Tobias Wörner bei einer Taufe im Jesustreff Foto: Lichtgut Bildjournalist Stuttgart Partnerschaftsgesellschaft mdB Max Kovalenko, Leif-Hendrik Piechowski, Achim Zweygarth Mörik

Die alternativen Gottesdienste in Stuttgart überragen in fast allen Bereichen die traditionellen Angebote. Die Landeskirche schmückt sich auch gerne mit dem Jesustreff, dem GiO und der Nachtschicht. Aber wenn es zum Schwur kommt und es ums Geld geht, fehlt es an breiter Unterstützung.

Stuttgart - Die Prognose klingt düster. Die aktuelle Studie der Universität Freiburg prognostiziert den Kirchen, dass sie bis 2060 die Hälfte ihrer Mitglieder verlieren werden. Der zurückgehende Gottesdienstbesuch bestätigt diesen Trend. Der Blick in den Alltag zeigt es: An einem normalen Sonntag verlieren sich in der großen Pauluskirche im Westen etwa 50 Gläubige. Es soll auch vorkommen, so versichert ein Prädikant, dass außer dem Organisten, dem Mesner und dem Pfarrer höchstens noch eine Handvoll Christen sich sonntags in einer Kirche versammeln.

„Umso wichtiger ist es, dass wir Raum für neue, experimentelle spirituelle Angebote schaffen, ohne das Altbewährte aus den Augen zu verlieren“, sagt etwa Stefan Karbach, dessen katholische Gemeinde St. Fidelis in der Adventszeit das Spirituelle Zentrum eröffnet. Die Basis des künftigen Angebots bleibt die christliche Tradition. „Aber wir wollen die Traditionen so leben, dass die Menschen sie verstehen und sie zur heutigen Lebenswirklichkeit passen“, sagt Karbach.

Die „Neuen Aufbrüche“ sind 15 Jahre alt

Nach diesem Muster arbeiten in der evangelischen Kirche seit Jahren drei Konzepte erfolgreich: der Jesustreff im Wizemann, Gospel im Osten (GiO) in der Friedenskirche und die Nachtschicht mit wechselnden Orten. Alle drei Formate werden im Kirchenjargon unter der Rubrik „Neue Aufbrüche“ verbucht. Ein Begriff, der GiO-Chorleiter Thomas Dillenhöfer zum Schmunzeln bringt. Schließlich gibt es GiO seit 15 Jahren, die Nachtschicht und den Jesustreff seit 19 Jahren. Einmal im Monat füllt GiO die Friedenskirche bis auf den letzten Platz: 700 Menschen kommen zu einem Gottesdienst. Dafür bräuchte die Pauluskirche 14 durchschnittliche Sonntage. Will sagen: GiO, aber auch die Nachtschicht sowie der Jesustreff sind Leuchttürme innerhalb der Kirche.

Mehr noch: Finanziell sind fast alle Projekte Selbstläufer. GiO hat Ausgaben von jährlich 202 000 Euro, aber auch Einnahmen durch Spenden von 182 000 Euro. Gleiches gilt für den Jesustreff (Ausgaben:  290 000/ Einnahmen: 250 000) und die Nachtschicht (25 000/10 000). Alle Fälle zeigen: Die Akzeptanz, Identifikation und Zufriedenheit drücken sich in der Unterstützung aus. „Wir müssen keine Bettelbriefe schreiben“, sagt Dillenhöfer, „eine Ansage reicht.“

So hoch die Wertschätzung dieser Formate beim Kirchenvolk ist, innerhalb der Kirche scheint der Erfolg nicht jedem zu schmecken. Ohne die Unterstützung von Stadtdekan Sören Schwesig sähe es für die Projekte nicht so gut aus. Schwesig weiß, „dass es ein Nebeneinander von der parochialen Struktur und dieser Aufbrüche geben muss“. Jüngst beschloss des Kirchenkreisausschuss, dass der jährliche Zuschuss für GiO (20 000 Euro), Jesustreff (40 000) und die Nachtschicht (10 000) bis 2023 festgeschrieben wird und nicht mehr jährlich bewilligt werden muss. Allerdings: Bei der Abstimmung gab es bei neun Jastimmen auch sechs Neinstimmen. Sören Schwesig wertet dieses knappe Ergebnis eher als Unsicherheit wegen der künftigen Kirchensteuerentwicklung und weniger als Missgunst gegen die Projekte. Wie auch immer: Dillenhöfer freut sich über die Entscheidung: Das gibt uns Planungssicherheit.“ So sieht es auch Tobias Wörner vom Jesustreff, allerdings wünscht er sich mehr – mehr Zustimmung, mehr Förderung von alternativen Gottesdiensten und innovativen Gründern. „Einerseits nutzt uns die Landeskirche als leuchtendes Vorbild, das dem allgemeinen Abwärtstrend widerspricht, aber die entsprechenden Taten zur Unterstützung fehlen.“

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