Heiß war es auf dem Kirchentag - und zuweilen hitzig. Foto: dpa

Fünf Tage Auszeit vom Alltag, fünf Tage eintauchen ins kirchliche Paralleluniversum. Es war heiß und manchmal auch ein klein wenig hitzig. Alles in allem: Der Stuttgarter Kirchentag ist voll gelungen.

Stuttgart – „Allzuviel ist ungesund“, sagt der deutsche Aphoristiker Georg Christoph Lichtenberg (1742-1799). Das gilt nicht nur fürs Essen und Trinken, Arbeiten und Ruhen und so ziemlich für alle menschlichen Belange - auch für den spirituellen „Input“ – die geistliche Einspeisung. Katholiken aus dem Rheinland nennen dieses Symptom scherzhaft auch „Gnadenvergiftung“. Was meint: Zuviel geistliche Erbauung, Andacht und Glaubensunterweisung kann des Guten zuviel sein. Wer als Messdiener bei katholischen Hochämtern seinen Dienst tat, weiß das zur Genüge. Zuviel Weihrauch reizt erst die Bronchien, dann das Hirn und lässt einen zuletzt zu Boden gehen.

Wenn jemanden dieses Schicksal auf dem Kirchentag ereilt haben sollte, dann nicht aufgrund Weihrauchschwaden (da ist das katholische Brauchtum barocker als das protestantische), sondern wegen der Hitze. Heiß war’s und manchmal auch ein klein wenig hitzig - wenn auch nicht so wie 1969. „Verdamp lang her“, heißt ein Riesenhit der Kölsch-Rockband „BAP“ von 1981. Da war der Stuttgarter zweite Stuttgarter Kirchentag schon seit zwölf Jahren Geschichte.

Als politischster aller Kirchentage ist er in die Annalen der Protestantentreffen eingegangen. Damals wurde um theologische und politische Themen lautstark gestritten, Tischtücher wurden zerschnitten und Württembergs Pietisten kehrten den Liberalen und Modernisten in der evangelischen Kirche für lange Zeit den Rücken. Auf diesem 35. Deutschen Evangelischen Kirchentag wollte man die Gräben überwinden. Deshalb fanden der Kirchentag und der Christustag erstmals parallel statt. Doch von einem lebhaften Austausch zwischen beiden Treffen zu reden wäre übertrieben. Man hat nebeneinander, aber nicht miteinander gefeiert.

Kirchentage sind Events, die in ein kirchliches Paralleluniversum entführen. Danach kehrt man in den Alltag zurück – und alles ist vorher. So ist das mit Auszeiten. Man freut sich darauf, fiebert ihnen entgegen und Ruck Zuck ist schon wieder alles vorbei. Nichtsdestotrotz waren es erfüllte und erfüllende Tage. Und schon 2017 heißt es wieder: „Herzlich willkommen zum Kirchentag.“ Ciao Stuttgart, bis bald Berlin und Wittenberg.

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