Die Erschaffung Adams: Ausschnitt aus dem Deckenfresko des Malers Michelangelo Buonarroti in der Sixtinischen Kapelle im Vatikan. Foto: AP

Wie wird die religiöse Landkarte Deutschlands aussehen? Welche Bedeutung werden Glaube und Unglaube haben? Kehren die Götter zurück oder siechen die Religionen dahin? Um diese und andere Fragen geht es in unserer 15-teiligen Serie „Religion und Glaube 2050“.

Stuttgart - In der Serie „Religion und Glaube 2050“ im Kirchen-Blog der STUTTGARTER NACHRICHTEN ist es um die Zukunft der Religionen und Kirchen, des Glaubens und der Spiritualität in Deutschland gegangen. Wir haben Sie mitgenommen auf eine Reise zur Mitte des 21. Jahrhunderts – die Gegenwart immer fest im Blick. Abschließend 14 Thesen zur Lage des Glaubens und der Religion in um die Mitte des 21. Jahrhunderts:

1. These:

Religion und Glaube bleiben zukunftsfähig

Glaube und Religion sind – allen Zweiflern, Leugnern und Verächtern der Religion zum Trotz – bis heute und auch in Zukunft nicht aus der Welt zu kriegen.

Grundlegende ethische Werte wie Menschlichkeit, Nächstenliebe und Mitgefühl können die Basis einer Spiritualität sein, die Gläubige, Agnostiker und Atheisten gleichermaßen vereint.

Um zu glauben, bedarf es keiner Religion, Andacht, keines Kultes. Wer ein Weltbild hat, für das es sich zu leben lohnt, ist bereits ein Glaubender.

2. These:

Religiöse Konflikte nehmen an Schärfe zu

Der Islam ist die am schnellsten wachsende, die am stärksten missionierende und sozipolitisch unberechenbarste Religion.

Europas und Deutschlands Christen verlieren weltweit an Einfluss. Die Spannungen zwischen den beiden größten religiösen Blöcken, Christentum und Islam, werden sich – regional sehr unterschiedlich – verschärfen. Ein neues Zeitalter religiöser Konfrontation zieht herauf.

Die Epoche postaufklärerischer Konfessionslosigkeit hat ihren Höhepunkt beschritten. Das 21. Jahrhundert steht ganz im Zeichen einer Renaissance des Religiösen.

3. These:

Der Glaube an Gott wird zum Stabilitätsanker

Friedrich Nietzsche Diktum, „Gott ist tot!“ ist überholt. Die atheistischen Ideologien des 20. Jahrhunderts sind gescheitert.

Der Gottesglaube erlebt angesichts globaler Krisen und Kriegen eine Wiedergeburt. Religion wird zum Stabilitätsanker und identitätsstiftenden Faktor in einer zunehmend anarchischen Welt.

„Religionen sind die Antwort auf eine unverständliche und grausame Welt“, sagt der britische Physiker Stephen Hawking. Je unverständlicher und grausamer diese Welt wird, umso mehr wird ihr Einfluss wachsen.

4. These:

Die Kirchen bleiben religiöser Marktführer

Die Entchristlichung der Gesellschaft ist nicht aufzuhalten. Der religiöse Einfluss der beiden großen Kirchen erodiert weiter.

Das Modell der Volkskirchen ist überholt. Dennoch bleiben die evangelische und katholische die bestimmenden „religiösen Player“ auf dem Markt der Religionen und Weltanschauungen.

Die Säkularisierung (Verweltlichung) ist ein Prozess, der nicht linear und kontinuierlich verläuft. Vielmehr laufen gleichzeitig und nebeneinander gegenläufige Entwicklungen ab.

5. These:

Der Glaube wird individueller und gesellschaftlich irrelevanter

Die Mehrheit der Deutschen werden 2050 keine bekennenden Atheisten oder Religionsgegner sein, sondern lauwarm und halbherzig an irgendetwas glauben.

Der Trend geht zur Individualisierung der Religion und zur Popularisierung von Glaube und Spiritualität. An den Kirchen geht dieser Trend weitgehend vorbei.

Bei einer Mehrheit wandelt sich der konfessionell institutionelle Glaube zu einer Art Patchwork-Identität. Der Glaube nährt sich aus Versatzstücken, die jeder für sich zusammensetzt.

These 6 bis 10

6. These:

Die Krise des Glaubens ist eine Krise seiner Kerninstanzen

Die Kirchenbindung in Deutschland wird bis 2050 weiter nachlassen, das Glaubensleben erlahmen, das christliche Profil verblassen, die Austritte aus den Kirchen werden sich auf einem hohen Level einpendeln.

Es wird kein „Gesundschrumpfen“ der Kirchen geben. Der Glaube wird verdunsten, das Glaubenswissen wird sich verflüchtig – bei vielen bis zur Bedeutungslosigkeit.

Die beiden wichtigsten Sozialisierungsinstanzen des Glaubens, Familie und Pfarrei, werden zunehmend ausfallen.

7. These:

Die Zukunft der Kirchen diakonisch-karitativ

Die beiden großen Kirchen werden von der Mehrheit der Bevölkerung (und nicht nur den Christen) in erster Linie als soziale Dienstleister wahrgenommen.

Diakonie und Caritas werden als institutionalisiertes soziales Gewissen zu dem Grundpfeiler kirchlicher Arbeit und kirchlichem Profil.

Caritas und Diakonie werden für einen funktionierenden Sozialstaat unverzichtbar bleiben.

8. These:

Die neue Religiosität ist individuell, plural, unkonventionell

Der Bedeutungsrückgang der Kirchen als konstitutioneller Glaubensinstanz geht einher mit einem Aufschwung individueller Religiosität.

Die neue Religiosität ist individueller, pluraler und unkonventioneller als die althergebrachte konfessionsgebundene Gläubigkeit. Sie gleicht einem spirituellen Flickenteppich.

Immer neue, teils ziemlich schräge Trends werden auftauchen und wieder in der Versenkung verschwinden. Speziell der Engelglaube ist Teil einer sich weiter differenzierenden und aufsplitternden der spirituellen Erlebnisgesellschaft.

9. These:

Sport und Konsumtrends sind pseudo-spirituelle Drogen der Zukunft

Die Abkehr vom traditionsgebundenen Glauben und den etablierten Kirchen geschieht oft unbewusst. Es ist ein langsamer und schleichender Prozess der Entfremdung, in dem die Religiosität eine immer geringere Rolle spielen wird.

Der Reiz nach immer Neuem, nach dem Kick und Nervenkitzel ist für viele wie eine pseudo-spirituelle Droge. Freizeit, (Extrem)-sport und Konsumtrends werden zur neuen Religion einer säkularisierten und religiösen Erfahrungen gegenüber offenen Gesellschaft.

Die zukünftige Sinn- und Seligkeitserfahrung im „Himmel“ wird auf die Erde verlagert. Das Jenseits wird im Diesseits – und nur hier – erfahrbar und erlebbar.

10. These:

Glaube soll vor allem Spaß machen

Glaube soll vor allem den Einzelnen wie eine Glückspille glücklich und zufrieden machen. Er ist nicht auf Bewährung ausgelegt, sondern soll als ein spirituelles Antidepressivum gute Laune machen, Sorgen vertreiben und Stress abbauen helfen. Spiritualität bedeutet Innerlichkeit, Unmittelbarkeit und wohliges Empfinden.

Der Glaube darf nicht anstrengend sein, weil er vornehmlich in der Freizeit stattfindet und Spaß machen soll.

Als Anlaufstelle an biografischen Wendepunkten oder in Lebenskrisen sind die Kirchen weiter hin attraktiv.

These 11 bis 14

11. These:

Glaubende werden zu Wegbegleitern bei der Sinnsuche

Die Suche nach Wegen, die dem Leben Sinn geben können (wie Klosteraufhalte oder Wallfahrten), wird immer wichtiger und die Zahl der Suchenden immer größer.

Der spirituelle Tourismus wurde ungemein boomen.

Die religiöse Event-Kultur wird zum gemeinsamen Bindeglied und Orientierungspunkt von Glaubenden, Suchenden und Zweifelnden.

12. These:

Der religiöse Fundamentalismus ist eine der größten Herausforderungen von Religion und Gesellschaft

Der religiöse Fundamentalismus jeglicher Couleur wird zu einer der größten Herausforderung für den gesellschaftlichen Frieden in Deutschland.

Religion wird zum gesellschaftlichen Halt in einer als feindlich wahrgenommen Lebenswelt. Damit wächst exorbitant die Gefahr einer Radikalisierung.

Der Fundamentalismus ideologisiert, instrumentalisiert und pervertiert die Religion.

13. These:

Die Erleuchtung kommt aus Asien

Die große Zeit des Buddhismus als Modereligion wird vorbei sein.

Als Erleuchtungsreligion steht die Lehre Buddhas allen Sinnsuchenden offen. Das macht sie auch in Zukunft für Individualisten und Nonkonformisten besonders attraktiv.

Die gesellschaftliche Erleuchtung kommt in Wellen: Dalai Lama-Kult, Yoga, Meditation – Asien bleibt en vogue.

14. These:

Der Islam gehört zu Deutschland

2050 wird Deutschland (sehr viel) muslimischer sein als heute.

Ihr Glaube wird Deutschlands Muslime politisch und gesellschaftlich mehr denn je mobilisieren und zu einer gesellschaftlichen Kraft werden lassen, an der niemand vorbei kommt.

Die Mehrheit der Muslime will Integration und soziale Akzeptanz.

Unsere Serie: Religion und Glaube 2050

Teil 1: Trend 2050 – Religion, Glaube, Spiritualität

Teil 2: Trend 2050 – Globaler Glaube und Unglaube

Teil 3: Trend 2050 – Der Glaube der Ungläubigen

Teil 4: Trend 2050 – Säkularisierter Glaube

Teil 5: Trend 2050 – Individualisierter Glaube

Teil 6: Trend 2050 – Kirchlicher Glaube

Teil 7: Trend 2050 – Karitativ-diakonischer Glaube

Teil 8: Trend 2050 – Patchwork-Religiosität

Teil 9: Trend 2050 – Pseudo-religiöse Konsumtrends

Teil 10: Trend 2050 – Sanfter Glaube

Teil 11: Trend 2050 – Auf Sinnsuche bei Glaubenden

Teil 12: Trend 2050 – Fundamentalistischer Glaube

Teil 13: Trend 2050 – Fernöstliche Erleuchtung

Teil 14: Trend 2050 – Muslimische Parallelwelten

Abschluss: Religion und Glaube 2050 in 14 Thesen

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