit einer ­beeindruckenden Ethik sein.
Das sagt der Dalai-Lama auch: Er will ­angesichts der vielen Konflikte die Religionen durch eine universelle Ethik ersetzen. Hat der Dalai-Lama recht?
Man kann Religion nicht durch Ethik ersetzen. Führende Vertreter der Weltreligionen versuchen, eine gemeinsame Ethik des Friedens und der Gerechtigkeit zu formulieren. Das ist möglich und notwendig. In dem Buch von Hans Küng, „Projekt Weltethos“, findet man dazu wichtige Hinweise. Grundsätzlich gilt: Gott ist mehr als Ethik.
Worin liegt der Mehrwert?
Zum Beispiel in der Botschaft Jesu. Sie handelt keineswegs nur oder in erster Linie von ethischen Themen. Sie handelt von Gott, der der Grund des menschlichen Daseins ist und dem menschlichen Leben Sinn, Freude, ­Geborgenheit und Hoffnung gibt. Die ­Botschaft Jesu darf man ebenso wenig moralistisch missverstehen wie die Sünde. Kurzum: Ethik ist wichtig, aber nicht die Quelle christlichen Glaubens.
Hat jeder Mensch ein Bedürfnis nach so einer transzendenten Erfahrung?
Jeder Mensch hat ein Bedürfnis nach Sinn. Und Menschen, die zu wenig Sinnerfahrung machen, die spüren dieses Defizit.
Offenbar arbeiten Sie mit dem Team von „Gospel im Osten“ sehr sinnstiftend. Zu den Gospel-Haus-Gottesdiensten kommen an einem Sonntagabend bis zu 800 Menschen. Was ist Ihr Erfolgsgeheimnis?
Die  Gospel-Haus-Gottesdienste   zeigen, wie   Kirche   der   Zukunft   aussehen   könnte.
Wie?
Es gibt viel Musik, die nicht an das Gesangbuch gebunden ist. Die Liederwelt der großen Kirchen ist noch immer in Melodie, Text und Lebenswelt zu stark früheren Jahrhunderten verpflichtet. Es fehlen Rhythmen, die in die Beine gehen, die den Körper aktivieren. Es geht um Rhythmus, Leidenschaft, Körperlichkeit und Fantasie.
Also alle Orgeln raus, Bongos rein?
Die hohe Zeit der Orgel als Hauptinstrument ist meiner Meinung nach vorüber. Ich bin keineswegs dafür, dass man die Orgel abschafft. Das wäre unrealistisch. Zudem hat die Orgelmusik hat ja auch ihre große Tradition und Bedeutung. Aber wir brauchen eine echte Reformation in der Kirchenmusik. Viele heutige Menschen können mit der ­Orgelmusik nicht mehr viel anfangen. Die Orgeln binden auch sehr viel Geld, was Kauf, Pflege und Restaurierung anbelangt. Weitaus weniger Geld ist notwendig für ­Gitarre, Bongo und Schlagzeug.
Warum ist der Faktor Musik so wichtig?
Neben der Verkündigung ist die Musik das Wichtigste, und sie steht Gott am nächsten. Das sagte schon Luther. In Musik steckt ein Geheimnis, sie berührt die Seele. Daher wird die Musik im Gottesdienst der Zukunft eine wichtige Rolle spielen.
Ginge es nach Martin Luther, machen Sie so alles falsch. Er sagt: Hör bald auf! Sie predigen bis zu 40 Minuten. Dennoch kleben die Leute an Ihren Lippen. Warum ist das so?
Ich halte im Grunde keine klassischen Predigten. Es sind eher Vorträge im Sinne der Erwachsenenbildung. Diese Vorträge haben aber auch ­Verkündigungscharakter. Ich möchte informieren, Hintergründe aufzeigen und Lernprozesse in Gang setzen. Und dazu braucht man Zeit. Ich verstehe mich auch als Evangelist, der kirchenferne Menschen erreichen und Glauben wecken will.
Ist die Rhetorik wichtiger als der Inhalt?
Auf keinen Fall. Der Inhalt ist und bleibt das Wichtigste. Aber die Art und Weise, wie dieser Inhalt sprachlich dargeboten wird, ist nicht unwichtig. Ich bevorzuge eine einfache, anschauliche und manchmal auch deftige Sprache und meide den kirchlichen Insiderjargon.
Fassen wir zusammen: Braucht die Kirche dringend eine zweite Reformation?
Meiner Meinung nach, ja.
Ein schönes Schlusswort.
Halt. Ich muss noch etwas sagen.
Bitte schön.
Wir brauchen eine zweite Reformation schon deshalb, weil die erste Reformation nicht in jeder Hinsicht das gebracht hat, was Martin Luther eigentlich wollte. Er hatte eine andere Vision von Kirche. Ich unterscheide deshalb zwischen Martin Luther einerseits und der lutherischen Kirche andererseits. Das ist nicht einfach das Gleiche. Wie schon gesagt, halte ich vor allem eine Reformation des Gottesdienstes und seiner Musik für notwendig. Wir brauchen mehr Alternativgottesdienste.
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