Heinrich Bedford-Strohm muss viele Austritte vermelden. Foto: dpa/Wolfgang Kumm

Im vergangenen Jahr haben gut 542.000 Katholiken und Protestanten in Deutschland ihre Glaubensgemeinschaft verlassen. Die Bischöfe verlangen nach Reformen. Es gebe an den Zahlen nichts schönzureden.

München - Noch nie haben so viele Protestanten und Katholiken in Deutschland ihre Kirche verlassen wie im vergangenen Jahr. Die Zahl der Austritte aus beiden Großkonfessionen lag 2019 zusammengerechnet bei 542 200. Zwar bleibt diese Zahl geringfügig unter dem Allzeit-Hoch von 1992 – damals wurden 554 000 Austritte gezählt – aber angesichts der seither rapide abgeschmolzenen Zahl von Kirchenmitgliedern liegt der prozentuale Anteil der „Auswanderer“ 2019 entschieden höher als 1992. Und: die Austrittskurve stieg im vergangenen Jahr auch wieder steiler an.

Zeitgleich haben die Deutsche Bischofskonferenz und die Evangelische Kirche in Deutschland an diesem Freitag ihre Statistik für 2019 vorgelegt. Demnach haben bei den Katholiken die Austritte gegenüber 2018 um mehr als ein Viertel – um 26,4 Prozent – auf 272 000 zugenommen; die Protestanten, die in den Jahren zuvor durchweg stärker geschrumpft sind, kamen mit einem Austritts-Plus von 22 Prozent (270 000 Personen) etwas milder davon.

Rekord in Württemberg

Den 20 Landeskirchen der EKD gehörten zum Stichtag Silvester 2019 insgesamt 20,7 Millionen Menschen in Deutschland an; das entspricht einem Bevölkerungsanteil von ziemlich genau einem Viertel (24,9 Prozent). Die Zahl der Katholiken in den 27 Diözesen lag mit 22,6 Millionen etwas höher; der Bevölkerungsanteil beträgt 27,2 Prozent.

Für den Südwesten stellt sich die Lage so dar: Die evangelische Landeskirche in Württemberg meldet ihre bisher höchste Zahl von Austritten überhaupt: 24 109 – das sind fast fünftausend mehr als noch 2018, bei einer Mitgliederzahl von zuletzt 1,96 Millionen. Die Evangelischen in Baden kommen mit 13 735 Austritten (plus 1600 gegenüber dem Vorjahr) entschieden glimpflicher davon. Die badische Landeskirche zählt damit noch 1,12 Millionen Mitglieder.

Im katholischen Württemberg gehört die Diözese Rottenburg-Stuttgart zu den Bistümern, die mit einem Austritts-Plus von 24,5 Prozent am meisten verloren haben. Knapp 21 900 Katholiken haben hier ihrer Kirche Ade gesagt; damit zählt die Diözese noch 1,8 Millionen Mitglieder. Die nahezu gleichgroße Erzdiözese Freiburg registriert mit 22 300 etwas mehr Austritte.

Nicht mal mehr das Video-Event zählt

Für die EKD kündigte der Ratsvorsitzende und bayerische Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm eine mehrjährige sozialwissenschaftliche Studie zu den Gründen der Kirchenaustritte an, dazu einige Reformen: „Um Menschen künftig für den Glauben und die Kirche zu gewinnen oder zurückzugewinnen, braucht es neben geistlicher Ausstrahlung und orientierender Kraft auch einen selbstkritischen Blick auf gewachsene Formate und Strukturen.“ Die Kirche, so Bedford-Strohm, werde sich verändern und tue das jetzt schon – etwa durch eine Ausweitung von Gottesdienstformen ins Digitale.

Der Vorsitzende der katholischen Bischofskonferenz und Bischof von Limburg, Georg Bätzing, stellte fest, die „Entfremdung zwischen Kirchenmitgliedern und einem Glaubensleben in der kirchlichen Gemeinschaft“ sei noch stärker geworden. An den Zahlen, so Bätzing, gebe es nichts schönzureden. Die katholische Kirche müsse „nach einem erheblichen Verlust von Glaubwürdigkeit versuchen, diese zurückzugewinnen.“ Dafür brauche es „Ehrlichkeit und Transparenz“, und „bisweilen auch mutige Veränderungen in den eigenen Reihen.“

Wie sehr die Kirche in den Köpfen verloren hat, zeigt sich – in der katholischen Kirche diesmal offenbar stärker als in der evangelischen – am Rückgang von Familienfeiern. Konnten sich Taufen und kirchliche Trauungen lange Zeit wenigstens als Gelegenheit für ein romantisches, „unvergessliches“ Foto- und Video-Event behaupten, so fällt nun auch dieser Ankerpunkt zunehmend weg.

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